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Ausbilder Jürgen Seitz: „Journalisten müssen die Stoffe beherrschen, über die sie berichten“

Jürgen Seitz ist Leitender Wirtschaftsredakteur beim Bayerischen Rundfunk

Wie müssen Journalisten ausgebildet werden, um den Anforderungen des sich stetig wandelnden (digitalen) Arbeitsmarktes zu entsprechen? Darüber ist nach einem Interview mit Medien-Prof. Stephan Weichert eine Debatte entfacht, in der nun auch Journalistenausbilder Jürgen Seitz vom Bayerischen Rundfunk mitmischt. Er warnt davor, vor lauter Digitalisierung den Kern der Journalistenausbildung zu vergessen.

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Von Jürgen Seitz

Die aufgebrachte Antwort auf Nikolaus von der Deckens Gastbeitrag zur Entwicklung der Journalistenausbildung kam sehr erwartbar – und sie kam mit professioneller Wucht. „Umformatierung des Journalismus in Doofheit“, urteilte eine der angegangenen Edelfedern im Streiflicht der Süddeutschen Zeitung. Man ertappt sich beifällig nickend. Schwarz-weiß-Denken war in der Menschheitsgeschichte selten zielführend – in der Debatte über das Wofür und Wohin unseres schönen Berufes ist es vor allem Eines: Grober Unfug.

Journalisten haben zu wenig Fachkenntnisse

Fangen wir mal mit den Defiziten des Hergebrachten an und fassen uns an die „Edelfedern-Nase“. Im Kern geht es darum, dass wir uns auch künftig von unserer Arbeit mehr als eine warme Suppe leisten können. Das ist möglich, wenn wir uns an Qualitätsmaßstäbe halten. Qualität ist, wenn der Ertrag (= Nutzwert/Unterhaltungswert für Leser und Zuschauer) den Aufwand (= Geld und/oder Aufmerksamkeit) merklich übersteigt. Das gelingt beispielsweise mit Informationen, die sonst niemand hat. Auch die Beschreibung von Zusammenhängen und abgewogene Urteile sind Merkmale von Qualität. Dazu kommt ein süffiger Text, vielleicht prägnanter O-Ton und das treffende Bild – also alles, was zum Dranbleiben verführt, aber jeder straf- und schadenersatzrechtlichen Prüfung standhält. Ideologiekritik vom Feinsten, Übersetzung, Aufklärung: So etwas produzieren zu können, unterscheidet Journalisten von journalistenähnlichen Personen. So einfach klingt es, so schwierig ist es. Denn dahinter steht ein Handwerk, das sich Journalisten über Jahre hinweg aneignen und dessen Fundament in der journalistischen Ausbildung liegt. Hinzu kommt: Journalisten müssen die Stoffe beherrschen, über die sie berichten. Das ist heute leider nicht immer der Fall.

Ein Beispiel: Wenn es um den Umgang mit Zahlen, Normen und Risiken geht, sind Journalismus und Wahnsinn ganz besonders eng beieinander. Mein Lieblingsthema: Armut in Deutschland – gebetsmühlenartig von Interessensverbänden verkündet, in den Medien abgespielt und empört kommentiert. Das war, ist und bleibt natürlich komplett daneben. Erstens, weil relative Maße wie „60% des durchschnittlichen Medianeinkommens“ immer in die Irre führen und man so viel mehr wissen muss, um sachgerecht berichten zu können. Zweitens, weil – außer ein paar Exoten mit MINT-Hintergrund – fast kein fertiger oder auszubildender Redakteur jemals ernsthaft im Umgang mit solchen Daten geübt wurde. Ergebnis ist Gruseljournalismus, der sich durch Statistik manipulieren lässt. Wer das nicht will, muß in der herkömmlichen Journalistenausbildung ansetzen und deren Versäumnisse aufarbeiten.

Damit ist nicht nur MINT-Wissen gemeint. Was großteils fehlt, ist ein journalistisches Studium Generale, im besten Sinne eklektizistisch, mit historischem Vergleich und Motivgeschichte. Das soll fit machen für die Kunst des Schlußfolgerns, das Erkennen von Zusammenhängen und Relevanz, soll Denkstoff liefern, um später intelligenten Nutzern von Qualitätsjournalismus Impulse geben zu können.

Hier nur andeutungsweise Beispiele: Was haben Werthers Weltschmerz, Rousseaus volonté générale und Lenins objektives Interesse des Proletariats gemeinsam? Oder: Wenn Weltliteratur ressortspezifisch wird – von Koeppens Treibhaus (Politik) über Hamlet, Faust 2 und Wallenstein (zentrale Gedanken zur Geldwirtschaft) bis Hemingways „Kämpfer“ (Sport). Oder: Die 100 wichtigsten Erfindungen kennen und dieses Wissen nutzbar machen für einen Vergleich von Elon Musk mit Nikola Tesla. Nicht totes, sondern jederzeit umsetzbares Wissen für Journalisten – „mehr Licht“ eben. Umso dringender sind solche Ausbildungsinhalte, je stärker die Technisierung und Digitalisierung unseres Berufes fortschreitet.

Seit 2004 sammele ich gute und schlechte Beispiele aus der real existierenden Berichterstattung in Print, Funk, TV und Netz (eigene Fehlleistungen inklusive!). Sogar eine ganze Datenbank mit törichten Überschriften, dümmlichen Moderationen, falschen Faktenkästen, traurigen Fehlinterpretationen und irreführend-inkorrekt-verhunztem Sprachgebrauch habe ich angelegt. Die Sammlung bietet Stoff für Lehrbücher – folgerichtig habe ich zwei geschrieben und die Ergebnisse als Übungen für unsere Volontäre und die führenden Journalistenschulen im deutschsprachigen Raum operationalisiert. Was tun, wenn mal wieder eine Firmenpleite die Lokalredaktion kopflos durcheinander rennen lässt? Die Antwort sind 20 „Erste Fragen“ und ein Rechercheschema griffbereit – der „Insolvenzcoach“ macht’s möglich. Ähnliches ist entstanden für die datenbankgestützte Expertensuche (Motto: Vielfalt satt die immer gleichen 30-Sekunden-Welterklärer), für die Unternehmensberichterstattung („Bilanzanalyse ohne Buchhalter-Ballast“) oder die Konjunkturberichterstattung („10 kritische Test-Fragen an die Prognose“). So etwas braucht natürlich nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das Feuilleteon, die Wissenschaft und der Sport. Aus der Praxis für die Praxis. Früher wäre man damit rausgeprügelt worden, heute ist der Bedarf erkannt.

Edelfedern und Datenmenschen müssen verschmelzen

Und jetzt kommt Nikolaus von der Decken mit seinen Ausbildungsideen. Kämpft man sich durch den Nebel seiner Sätze mit trendigen Anglizismen (gestern Journalist, heute „Multichannel Publisher“), sieht man Menschen, die gerne etwas herausfinden, es dann darstellen und einem Publikum präsentieren wollen. Dazu tun sie sich mit anderen Experten zusammen, nutzen Daten und Maschinen, die sie sogar programmieren können. Dann gründen sie eine Verwertungsgesellschaft für ihre Inhalte und suchen sich Abnehmer dafür.

Ich wüsste erst einmal nicht, was dagegen spricht. Und wer sich darüber aufregt, dem kann ich nur raten: Hängt ihn tiefer. Denn leider liefert Kollege von der Decken in seinem Text mehr Andeutungen als Beispiele. Vor allem kein durchdekliniertes Beispiel, warum damit der Journalismus zukunftsfähig wird.

Ich denke, ich habe eins. Jeder Journalist kennt das ifo-Institut. So richtig sexy werden solche Institute für Wirtschaftsforschung aber erst, wenn sie zeigen, was sie haben. Und das ist viel mehr, als ein Professor mit Bart und Konjunkturbarometer. Das sind Rohdaten ohne Ende, das sind Experten, das sind laufende Forschungsarbeiten über fast alles, was unser modernes Leben ausmacht. Um in dieser Schatzkammer Themen zu heben, muss der Journalist wissen, was es dort gibt. Er braucht vertrauensvollen Zutritt zu Experten und Datenbanken. Er verfügt über die Kompetenz, diese mit journalistischem Blick zu durchsuchen. Am Ende findet er ein Thema wie etwa „Gründer 50 Plus“. Wer macht sich in dem Alter noch selbständig, was sind die Gründe, was hilft, wer blockiert, wie läuft es anderswo? Im Team mit dem forschenden Professor für Innovationsökonomik werden aus guten Absichten schnell gute Datensätze. Und aus guten Datensätzen werden Gesichter hinter den Zahlen – aufgespürt von hungrigen Reportern, die mit mehreren Suchtools das Netz nach beispielhaften Protagonisten durchkämmt haben. Herauskommen wird am Ende a) die Rubrik „Kopf und Zahl“, also multimedial aufbereitete Porträts nach den bewährten Regeln der Profession, b) eine datenbasierte Deutschlandkarte zum Anklicken mit Gründern 50Plus und c) ein eigens programmierter interaktiver Online-Selbsttest: Bin ich geeignet für Gründen 50Plus?

Das ist neu und alt zugleich. Besonders wichtig ist der Mehrwert: Das könnte es ohne Maschinen garnicht geben. Aber: Ohne das gute, alte Storyfeeling und –telling helfen auch computergestützte Datenbanksuche und Programmierkünste nichts. Dafür geht es heute schneller, gründlicher und umfassender.

Mein Fazit: Edelfedern und Datenmenschen müssen zusammen arbeiten oder gar verschmelzen. Es lohnt sich. Es ist „alternativlos“. Und es ist der Mühe wert. Die fundierte Ausbildung des journalistischen Handwerks und der kreativen Schreibe darf aber unter keinen Umständen darunter leiden.

Über den Autor:
Jürgen Seitz ist leitender TV-Wirtschaftsredakteur beim Bayerischen Rundfunk. Als journalistischer Leiter der „ifo-Praxistage für Qualitätsjournalismus“ hat er ein Format entwickelt, in dem BR, Deutsche Journalistenschule und ifo-Institut für Wirtschaftsforschung seit 2014 ein gemeinsames Ziel verfolgen: Forschung für die journalistische Praxis öffnen und journalistische Praktiker trainieren im korrekten Umgang mit Zahlen, Normen, Risiken und Unternehmen.

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