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“Sender und Verlage würden bei einem Brexit in Mitleidenschaft gezogen”

Bertelsmann-Managerin Gail Rebuck fürchtet bei einem Brexit Einbußen für die Kreativwirtschaft
Bertelsmann-Managerin Gail Rebuck fürchtet bei einem Brexit Einbußen für die Kreativwirtschaft

Gail Rebuck leitet für Bertelsmann das Penguin Random House Board in Großbritannen und sitzt im Bertelsmann Group Management Committee (GMC). Im Bertelsmann Intranet äußerte sich Rebuck u.a. über die ihrer Meinung nach fatalen Folgen eines Brexits, eines Austritts Großbritanniens aus der Europäischen Union, für die Kreativwirtschaft. MEEDIA dokumentiert das Interview in einer gekürzten Fassung.

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In den jüngsten Bertelsmann-Landeskoordinations-Meetings für Großbritannien war ein möglicher Brexit wiederholt Thema. Wie würden Sie das Stimmungsbild unter den Geschäftsführern im Angesicht des möglichen Brexit beschreiben?

Während unseres jüngsten Treffens in London haben die Kollegen von Arvato das Thema Brexit auf den Tisch gebracht, als sie nach der Bertelsmann-Position hierzu fragten. Aus der Sicht von Arvato selbst nämlich gilt: Die Services, die das Unternehmen in Großbritannien anbietet, sind oft Europa-weit angelegt. So brauchen die Call-Center mehrsprachige Mitarbeiter. Sie profitieren von einer europäischen Belegschaft, die sich frei zwischen den Ländern bewegen kann. Auch herrschte der Eindruck, dass es für Großbritannien ungleich schwieriger werden könnte, attraktive globale Dienstleistungen an sich zu ziehen, wenn das Land als zunehmend isolationistisch betrachtet würde. Natürlich ist das Referendum im UK am 23. Juni eine individuelle Entscheidung jedes wahlberechtigten britischen Bürgers. Aber die Verantwortlichen der Bertelsmann-Geschäfte haben im Landeskoordinationstreffen für Großbritannien übereinstimmend den Wunsch geäußert, dass das Land aus einer Vielzahl strategischer und kommerzieller Gründe Teil der Europäischen Union bleiben möge.

Wie könnte sich ein möglicher Brexit denn kurz- und langfristig auf die Medien-, Kreativ- und Dienstleistungsindustrie im UK allgemein auswirken?

Auch dank der Hilfe der EU ist Großbritannien zu dem kreativen Powerhouse geworden, das es heute ist. Denn zum einen fördert die EU kreative Industrien finanziell. Zum anderen hat die Möglichkeit des freien Austauschs und Handels mit 27 anderen Ländern unsere Kultur-Exporte über Jahrzehnte hinweg befeuert  und britische Künstler in die Lage versetzt, über Grenzen hinweg zu arbeiten. Die britische Kreativbranche beschäftigt zwei Millionen Menschen. Sie alle sind darauf angewiesen, dass diese Branche wächst und gedeiht. Ein anderes Beispiel: An britischen Universitäten studieren 125.000 Studentinnen und Studenten aus der Europäischen Union, 15 Prozent der Dozenten stammen aus den Ländern der Gemeinschaft. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur britischen Wirtschaft und Kultur, aber sie sind zugleich eine zentrale Quelle für neue Talente. Schließlich, und das ist das Wichtigste, schützen die Gesetze der EU die Urheberrechte all der Autoren, Musikern und Kreativschaffenden, die so unverzichtbar sind für das Geschäft von Bertelsmann. Mag es dort ab und zu Meinungsverschiedenheiten geben, so bin ich dennoch davon überzeugt, dass es für Großbritannien besser ist, auch in Zukunft einen Sitz an dem Tisch zu haben, an dem die Politik gemacht wird.

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Welche konkreten Folgen könnte ein Brexit für die Bertelsmann-Geschäfte im UK haben?

Das größte Problem liegt wohl darin, dass wir genau das nicht sagen können, weil niemand wirklich weiß, wie ein „out“ aussehen könnte. Das ist übrigens einer der Gründe, weswegen ich das Risiko eines Austritts für zu groß halte. Derzeit haben wir ungehinderten Zugang zum gemeinsamen Markt der EU mit seinen 500 Millionen Verbrauchern. Und wir kennen die Mechanismen dieses Marktes. Das heißt, wir können sicherstellen, dass die Regeln für unsere Unternehmen, für die britische Wirtschaft und für diejenige der EU funktionieren. Es gibt alternative Modelle für den einheitlichen Zugang Großbritanniens zum europäischen Markt im Falle eines Austritts, aber keines von ihnen ist so gut wie der Deal, den wir heute haben. Wenn Großbritannien austritt, verlieren wir den Zugang zur EU-Förderung für Universitäten und Künste. Ich befürchte, dass wir dann weniger talentierte Menschen haben werden, die eine Karriere in der Fernsehproduktion oder dem Verlagswesen, in der Musik- oder der Bildungsbranche anstreben, weil sie dann nicht mehr die finanzielle Unterstützung bekämen, die sie brauchen. Aus einer übergeordneten wirtschaftlichen Perspektive betrachtet, leugnen weder die Gegner noch die Befürworter eines Austritts, dass er der britischen Wirtschaft einen Schlag versetzen würde. Die Frage ist eigentlich nur, wie massiv er ausfallen und wie lange er nachwirken würde – schon das nutzt keinem unserer Geschäfte. Es wäre insbesondere schlecht für unsere Outsourcing- und Solutions-Bereiche, deren Kunden von jeder Form einer Post-Brexit-Rezession betroffen wären. Aber Analysen zeigen genauso, dass auch Sender und Verlage aufgrund des zu erwartenden Rückgangs von Werbeumsätzen in Mitleidenschaft gezogen würden.

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Alle Kommentare

  1. Die Gewerkschaften sollten mal die Lohnverteilung der Absolventen veröffentlichen. Dann sollte man vielleicht erkennen und beschliessen das bestimmte Studiengänge nur “Hobby ohne relevantes Einkommen” sind.

    Und so lange man nicht Europaweit Mediatheken abonnieren und monatlich kündigen kann, ist das für kleine Kunden genau KEIN einheitlicher Rechtsraum sondern nur für Großkonzerne.
    Ich glaube eine UKIP-Politikerin meinte im TV “wenn wir aus der EU austreten haben wir am nächsten Morgen ein Zero-Zoll-Abkommen”. Zölle abschaffen kann man auf einem Din-A4-Blatt. Dafür muss man keine TTIP-US-Patente für Geschäfts-Ideen hier akzeptieren.

    Beachtenswert it auch, das von “„Sender und Verlage würden bei einem Brexit in Mitleidenschaft gezogen“ also “Sendern und Verlagen” in Hochpreis-Mietgebieten gesprochen wird und nicht von kleinen Arbeitern und den wahren Urhebern.

    Verschiedene Rechtsräume sind mehr Möglichkeiten. Siehe Irland worüber die Steuer-Spar-Modelle von US-Großkonzernen laufen.

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