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Nach Spotifys Schulz/Böhmermann-Deal: Kommt jetzt der große Podcast-Durchbruch?

Die kommenden Podcast-Stars von Spotify: Olli Schulz (li.) und Jan Böhmermann

Das gesprochene Wort ist der Star: Der Wechsel des „Sanft & Sorgfältig“-Duos Jan Böhmermann und Olli Schulz vom öffentlich-rechtlichen Radio zu Spotify, rückt eine Medienform in den Fokus, die seit längerem schon immer mehr Fans gewinnt: den Podcast. Dank der tatkräftigen Unterstützung von Apple entwickelt sich das Audio-Format immer mehr vom Nischenangebot zum Medientrend.

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Dabei ist in den Köpfen vieler Menschen das Thema Podcast noch immer mit der ersten Erfolgswelle des Internets verknüpft. Während der Jahrtausendwende, als das Web erst am Beginn seines Mainstream-Siegeszuges stand, galten die Audio-Shows noch als eine potentielle Schlüsseltechnologie der Medien-Zukunft. Doch es kam anders.

Die Dotcom-Krise entzog den meisten Projekten die nötigen finanziellen Mittel und die öffentlich-rechtlichen Radiostationen, die eigentlich für die Produktion von webfähigen Audioinhalten prädestiniert gewesen wären, kämpften lange grundsätzlich mit der Frage, was sie laut Rundfunkstaatsvertrag überhaupt fürs Internet produzieren dürfen und was nicht. Dazu kam dann noch die Frage, wie lange sie ihre Inhalte vorhalten können. Heißt: Sie brauchten Jahre, um überhaupt eine einigermaßen funktionierende Netz-Strategie zu entwickeln. Bis es soweit war, hatte sich das Thema Podcast komplett in die Nische verabschiedet.

Daraus arbeiten sich die Audio-Sendungen seit Jahren, langsam aber beständig, wieder hervor. Mit dem Ergebnis, dass man jetzt möglicherweise vor dem endgültigen Podcast-Durchbruch steht.

So verzeichnete die gemeinsame Onlinestudie von ARD und ZDF für 2015 erstmals eine zweistellige Nutzung von Podcasts. 2014 hörten lediglich sieben Prozent aller deutschen Onliner Audio-Podcasts. Ein Jahr später sind es bereits 13 Prozent.

Grundsätzlich kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die Audio-, Radio- und Streaming-Nutzung „an Bedeutung gewinne“. „Die Gründe hierfür sind vielfältig und liegen auf verschiedenen Ebenen“: So boomen die Streaming-Dienste, die ein großes Volumen von Musik digital zugänglich machen und immer mehr Audio-Inhalte bündeln. Zudem befeuert die immer größere Marktdurchdringung von Smartphones den Trend.

Genau für diesen Effekt steht der „Sanft & Sorgfältig“-Deal von Spotify. Vor gut einem Jahr justierte der Streaming-Dienst seine Strategie neu und setzt seitdem verstärkt auf Entertainment-Inhalte, statt ausschließlich auf Musik.

Seitdem steigt der Anteil der Nutzer, die unterwegs nicht nur neue Musik hören, sondern auch Mitschnitte von Comedy-Auftritten von Michael Mittermeier, alte „Drei ???“-Hörspiele oder aktuelles Radiomaterial. Über Kooperationen mit dem BR oder dem MDR verfügt der Streaming-Dienst längst über eine recht umfangreiche Auswahl an Audio-Inhalten.

Jetzt kommt als Aushängeschild noch eine Show mit Olli Schulz und Jan Böhmermann dazu. Damit dürfte sich Spotify endgültig als großer Podcast-Anbieter positioniert und gleichzeitig noch die eigene Bekanntheit gesteigert haben.

Strategisch betrachtet, reagiert Spotify damit nur auf seinen großen Konkurrenten: Apple Music. Denn tatsächlich ist der Apfelkonzern der größte Fürsprecher und Unterstützer des Audio-Booms. iTunes bietet seit Jahren die größte und beste Auswahl an Podcasts und mittlerweile ist eine entsprechende App auf jedem iPhone bereits vorinstalliert.

Schon früh hat Apple erkannt, dass die Audio-Angebote wunderbar in die mobile Mediennutzung vieler Menschen passen. Immer mehr Pendler hören in den U-Bahnen oder ihren Autos lieber einen langen und informativen Wortbeitrag, als immer die selben Hits der eigenen Playlist oder der Format-Radio-Sender.

Dabei bietet der Podcast-Trend vor allem Radiomachern die Chance auf eine erweiterte Hörerschaft für qualitativ hochwertige Inhalte, die ansonsten in den absoluten Nischen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verloren zu gehen drohten. Ähnlich wie bei Netflix & Co. sind Podcasts auch jederzeit und überall verfügbar.

Inwieweit sich dabei auch ein Trend hin zu seriellen Erzählformen durchsetzen wird, lässt sich noch nicht abschließend bewerten. Ein erstes dickes Ausrufezeichen setzte im vergangenen Jahr die US-Reporterin Sarah Koenig. Mit „Serial“, einer Fortsetzungs-Recherche zu einem Mordfall, fesselte sie Millionen Hörer. Auch hierzulande war der Podcast ein großer Erfolg, den eine deutsche Produktion bislang allerdings weder kopieren noch wiederholen konnte.

In Deutschland entsteht gerade erst eine entsprechende Community und Infrastruktur. Ende Januar gründete sich mit „Viertausendhertz“ das erste Podcastlabel im deutschsprachigen Raum. Die Berliner positionieren sich als Experten für „anspruchsvoll produzierte, erzählerische Podcasts“.

Neben der gerade entstehenden Szene, übt das Audio-Thema auch bei vielen Online-Redaktionen einen immer größer werdenden Reiz aus. Aufgrund der geringen technischen Hürden, sind die Sprechbeiträge für viele Journalisten eine große Chance das eigene Material recht einfach multimedial aufzubereiten.

Seit Anfang des Jahres experimentieren immer mehr Medien mit dem Format. Welche Themen und Aufbereitungsformen sich dabei durchsetzen, ist noch völlig unklar. Sollten Böhmermann und Schulz mit ihrer neuen Spotify-Sendung erfolgreich sein, dürfte dies das Podcast-Thema erheblich befeuern. Anders als in der Frühzeit des Internets könnte sich aus dem Nischen-Trend dann endgültig ein nachhaltiger Boom entwickeln.

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