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“Es geht um die Grenzen der Freiheit in Deutschland” – so erklärt Jan Böhmermann sein Erdogan-Gedicht

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Jan Böhmermann äußert sich in der Zeit erstmals selbst über die Affäre rund um sein Erdogan-Schmähgedicht

Jan Böhmermann hat sein erstes Interview nach der Affäre um sein Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Erdogan der Zeit gegeben. Die Fragen von Matthias Kalle und Moritz von Uslar beantwortete er nur schriftlich. Im Interview erlebt man einen durchaus angefassten Böhmermann, der vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel immer wieder scharf kritisiert.

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Böhmermann beantwortete die Fragen “aus Bequemlichkeit” nur schriftlich, wie er sagt, und weil er der Erste sein wollte, der in einem Zeit-Interview (hier die gekürzte Online-Fassung des Interviews) Emojis unterbringt (was er dann auch tatsächlich tut). Auf die Frage nach Drohungen, die er nach dem Eklat rund um sein Gedicht erhalten habe, sagt er: “Wenn eine deutsche Regierungschefin das freie Arbeiten eines deutschen Künstlers nicht verteidigt, sondern denjenigen und seine Arbeit ohne Not gegenüber einem wannabe-Diktator zur Verhandlungsmasse erklärt, hat das dramatische und ganz reale Konsequenzen – in diesem Fall für meine Familie und mich. Das hätte ich nicht gedacht, aber da muss man eben durch, nützt ja nichts.” Konkreter wird er in diesem Punkt nicht.

Am allermeisten amüsiere ihn, dass “die Chefin des Landes der Dichter und Denker offenbar nicht einen Moment über das Witzgedicht und besonders seine Einbindung nachgedacht hat, bevor sie sich mit ihrem öffentlichen Urteil blamiert hat.” Die Formulierung “bewusst verletzend”, die Merkel zunächst für eine öffentliche Bewertung des Gedichts fand, hat Böhmermann offensichtlich selbst als verletzend empfunden. Selbstmitleid kenne er freilich nicht, sagt Böhmermann: “Wenn ich als ZDF-Quatschvogel nun mit dafür gesorgt habe, dass da genauer hingeschaut wird, ist das doch kein Grund für Selbstmitleid.” Allein: Der Eindruck, den er im Interview vermittelt, ist ein anderer. Hier wird durchaus deutlich, dass er sich vom Staat im Stich gelassen oder gar verraten fühlt.

Die Zeit-Interviewer verweisen auf seine Begründung, mit der er seine Teilnahme an der Grimmepreis-Verleihung abgesagt hatte, nämlich, dass er sich “erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe” fühle. Böhmermann erklärt, welchen Glauben er damit meint: “Der Glaube daran, dass jeder Mensch in Deutschland ein unverhandelbares, unveräußerliches Recht auf gewisse Grundrechte hat: die Freiheit der Kunst und die freie Meinungsäußerung. Ich habe geglaubt, dass es die Aufgabe von Politik ist, für die nötige Freiheit zu sorgen, dass Spaßvögel wie ich in Ruhe und mit Sorgfalt ihren Job machen können. Ich setze inzwischen mehr auf die Justiz als die Politik.” Nach dem Ausbruch der Affäre hat er den Berliner Medienanwalt Christian Schertz engagiert, über den er sich früher in seiner Sendung immer wieder lustig gemacht hatte. Schertz hat zuvor in vielen Fällen Mandanten vertreten, bei denen es eher gegen eine allzu freie Auslegung von Meinungsfreiheit ging.

Was die Bedeutung des Gedichts selbst angeht, in dem Erdogan u.a. als “Zickenficker” geschmäht wird, sagt Böhmermann, dass er keine Beleidigung Erdogans im Sinn hatte. “Es ging eher um die Illustration einer Beleidigung, die natürlich auch mit plumpen Klischees und Vorurteilen hantiert. Die für mich schmerz­hafteste Vorstellung ist wirklich, dass mich jemand wegen dieser Nummer ernsthaft für einen Rassis­ten oder Türkenfeind halten könnte. Es geht um die Grenzen der Freiheit in Deutschland.”

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Seine vom Spiegel publik gemachte Twitter-Nachricht an Kanzleramtsminister Peter Altmaier, in der er ihn um Unterstützung bat, kommentiert Böhmermann in dem Interview folgendermaßen: “Diese Nachricht habe ich nicht ohne Not und sicher nicht in einer Situation geschrieben, wo Sie noch daran denken, was jetzt besonders cool rüberkommt.” Er habe gegenüber Altmaier klarstellen wollen, dass es auf den Kontext des Gedichtes ankomme.

Zu dem von Bild-Herausgeber Kai Diekmann erfundenen Böhmermann-Interview sagt der echte Böhmermann in der Zeit, das er es gar nicht gelesen habe. Das kann man glauben, muss man aber nicht. Und er kommentiert auch die ungefragte öffentliche Unterstützung durch den Axel Springer-CEO Mathias Döpfner, der sich Böhmermanns Gedicht in einem offenen Brief “zu eigen” gemacht hatte: “Springer­-Chef Mathias Döpfner sagte neulich aber, das Diekmann ­Interview sei wirklich ‘wahnsinnig witzig’. Ich schließe mich diesem Urteil jetzt einfach mal so an und mache es mir zu eigen. Matze und ich sind ja eh eine Wellenlänge.”

Auch wenn er immer wieder Scherze und ironische Passagen im Interview einstreut – wirklich verdaut hat Jan Böhmermann die Sache offenbar noch nicht. Aber immerhin hat er sich nun öffentlich erklärt. Es war an der Zeit.

(swi)

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