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„Klischeehaft und unreflektiert“ – so rechnet Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer mit Lügenpresse-Vorwürfen ab

Verlässt den Verlag: Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer

Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hielt bei den Österreichischen Journalismustagen in Wien eine viel beachtete Keynote zum Thema Glaubwürdigkeit der Medien. Die Zeitung Die Presse hat Brinkbäumers Ausführungen nun dokumentiert. Ein flammendes Plädoyer für mehr Selbstbewusstsein in der Branche.

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Es ist der ganz große Bogen, den Brinkbäumer spannt: Von den technischen Umwälzungen der Digitalisierung über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien in Zeiten der Lügenpresse-Rufer bis hin zum Selbstverständnis der Journalisten. (hier gibt es den kompletten Text bei DiePresse.com)

„Die technologischen und wirtschaftlichen Umwälzungen unserer Branche und die Debatte über Glaubwürdigkeit, über die sogenannte Lügenpresse existieren nicht unabhängig voneinander oder nur zufälligerweise zur selben Zeit. Sie bedingen einander und beeinflussen einander“, so der Spiegel-Chefredakteur. Denn nicht nur Journalisten wurden durch die Digitalisierung die Werkzeuge in die Hand gegeben, billig und ohne große technische Hürden von praktisch überall zu berichten. Brinkbäumer: „Jeder kann alles behaupten und online stellen, Verschwörungstheorien, Beleidigungen, Lügen, und nichts davon verschwindet je wieder ganz.“

Darum sei es mehr denn je wichtig, die „weltweit in rasender Schnelligkeit entstehenden Gerüchte mit einer ganz bestimmten Autorität zu beantworten – mit medialer Autorität, die durch Recherche, Sachkenntnis, Dokumentation, Urteilskraft entsteht.“ Keine Frage, wo Brinkbäumer diese Autorität verortet: bei den klassischen Medien im Allgemeinen und dem Spiegel im Speziellen. Zitat: „Jetzt bin ich liebend gern Chefredakteur, weil die Spiegel-Redaktion so herausragend gut ist. Was für ein Orchester! Was da möglich ist! Journalismus ist der großartigste Beruf der Welt, wir sollten ihn beschützen. Denn Journalismus ist übrigens auch ein freier Beruf, für mich symbolisiert er die Freiheit an und für sich.“

Auch ein Kommentar zur Causa Böhmermann/Erdogan darf nicht fehlen: „Jeder mit westlichen Medien erfahrene Mensch erkennt das Spiel, das Ausreizen von Grenzen, die doppelte oder dreifache Ironie. Erdogan nicht. Erdogan und seine Berater sehen kein Spiel und fallen deshalb darauf herein. Sie wollen ihren Stolz retten und machen sich in unseren Augen genau dadurch lächerlich.“

Die Medien und der Spiegel würden sauber arbeiten, stellt Brinkbäumer sich und der Branche selbst ein gutes Zeugnis aus. Die Lügenpresse-Vorwürfe seien dagegen klischeehaft und unreflektiert. Seiner Meinung nach haben die Medien nicht unbedingt ein Qualitäts- sondern in erster Linie ein Vermittlungsproblem.

Und die „hochwertigen Medien“ dürften darum nicht jenes wegsparen, was sie von den anderen abhebt: Recherchekapazitäten, wie zum Beispiel Lokalreporter oder Auslandskorrespondenten oder Investigativteams. Brinkbäumer: „Wir müssen das Besondere wollen. Wir müssen uns Zeit nehmen, um Zusammenhänge tatsächlich verstehen und erklären zu können, und wir sollten im Ton moderat bleiben, nicht wahllos mitbrüllen.“ Gute Vorsätze, die als Thesen freilich auch nicht mehr ganz taufrisch daherkommen.

Neben viel Lob fürs eigene Haus und die eigene Profession, fand Brinkbäumer auch eine lobende Erwähnung für die Enthüllung der Panama Papers durch die SZ: „Die Süddeutsche Zeitung musste in den vergangenen Jahren mehrere Sparrunden aushalten, aber wie kraftvoll Journalismus heute sein kann, beweisen die Panama Papers.“ Journalisten müssten „Fehler zugeben und sie erklären“, müssten „ergründen, ob wir nicht hier und dort tatsächlich einen anderen, nämlich elitäreren Blick auf die deutsche Wirklichkeit haben als viele Leser. Sorgt nicht der Standort dafür? Die Struktur der Redaktion? Die Führungsebene?“ Konkreter wurde er in diesen Punkten leider nicht. Da hilft vielleicht ein Blick in den Spiegel-Innovationsreport.

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