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Taumelnder Gigant: Apple verliert nach iPhone-Implosion 35 Milliarden Dollar Börsenwert

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Apple-Chef Tim Cook: An der Wall Street wieder auf Allzeithochs

Die Zeitenwende ist vollzogen: Apple brechen die Umsätze weg. Es ist kein leichtes Nachgeben, sondern eine regelrechte Implosion, wie auch der Ausblick auf das laufende Quartal deutlich macht. Weil das iPhone seinen Zenit überschritten und Apple kein vergleichbares Produkt in absehbarer Zeit in der Pipeline hat, steht dem Techpionier ein langer Abstieg bevor. Wie tief fällt der Branchenprimus?



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35 Milliarden Dollar Börsenwert sind weg: Die Apple-Aktie ging gestern nach den enttäuschenden Quartalszahlen standesgemäß mit deutlichen Kursverlusten aus dem Handel. Es ist die neue Normalität an der Wall Street: Der langjährige Überflieger Apple hat sich in Kursgift verwandelt. So sehr Apple, das Unternehmen, noch von seinen Fans für seine Produkte verehrt wird, ist Apple, die Aktie, schon länger kein vorzeigbares Investment mehr.

Sowohl kurz-, als auch mittel- und sogar langfristig haben Anleger mit ihrer Verbundenheit zum langjährigen Börsenstar draufgezahlt. Seit Jahresanfang liegt die Aktie schon wieder um 7 Prozent hinten, im Jahresvergleich hat sich das Minus auf 28 Prozent ausgeweitet, während Kurse von 97 Dollar, auf denen Apple heute notiert, bereits vor zwei oder sogar vier Jahren aufleuchteten.

Kursgift Apple: 28 Prozent in einem Jahr vernichtet

Wer im gleichen Zeitraum in den marktbreiten S&P 500-Index, den Technologie-Index Nasdaq 100 oder vor allem in einen aufstrebenden Internetrivalen Alphabet, Facebook und Amazon investiert hätte, hätte um ein Vielfaches besser abgeschnitten als mit Apple, das lange durch seine mythische Vergangenheit unter Steve Jobs verklärt wurde.

Damit ist allerspätestens seit gestern Schluss: Apple, der chronische Börsenunderperfomer, enttäuscht nun auch nach betriebswirtschaftlichen Grundrechenarten, wie für jeden Fanboy in Prozentzahlen nachzulesen ist. Das, was die Wall Street und einige Analysten richtig antizipiert haben, hat sich nicht nur bewahrheitet, sondern regelrecht übererfüllt: Apples Wachstum ist nicht nur ausgelaufen – Apple schrumpft.

Apples 13-jährige Erfolgsserie endet mit brutalen Umsatzeinbrüchen

Tatsächlich implodiert der noch wertvollste Konzern der Welt regelrecht vor unseren Augen. 13 Jahre lang wuchsen Apples Umsätze, bis die Erlöse eine Grenze erreicht haben. Aber nicht etwa ein leichtes Nachgeben beendete die 13-jährige Erfolgsserie, sondern ein erdrutschartiger Umsatzeinbruch von gleich 7,5 Milliarden Dollar! Es war gleichzeitig der größte Umsatzeinbruch in der vierzigjährigen Unternehmensgeschichte.

Doch damit endet der Dammbruch nicht: So schlecht das erste Kalenderquartal des Jahres war – das zweite könnte noch schlimmer werden. Eine Erlös-Erosion von bis zu 8,5 Milliarden Dollar stellte Tim Cook in Aussicht. Das sind bemerkenswerte Dimensionen, die selbst die kühnsten Skeptiker übertreffen.

Vor allem Ming-Chi Kuo arbeitet weiter an seinem Ruf als treffsicherster Apple-Analyst, schließlich hat Kuo erst vor wenigen Tagen Apples Kollaps im Geschäftsjahr 2016 vorausgesagt und prognostiziert, dass der iKonzern nach iPhone-Verkäufen sogar unter das Niveau von 2014 zurückfallen dürfte.

Tim Cooks neues China-Problem

Nun auf eine Wiederholung der Geschichte in Form eines großen iPhone 7-Hypes zu hoffen, erscheint angesichts der bisherigen Leaks wenig angebracht – Kuo sieht wenig überzeugende Argumente für den nächsten Upgrade-Zyklus. Erst beim generalüberholten iPhone 8 könnten die Käufer im großen Stil zurückkommen, doch das dauert noch mindestens eineinhalb Jahre.

In den Relationen der Wall Street ist das ein schier endloses Zeitfenster, in dem die angeschlagene Apple-Aktie wie eine Boje in stürmischer See umherzutreiben droht. Apples Abstieg, das lehrt der Fall anderer Imperien, könnte sich noch drastischer vollziehen als es die ernüchternden Quartalszahlen gestern erahnen lassen. Bekommt Tim Cook den Absatzeinbruch in China, wo Apples Umsätze um 26 Prozent zurückgingen, nicht unter Kontrolle, drohen in den Folgequartalen weiter zweistellige Umsatzrückgänge, zumal die Fallhöhe enorm hoch ist.

Erst im Weihnachtsquartal verbesserte Apple seinen eigenen iPhone-Verkaufsrekord nochmals marginal auf 74,8 Millionen abgesetzte iPhones. Setzt sich die Käuferzurückhaltung beim iPhone 7 wie beim Phone 6s fort, droht Apple ausgerechnet im wichtigsten Quartal des Jahres ein Rekordeinbruch mit möglicherweise 15 Millionen weniger verkauften iPhones.

They never come back – Lebenszyklus des iPhones läuft aus

Und wer garantiert nun eigentlich das iPhone 8-Comeback im bereits zehnten Jahr des Kultsmartphones aus Cupertino? Es gilt als ungeschriebenes Gesetz der Technologiebranche, dass Produkte, die einmal ihren Zenit erreicht haben, nicht mehr zurückkommen.

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Der iPod hat das ebenso vorgemacht wie das iPad: Ist das Wachstum vorbei, kommt es nicht wieder – „they never come back“, wie eine alte Boxerweisheit besagt. Planspiele für das Zeitalter nach dem iPhone dürfte es an der Infinite Loop seit den letzten Jahren von Steve Jobs geben – doch kein Plan ist in den vergangenen Jahren aufgegangen.

Uneingelöste Hoffnungen:  iPad, Apple Watch, Apple-Fernseher

Das iPad konnte den hohen Erwartungen als Nachfolger des iPhones nur in den ersten drei Jahren gerechnet werden – danach verglühte das Apple-Tablet schon wieder. Die Apple Watch, das erste Produkt der Tim Cook-Ära, ist bislang noch weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben und trägt einen mikroskopischen Anteil zur Unternehmensbilanz bei – im ersten Jahr dürften es kaum zwei Prozent gewesen sein.

Andere Zukunftswetten wie der Apple-Fernseher haben sich aus bislang nicht vollständig geklärten Gründen zerschlagen. Gut möglich, dass dem ebenso fest erwarteten Apple-Auto ein ähnliches Schicksal beschieden ist oder es sich um Jahre verzögert oder – nach dem Vorbild der Apple Watch – nicht den hohen Erwartungen gerecht werden kann.

Nach eineinhalb Jahrzehnten auf der Überholspur müssen Apple-Fans seit gestern einem Szenario entgegensehen, auf das wir häufig genug hingewiesen haben: Dass Apple die besten Tage hinter sich hat und den mirakulösen Erfolg des iPhones nicht länger ausreizen kann.

Fabelergebnisse von 2015 kaum zu wiederholen

So wenig das bedeutet, dass Apple damit wie in den 90er-Jahren in eine existenzielle Krise abstürzen muss, so klar scheint nun auch, dass Apples Glanzzeit, die im Fiskaljahr 2015 den Fabelgewinn von 53 Milliarden Dollar bei Umsätzen von 231 Milliarden Dollar bescherte, so kaum mehr zu wiederholen ist.

Somit werden sich Apple-Aktionäre und Fanboys an neuen Realitäten orientieren müssen, die sie aus der Vergangenheit kennen: Vielleicht entsprechen die Geschäftsjahre 2017 bis 2020 eher wieder denen von 2013 bis 2010 als dem Niveau von 2014/15.

Für Apple-Aktionäre bedeutet das weitere stürmische Zeiten, denn bekanntlich hasst die Wall Street nichts mehr als Negativwachstum, das Anleger immer wieder aufs Neue einpreisen müssen, je länger die iPhone-Flaute andauert. Gut möglich, dass Apple an der Börse schon bald endgültig von Alphabet als wertvollster Konzern abgelöst und langfristig auch von Facebook, Amazon und möglicherweise sogar wieder Microsoft überholt wird.

Für Apple, das Unternehmen, bedeutet das ebenfalls unruhige Zeiten, die nur vermeintlich mit seinem riesigen Geldpolster von 233 Milliarden Dollar abgefedert werden. Tatsächlich ist Apples Cashpolster nach Verbindlichkeiten für Anleiheemissionen und Steuerabzügen bei Repatriierung des Kapitals kaum halb so groß; der neu generierte Cashflow dürfte zudem inzwischen fast vollständig von Kapitalrückführungsmaßnahmen aufgezehrt werden.

Taugt das Apple-Management zum Turnaround?

Vor allem aber steht der Konzern in seinem Inneren vor einer extrem herausfordernden Aufgabe, an der Imperien zugrunde gehen können. Apples Managementteam besteht aus „mittelalten weißen Männern“, die in den ersten fünf Jahren der Tim Cook-Ära den Nachweis erbracht haben, dass sie lieber krampfhaft am Status quo festhalten statt etwas wirklich Revolutionäres zu erschaffen.

Vor allem aber die Überalterung von Apples Schlüsselfiguren ist alarmierend: Tim Cook ist 55, Phil Schiller ist 55, Angela Ahrendts ist 55, Eddy Cue ist 52, Jony Ive ist 49. Warum um alles in der Welt sollte Apples Führungsriege, die im Kern seit fast zwanzig Jahren zusammenarbeitet und dabei eine der spektakulärsten Erfolgsstorys in der Tech- und Wirtschaftswelt geschrieben hat, nun die letzten Jahre ihres Berufslebens in der Rolle eines Krisenmanagers verbringen, die beständig gegen sinkende Absätze kämpfen muss – eine Rolle, in der es nichts mehr zu gewinnen, sondern nur noch zu verteidigen gibt? Jony Ives erste Ermüdungsanwandlungen müssen in Cupertino die Alarmglocken laut schrillen lassen.

Das Apple im April 2016 ist nicht mehr der arrivierte, unangreifbare Champion der späten Steve Jobs- und ersten Tim Cook-Jahre – es ist ein taumelnder Gigant, der mit dem Hunger des Herausforderers sein Königreich verteidigen müsste. Doch genau dieser Spirit von Facebook-Chef Mark Zuckerberg oder Google-Gründer Larry Page geht Tim Cook völlig ab. Bekommt Cook Apples iPhone-Erosion spätestens im nächsten Jahr nicht unter Kontrolle, droht dem im Vorjahr nach dem iPhone 6-Boom noch so gefeierten Apple-CEO möglicherweise die Ablösungsdiskussion, die bereits 2013 aufkeimte.

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Alle Kommentare

  1. Apple muss nur eine einzige Sache machen und der Turnaround klappt:
    Einfach wieder die besten Produkte bauen, die tatsächlich alles Machbare können und nicht nur so tun als ob.
    Anders ausgedrückt:
    Zurück zu “form follows function” und weg von “function follows form”. Falls sie function und form sogar zusammen perfekt realisieren können – umso besser.

    Dann bin ich sofort wieder dabei, so wie früher.

  2. So what? Apple wird vom überhypten “Kult-Konzern” zu einem ganz normalen PC- und CE-Hersteller, der sich auf dem Boden der Tatsachen mit den Widrigkeiten der Wirtschaft und seinen Konkurrenten herumschlägt. Endlich kann ich also ein iPhone kaufen, ohne mich als Fanboy oder Sekten-Mitglied fühlen zu müssen

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