Partner von:
Anzeige

Vom Bildblog-Liebling zum Kai Diekmann-Fan in nur einem Tweet

wr.jpg

Wie, was? Wochenrückblick mitten in der Woche? Der Feiertag Christi Himmelfahrt samt „Brückentag“ machen es möglich, dass sogar diese halbe Medienwoche für einen vollen Wochenrückblick ausreicht. Und zwar mit dem TTIP-Skandal, der schon wieder keiner ist, Kai Diekmanns elaboriertem Networking in Israel, Zeitschriften auf der Reste-Rampe und einem wieder auferstandenen Kurt Molzer.

Anzeige
Anzeige

Es ist ganz schön verwirrend. Gerade hat man die Enthüllung der Panama Papers halbwegs verdaut, kommt der Rechercheverbund aus Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR schon mit der nächsten Enthüllung angetrabt: die TTIP-Papers. Wobei: Enthüllt hat die Verhandlungspapiere des umstrittenen transatlantischen Freihandelsabkommens eigentlich Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation hat dem Rechercheverbund die Dokumente dann vorab zur Verfügung gestellt, damit die SZ und die ARD-Sender auch schön zeitgleich mit dem PR-Aufschlag von Greenpeace berichten können. Wie schon bei den Panama Papers (redet da eigentlich noch irgendjemand davon?) ist aber auch bei den aktuellen TTIP-Enthüllungen der Wert der Nachrichten von eher begrenztem Erkenntnisgewinn. Zumal es ja um Verhandlungspositionen geht, die immer irgendwo auch Extrempositionen sind. Dass die Amis dabei auf den tatsächlich fragwürdigen Schiedsgerichten beharren und auf Einfuhr-Erleichterungen für Agrarprodukte, ist nicht sehr verwunderlich. Die NZZ schrieb in diesem Zusammenhang vom „Skandal, der keiner ist“. Sogar der ARD-Brüssel-Korrespondent Rolf-Dieter Krause, dessen Haussender WDR ja mit enthüllte, sagte in einem “Tagesthemen”-Kommentar: „Der Inhalt ist nicht neu und man kann ihn sich auch denken.“ Es sei normal, dass die schwierigen Fragen am Ende verhandelt würden und es sei auch normal, dass solche Verhandlungen vertraulich geführt werden.

Bei der SZ, dem publizistischen Arm von Greenpeace in dieser Sache, ist man naturgemäß viel aufgeregter. Heribert Prantl kommentierte dort, die „Realität der TTIP-Verhandlungen übertrifft die dunklen Ahnungen noch“. Ist es wirklich so, dass – wenn TTIP kommt – wir alle sofort an Gen-Mais-Vergiftung sterben bzw. uns das Chlor-Hähnchen unschön im Halse stecken bleibt? Eher nicht. Die beste Zusammenfassung über Sinn und Unsinn von TTIP habe ich bei der FAZ in einem Artikel vom Februar gefunden, der noch immer aktuell scheint und gar nix mit der Greenpeace Enthüllung zu schaffen hat. Da wird auch die Sache mit den Schiedsgerichten unaufgeregt und verständlich erklärt. Als exklusive Nachrichten-Sensationsware taugt solche Berichterstattung freilich nicht.

Die Zeitschriftenverleger erklären gerne, dass es sich bei den Erzeugnissen aus ihren Häusern um so genannte Premium-Produkte handelt. Gut, dass das immer wieder erwähnt wird, denn wenn man in diesem Internetz auf Seiten stößt wie „Sparen wie die Schwaben“, könnte man einen ganz anderen Eindruck gewinnen. Das gesamtdeutsche Magazin-Portfolio von Spiegel über Vogue bis zum Goldenen Blatt wird hier im Ramsch-Anmutung unters Lesevolk geworfen wie olle Kamellen vom Karnevalumzugswagen. Die einst stolze TV-Zeitschrift Hörzu gibt es da beispielsweise gerade im Mini-Abo zum Schnapperpreis von minus 20 Cent für elf Ausgaben. Will heißen: Wer elf Hörzu-Ausgaben zum Preis von 19,80 Euro abnimmt, bekommt einen 20 Euro-Gutschein für Amazon oder was anderes zugesteckt. Nicht nur die EZB kennt den negativen Zins. Dass Abos in Deutschland massiv subventioniert und mit teuren Prämien unters Volk gebracht werden, ist nichts Neues. Wer aber ein Herz für die Gattung Print hat, den können solche Ramschportale wie „Sparen wie die Schwaben“ nur deprimieren. Eine selbstbewusste Branche sollte sich so eigentlich nicht präsentieren.

Bild-Herausgeber Kai Diekmann hat eine Reihe von Medienchefs zu einem Seminar nach Yad Vashem eingeladen, der zentralen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem.

Mit von der Partie bei der exklusiven Bildungsreise sind stern.de-Chef Philipp Jessen, Berliner Morgenpost-Chefredakteur Carsten Erdmann, dpa-Chefredakteur Sven Gösmann, Rheinische Post-Chefredakteur Michael Bröker, der deutsche Huffington Post-Chefredakteur Sebastian Matthes, Bild am Sonntag-Chefredakteurin Marion Horn, Rhein Zeitung-Chefredakteur Christian Lindner, Sächsische Zeitung-Chefredakteur Uwe Vetterick, Südwest Presse-Chefredakteur Ulrich Becker, Kölner Stadt-Anzeiger-Chefredakteur Peter Pauls, Neue Osnabrücker Zeitung-Chefredakteur Ralf Geisenhanslücke und Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart.

Ziemlich elaboriertes Networking vom “KD”. Vom fernen Deutschland aus zollte der Diekmann’schen Bildungs-Reisegruppe einer Respekt, von dem man es nicht unbedingt erwartet hätte. Daniel Mack, früherer Grüner Landtagsabgeordnete aus Hessen, schickte einen Schleim-Tweet an Diekmann mit dem Kommentar „Wunderbares Land“ samt Israel-Fähnchen, Palme, Sonne und Cocktailglas.

Mack war seinerzeit mit Hilfe des Medienanwalts Ralf Höcker juristisch gegen Bild vorgegangen, weil die ihm einen „Schwarzfahrer Skandal“ anhängen wollte. Der Fall wurde damals auch bei uns und dem Bildblog thematisiert. Jetzt nutzt er Twitter, um beim großen KD so ein bisserl zu antichambrieren. Vom Bildblog-Liebling zum Diekmann-Fan in nur einem Tweet.

Kennen Sie noch Kurt Molzer? Der war in einem anderen Leben mal Reporter bei Bunte und später Sex-Kolumnist beim Männer-Heftl GQ. Seine Kolumne, die in einigen Kreisen so genannten Kult-Status besaß, hieß „Kurt versucht es wenigstens“ und bestand aus detailliert geschilderten amourösen Abenteuern des Reporters Molzer, bei denen man sich nie ganz sicher sein konnte, ob sie wirklich so geschehen waren oder der Fantasie des Autors entsprangen. Bisweilen wünschte man sich Letzteres. Später war Molzer dann auch mal kurz Chefredakteur des deutschen Penthouse. Jetzt ist Kurt zurück auf der publizistischen Bühne mit einer Reportagereihe im Magazin Wiener, in der er seine Erlebnisse als Taxler in der österreichischen Landeshauptstadt verarbeitet.

Bildschirmfoto 2016-05-04 um 15.16.40

Der Ankündigungsartikel ist überschrieben mit der Selbst-Einschätzung: „Der größte Hecht seit Dschingis Khan“ und zeigt Molzer auf einer Harley (natürlich ohne Helm), auf dem Schoß ihm zugewandt eine unbekannte Schöne im Leder-Minikleid. Egal ob erfunden, gestellt oder nicht. Langweilig ist der Molzer jedenfalls nicht.

Ihnen allen ein wunderbares Feiertags-Wochenende!

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Das spannendste an den TTIP-Enthüllungen ebenso wie an Panamaleaks ist ja, dass es für Informanten früher gar keine Frage gewesen wäre, zuerst zum Spiegel zu gehen. Dass sie es nicht mehr tun, ist zwar nicht sonderlich verwunderlich, aber ein sehr guter Indikator für den Niedergang des Spiegel.

  2. Merken jetzt allmählich auch meedia und winterbauer, dass sie immer und immer wieder zu Wochenende auf die PR-Maschine der SZ und die des WDR&NDR reinfallen? Wieso eigentlich wird deren Senf, zu dem es im Regelfall keine publizisischen Würstschen gibt, unhinterfragt, ungefiltert, unreflektiert einfach in die Öffentlichkeit gepustet? Peinlich, dümmlich – und Wasser auf die verdammte “Lügenpresse”-Mühle der AfD dazu. Prantl ist nur mehr ein polemischer Worthülsen-Mixer; er war mal treffend, jetzt ist er, na, sagen wir: ein Schreibtischpinscher..

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Meedia

Meedia