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“re:publicen sind die Zupfkuchenbackmischungen unter den Veranstaltungen. Sie gelingen immer”

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Er hört es nicht gerne. Aber, wenn die re:publica das Klassentreffen der Netzgemeinde ist, dann ist Sascha Lobo ihr Klassensprecher. Seine Vorträge gehören zu den Höhepunkten der Digital-Konferenz. Im MEEDIA-Interview lässt Lobo die vergangen zehn Jahre re:publica Revue passieren. U.a. geht es um die Frage, ob eine seiner legendären Followerparties (2008 und 2009) wirklich in „einer gruppensexuellen Situation“ im Schlafzimmer des Netz-Stars mündete...

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Viele nehmen die re:publica noch immer als das „Klassentreffen der Blogger“ wahr. Trifft das noch zu?
Die Olympischen Spiele werden ja 120 Jahre später auch noch immer von Medien komplett kontrafaktisch als “Treffen der Jugend der Welt” bezeichnet. Daran erkennt man, dass der Wesenskern einer ikonischen Veranstaltung ewig lebt. Weil aber die Diskussion von Klassenfragen derzeit unmodern scheint, würde ich “Treffen der gesellschaftlich am Internet Interessierten” als sperrig formulierte, aber sinnvolle Nachfolgebezeichnung sehen. Vor zehn Jahren waren das halt tendenziell Blogger.

Und waren Sie wirklich in allen zehn Jahren dabei?
Im Geiste, auf Twitter und per Videokonsum ja, physisch fehlte ich im Jahr 2015 aus vielen unterschiedlichen Gründen wie Erschöpfung, allgemeine Genervtheit, Unklarheit über meine eigene Rolle im Bezug auf die re:publica-Besucher. Besonders der letzte Punkt. So große Wellen meine 2014er Generalschelte der “Netzgemeinde” erzeugt hat, so sehr hat sie mir auch gezeigt, dass das redaktionelle Hilfskonzept “Netzgemeinde” schon damals nur noch als publizistisch geschaffenes Trugbild strahlte, in das man sich situativ hineingefügt hat. Wenn es überhaupt je über die mediale Klammer hinaus existiert haben sollte. Inzwischen sind die Leute auf der re:publica alles mögliche; wenn man auf dem Hof in der frühen Abendsonne rufen würde “Hey Netzgemeinde”, dann würden sich die meisten Leute nicht mehr angesprochen fühlen, sondern neugierig ihre Smartphones ziehen, um die vermeintlich Angesprochenen für den Snapchat-Channel ihres Arbeitgebers aufzuzeichnen.

re:pulica 2014: Sascha Lobos damalige Rede zur Lage der Nation

Wie hat sich die re:publica im Laufe der Jahre gewandelt?
Sie ist erwachsen geworden mit nur zehn Jahren, was bedeutet: von der Blogger-Konferenz zur Diskursplattform für die gesamte digitale Gesellschaft gereift. Das finde ich hervorragend, weil ich für mich selbst auch die Empfindung einer Art Erwachsenwerde-Prozesses durchgemacht habe, also digitales Erwachsenwerden. Ein Kalenderjahr sind zehn re:publica-Jahre, weshalb also die re:publica 2016 eigentlich 100 Jahre alt wird. Das perfekte Alter, um den Nachwuchs wie die Jugenddigitalkonferenz Tincon.org in den Fokus zu stellen, die Jugend muss ja ohnehin digital rausreißen, was die Leute, die sich – wie ich – für einen aktiven Teil der digitalen Gesellschaft halten, in den letzten zehn Jahren übersehen, nicht hingekriegt oder verbockt haben.

Gibt es einen besonderen re:publica-Moment, den Sie nie vergessen werden?
Ja, und nicht nur einen. Vor allem die beiden Followerparties, die ich 2008 und 2009 bei mir zu Hause veranstaltet habe, waren voll von solchen Momenten. Damals habe ich alle Leute zu mir nach Hause eingeladen, die mir auf Twitter folgten, im ersten Jahr rund 800, glaube ich, und im zweiten über 7.000. Als dann eine ARD-Sendung mit ihren drei Kameras spontan vorbeikam, begriff ich schlagartig, dass sich da irgendetwas Großes ankündigt, bezogen auf die digitale Öffentlichkeit. Eine der Followerparties mündete in eine gruppensexuelle Situation in meinem Schlafzimmer, aber meine Funktion als Gastgeber ließ mich den Raum verlassen, weil der Rest der Wohnung noch voll war mit 200 Leuten, und das sind die Momente, für die ich mein restpreußisches Pflichtbewusstsein verfluche, das sich nur in bekloppten Momenten meldet und nicht etwa eine Woche vor einer Deadline. Im Nebenzimmer stand gleichzeitig moot, der 4chan-Gründer, und zerbrach aus Versehen eine Porzellantasse voll Bier – reinster, digitaler Punkrock also.

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Die Followerparty aus dem Jahr 2009

Ihre re:pulica-Vorträge – oder muss man eher von “Happenings” sprechen? –  sind längst Kult oder anders formuliert: eine liebgewonnene Tradition. Haben Sie und Ihr Image der re:publica viel zu verdanken?
Schwer zu sagen, mit mittelgroßer Sicherheit haben sowohl ich als auch die re:publica voneinander profitiert, aber dann wieder neigt man als Teil der digital geprägten Öffentlichkeit dazu, diese Wirkung im eigenen Nahbereich stark zu überschätzen. Solche Begriffe wie “Klassensprecher” oder auch “Netzgemeinde” sind mediale Zuschreibungen, die eher die Hilflosigkeit skizzieren, mit der man dem Phänomen digitale Gesellschaft gegenüber tritt. Eine Hilflosigkeit bei der Suche der richtigen Bezeichnung übrigens, die ich auch bei mir selbst spüre, die man für sich selbst ständig bekämpfen sollte, durch Verstehen wollen und neu benennen. Diese sprachliche Hilflosigkeit muss man auch gar nicht verdammen, jeder leidet darunter, es reicht deshalb, sie liebevoll zu verspotten.

In diesem Jahr lautet der Titel Ihres Vortrages „The Age of Trotzdem“. Was dürfen wir uns darunter vorstellen?
Ich bin – wie die meisten auf der re:publica wahrscheinlich – auf der Suche nach einem neuen Optimismus, nach dem der alte etwas gelitten hat. Um noch stärker ins Detail zu gehen, müsste ich jetzt vorab den Vortrag halten.

Ein großes Thema war früher immer die Debatte Blogger gegen die alten Medien. Gibt es diese Debatte noch? Wenn ja, wie sehen Sie sie?
Mich ermüdet bereits die Frage, weil sie sich auf diese noch ermüdendere Debatte um die spitzenermüdende Debatte “Medien vs. Blogger” bezieht. Dieser gesamte Komplex erscheint mir wie ein Streit darum, ob die schnellste Postkutsche eher zwei oder vier Räder haben sollte.

Oder hat sich die Diskussion längst auf das Duell offenes Internet / freie Meinungsäußerung im Gegensatz zu immer mehr Überwachung oder auch Selbstunterwerfung unter Community-Regeln von Privat-Unternehmen wie Facebook, hin verschoben?
Auch das ist eine Diskussion, die mich zunehmend ermüdet. Auch deshalb, weil sich inzwischen viele Leute einschalten, die ihre Meinung von außen auf soziale Netzwerke draufvermuten, ohne den geringsten Schimmer haben zu wollen, wo die Probleme liegen. Ich würde nie sagen, dass es keine Probleme mit der unglaublichen Vormachtstellung von Facebook gibt, aber sie liegen woanders, als man beim ersten Anschein glauben könnte. Dabei geht es gar nicht mal darum, dass man soziale Netzwerke zwingend nutzen muss, um sie zu verstehen. Aber es geht schon darum, sie verstehen zu wollen, bevor man sie ablehnt. Vor allem ist uninformierte Kritik, frei flottierende Pauschalskepsis ungefähr das Kontraproduktivste, was man in der verbogenen Netzdebatte vortragen kann. Schon deshalb, weil sie – in großer Lautstärke vorgetragen – ungeheuer viel Diskursenergie bindet, die sehr viel produktiver verwendet werden könnte.

Was muss passieren, damit Sie sagen: Auch das war wieder eine gelungene re:publica?
re:publicen sind die Zupfkuchenbackmischungen unter den Veranstaltungen. Sie gelingen immer.

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