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Sascha Lobos re:publica-Rede und der Snapchat-Frust: „Wir, die digitale lost generation“

Der Klassensprecher ist zurück, und er redet sich in Rage wie in alten Zeiten: Mit einem beherzten Auftritt beendete Sascha Lobo den ersten Tag der Digitalkonferenz re:publica. Nach seinen wilden Jahren als Internet-Pionier scheint Lobo kurz vor seinem 41. Geburtstag in einer gewissen Sinnkrise zu stecken: Der Alphablogger philosophiert über die Unwägbarkeiten des Internet wie er gleichermaßen am Social Media-Erfolg der AfD zu verzweifeln scheint. Trotzdem bleibt Lobo ein digitaler Zweckoptimist.

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Nach der selbstgewählten Auszeit das Comeback: Man kennt das von HipHop-Stars, Filmhelden und sogar Sport-Legenden – nun kehrt auch Sascha Lobo zurück in den Ring der re:publica. Und doch ist es ein Comeback mit auffällig vielen Selbstzweifeln: Lobo, inzwischen in seinen Vierzigern, gab sich gestern vor knapp 5000 Besuchern auf seiner inoffiziellen Keynote zur re:publica, die den Titel „The Age of Trotzdem“ trug, nachdenklicher als gewohnt.

Da ist zum einen die Konsens-Falle: Als die re:publica vor zehn Jahren mit einem versprengten Haufen von Bloggern startete, war das Internet in seinem zweiten Jahrzehnt in seine wohl spannendste Phase eingetreten – Facebook war drei Jahre alt, Twitter gerade gegründet, Apple hat noch nicht sein iPhone gelauncht. Es gab viel zu entdecken, damals.

Internet-Pioniere auf Sinnsuche:  „Wir, die digitale Lost-Generation“

Heute ist das Internet der Inbegriff des Mainstreams – wer das für eine beliebte Medienfloskel hält, möge sich das Ranking der wertvollsten Konzern der Welt ansehen: Apple führt die Liste vor Alphabet an, Microsoft folgt auf Platz drei – Facebook und Amazon auf Platz sechs und sieben. Wie nerdig und wegweisend kann da eigentlich noch über das einstige Avantgarde-Medium diskutiert werden, wenn sich das Gespräch bei der Frisörin um Instagram-Hashtags dreht?

Ergebnis: Die große Müdigkeit bei den Internet-Vordenkern – eine Art digitale Midlife-Krise, die Lobo in der wunderbaren 20er-Jahre-Metapher von Gertrude Stein verklärt: „Wir, die digitale Lost-Generation“.

Was fehlt: „Snapchat für Erwachsene“

Doch es kommt noch dicker: Es ist tatsächlich eine junge Internet-Generation nachgewachsen, die ihr eigenes Ding macht, ohne sich um die Errungenschaften der vergangen Dekade zu scheren – mit Snapchat.

Keinen Internet-Dienst erwähnte Lobo in seinem einstündigen Vertrag häufiger als die boomende Schnipsel-Video-App, die Internet-Nutzer „um die 40“ – Lobo mag von sich selbst sprechen – schlicht nicht mehr verstehen. Er wünsche sich nicht zuletzt deshalb von den Netzaktivisten ein „Snapchat für Erwachsene“, erklärte Lobo.

„Ich habe einen regelrechten Hass auf iTunes“

Das Gefühl der Verlorenheit liegt nicht zuletzt in den anhaltenden Unwägbarkeiten des Internets, das auch nach zwei Dekaden weiter große Baustellen bietet – etwa in Form der furchtbaren Benutzerführung bei iTunes (Lobo: „Ich habe einen regelrechten Hass auf iTunes“) oder einer fehlenden, tieferen Facebooksuche („Wo finde ich den Post wieder, von dem ich nur die ersten zwei Worte gelesen habe, bevor ich Reload gedrückt habe?“)

Doch es gibt noch eine andere Sache, die Lobo, der einst netzpolitisch im Online-Beirat der SPD aktiv war, umtreibt – und die hat politische Dimensionen. Es ist einerseits die Bräsigkeit der Politik bei der Digitalisierung („Deutschland liegt  bei der Verfügbarkeit von Glasfaseranschlüssen zwischen Kroatien und Jordanien“), für die Bundeswirtschaftsminister Gabriel die oder andere Verbalwatschn kassiert.

Netzpolitischer Albtraum: Facebook dient als Trittbrett für ungewollte Kräfte

Vor allem aber schmerzt Lobo, wie ausgerechnet rechtspopulistische Kräfte dank sozialer Medien an Verbreitung und Zustimmung gewinnen – allen voran die AfD, die es auf Facebook mit 267.000 Likes tatsächlich auf mehr Fans bringt als CDU, SPD und FDP zusammen. „Wir wollten eine bessere Welt dank Internet“, resümiert Lobo – bekommen hat man aber auch Plattformen, die als Trittbrett für ungewollte Kräfte dienen.

Das „Trotzdem“, das Lobos Vortrag wie eine Klammer zusammenhalten soll, klingt da am Ende unisono wie der schwache Zweckoptimismus, den die Wahlkampfreden von Sigmar Gabriel durchziehen. Es ist ok, sich in der Midlife-Krise Momente der Desillusionierung einzugestehen, ohne reflexartig einen Plan zur Korrektur zu haben.

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