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Jan Böhmermann, Erdogan und die Minenfelder: von einem jungen Mann, der sich selbst Satiriker nennt

Jan Böhmermann, Erdogan-Schmähkritik bei "Neo Magazin Royale": Gericht verbietet Teile des Gedichts

Böhmermann und kein Ende: Wer in den letzten Wochen deutsche Medien verfolgte, wurde Beobachter einer hormonell dominierten, manchmal fast hysterischen Diskussion: Werte und Haltungen wurden in immer größeren, grundsätzlichen Schleifen bewegt. Man empörte sich. Jan Böhmermann als Initiator des Schmähgedichts geriet als Person mehr und mehr in den Hintergrund. Gedanken aus der Distanz.

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Die Wahrnehmung vieler Beiträge in Medien und sozialen Netzwerken zur „Causa“ Böhmermann zeichneten ein Bild, in welchem man den Eindruck gewinnen konnte, Deutsche bestünden zu 70 % aus Juristen, zu 80 % aus Journalisten und zu mindestens 50% aus Verfassungsrechtlern und Politikern. Dass dieses gefühlte Bild mathematisch nicht ganz trug, fiel erst auf, nachdem man die Prozent-Werte der Kommentatoren-Gruppen abends in einer ruhigen Minute zusammengerechnet hatte. Alle Beteiligten, so schien es, verfügten über jahrzehntelange Erfahrungen im Feld der Satire. Alle Satiriker also. Irgendwie. Und Verfassungs-Spezialisten. Und Bundeskanzler. Aber empört.

Bis hin zur jüngsten Reaktion von John Oliver aus den USA, der in seiner Late-Night-Show „Last Week Tonight“ Erdogan und deutsches Recht thematisierte, verschwand der Fokus auf Böhmermann selbst als Urheber der „Satire“ weitgehend und wurde durch grundsätzliche Interpretations-Spielfelder ersetzt.

Nun, mit ein wenig Distanz, Wochen nach Beginn des Dramas, ist Zeit für kritische Gedanken, die Böhmermann mehr in den Fokus rücken. Was war geschehen?

Schmähgedicht mit Folgen
Ein blasser, junger Mann hatte draufgehauen und Bewegungen ausgelöst: Jan Böhmermann, Repräsentant des ZDF-Ablegers ZDFneo. Kaum ein anderes Gesicht des kleinen Senders repräsentiert Gründungsgedanken und USP so wie er. Kuttner nicht. Und Quotengarant Inspektor Barnaby schon gar nicht.

Mit seinem aus der Hüfte geschossenen Erdogan-Pamphlet allerdings produzierte Böhmermann Beschädigungen: dem Sender gegenüber, der den ehemaligen Harald-Schmidt-Lehrling trug, ihm Räume gab und ihn letztlich größer machte. Dem Mutterschiff ZDF gegenüber, das sich schon vor dem Schmähgedicht schwertat, Böhmermann einen gesicherten, attraktiven Platz im Hauptprogramm zu gewähren.

Und auch Angela Merkel gegenüber, die seit Monaten im Gemisch hochkomplexer, sensibler Flüchtlingsthemen um Haltung und Handlungsfähigkeit innerhalb eines bindungsarmen Europas voller Sollbruchstellen ringt. Ein mehr als heterogenes Europa übrigens. Ein Europa, über Währungsthemen hinaus gebaut aus einer Idee von Gemeinsamkeit. Eine Idee, die den Belastungen des letzten Jahres alleine deshalb kaum standhielt, weil Integration und wirkliche Bindung stets sehr lange Zeit erfordern. Ein Europa, das über die Zeit als quantitative Größe eines Integrationsprozesses hinaus sein Defizit auf qualitativer Ebene spürte: Den rudimentären Torso der wichtigen Fähigkeit, unterhalb der Ebene von Sachthemen miteinander sensibel zu betrachten, in welchen Fragen und Haltungen sich Mitgliedsstaaten wirklich voneinander unterschieden:

Niemand – auch Europa nicht – kommt tragfähig je zusammen, wenn vermieden wird, vorhandene Unterschiede wahrzunehmen, zu besprechen und auf ihre Bedeutung hin zu überprüfen. Ein Europa, dessen oberflächliche Bindung, dessen Sollbruchstellen nach Themen der Griechenlandkrise quantitativ und qualitativ von den Folgen der entsetzlichen Not vieler Flüchtlinge überrollt wurde.

All diese Minenfelder betrat Böhmermann. Und keines davon hat er verstanden. Vielleicht: Keines davon hat er verstehen wollen.

Öffentlichkeit: Reaktionen, Interpretationen, Projektionen
Das Argument, durch Böhmermann sei eine flächendeckende Pressefreiheits-Diskussion in Gang gekommen ist richtig. Es ist auf einem Niveau korrekt, auf welchem das Nachlassen von Kopfschmerzen zutrifft, wenn man bei einem Gehirntumor Kopfschmerztabletten einnimmt. Einem Niveau, das Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten komplexer Kontexte zugunsten einer rein symptomatischen Betrachtung ignoriert.

Viele Kommentare maßen Böhmermann Genialität zu und unterstellten ihm große, grundsätzliche Motive. In Böhmermann im Nachhinein allerdings diese Intention hinein zu interpretieren, liegt etwa auf dem Niveau, als würde man einem Pubertierenden, der ein  Haus anzündet, wohlwollend anrechnen, in der ganzen Straße sei durch seinen genialen Schachzug Wärme entstanden: Endlich könne man nun europaweit auf neuem Niveau Energie-Themen diskutieren. Allein deshalb habe Böhmermann gefackelt.

Dieses von einigen Kommenatoren retrospektiv aufgeladene Bild eines Jan Böhmermann als quasi Friedensnobelpreis-verdächtigem Märtyrer, als Quasi-Impulsgeber europäischer Landeschefs und ihrer Gesetze, bildet die eigentliche Satire der Causa des hohlwangigen, jungen Mannes, der sich selbst Satiriker nennt.

Der fleißige, rastlose, fast getrieben wirkende Vielarbeiter Böhmermann, ewiges Talent, Liebling von TV-Kritikern und Fanboys und doch eher ein Oliver Pocher der Satire, betonte häufig Extreme. Extreme zu betonen ist zentraler Teil seines Geschäftsmodells. Und mit jedem Extrem zeigt Böhmermann Böhmermann. Auch dies ist sein Motor. Manchmal scheint es, als böten Anlässe und Protagonisten exakt hierfür die Bühne: Mailand oder Madrid, die Polizei, Flüchtlinge, Schweiger oder Erdogan – beliebige Spielfelder. Vehikel für Böhmermann, um Böhmermann zu zeigen.

Das ist grundsätzlich auch in Ordnung: Kunst im öffentlichen Raum ist daraus gebaut, dass Künstler Bühnen betreten, um sich zu zeigen. Nachdenkenswert allerdings wird es, wenn in der öffentlichen Diskussion dieser innere Motor, der Böhmermann vielleicht mehr getrieben haben mag als andere, zugunsten pseudo-ethischer Deutungs- und Projektionsimpulse verschwindet und ignoriert wird. Wenn Diskussionen und Deutungen von Motiven denjenigen verschwinden lassen, der sie ausgelöst hat, werden sie abgehoben, unwirklich und schief.

Ginge man von der Annahme aus, Satiriker seien Menschen, die alleine deshalb in hohem Maße Fähigkeiten von Klugheit und Empathie aufweisen müssen, weil sie Stil, Intensität, Effekt ihrer Pfeile und die innere Situation ihrer Zielscheiben vor Produktion eines satirischen Produktes auf einen möglichen Erfolg hin überprüfen und erspüren müssen, fände man beim aktuell diskutierten Böhmermann-Schmähgedicht keine dieser Fähigkeiten. Böhmermann hätte wissen können, welche Minenfelder er mit seiner Tretmine bewarf. Mehr noch: Er hätte es wissen müssen.

Hat er es nicht gewusst, stimmen die Bilder von ihm als genialem Satiriker nicht.

Hat er es gewusst, müsste man in der Bewertung nicht nur über Dummheit oder Selbstverliebtheit, sondern über geplante Ignoranz und Aggressivität nachdenken.

Innere Situation der Zielscheiben: Zielscheibe Erdogan
Niemand widerspräche, behauptete man, Erdogan habe an Satire, Ironie, an Sarkasmus und Zynismus alles verdient, was aktuell im künstlerischen Portfolio von Satirikern und Kabarettisten vorhanden sei. Darüber hinaus böte der Pschyrembel optional weitere Erklärungsmodelle der Persönlichkeit des Türken, dem offensichtlich nicht in jeder Sekunde des Tages das breite Spektrum sozialer Fähigkeiten vollumfänglich zur Verfügung steht.

Dass Böhmermann auf den fahrenden Extra 3- Zug aufsprang und aggressiv einen Raum betrat, dessen Tür nicht von ihm sondern von anderen geöffnet wurde, hinterlässt nicht ganz den schalen, peinlichen Nachgeschmack der Hallervorden-Trittbrettfahrerei, ist im Kern aber dicht dran. Menschen, die mit brachialer Vehemenz durch eine Tür stürmen, die von anderen einen Spalt geöffnet wurde, werden als die wahren Besetzer des Raumes wahrgenommen.

Böhmermann ist sehr bewusst auf die Erdogan-Mine getreten und wird prognostisch kaum etwaige Erdogan-Reaktionen mit denen eines vernunftbegabten, erwachsenen Mitteleuropäers verwechselt haben. Böhmermann hat Reaktionen nicht fehlprognostiziert: Er hat sie gar nicht prognostiziert, er hat sie – wie die anderen Minenfelder – nicht einmal betrachtet.

Aus dem beschaulichen ZDFneo-Late-Night-Elfenbeinturm ein Ansatz, der royal um sich selbst dreht. Ein Ansatz, mit dem Kinder ihre Welten bauen.

Zielscheibe Merkel
Natürlich ist Merkels Flüchtlings-Erdogan-Deal lausig. Aber ebenso ist er Ausdruck großer Hilflosigkeit einer Kanzlerin, die – wahrscheinlich gegen ihre persönliche Haltung zu Erdogan – aus Hilflosigkeit und europaweiter Überforderung eine Not-Allianz schließen musste, um zumindest in Ansätzen Steuerungsfähigkeiten zurückzugewinnen.

Merkel hat wahrscheinlich eine Kette korrespondierender Fehler gemacht: Sie begannen vielleicht mit der Überschätzung tragfähiger Bindung Europas, setzen sich fort mit der Unterschätzung der Flüchtlingswellen, innerhalb derer Menschen mit tragischen Schicksalen verzweifelt Sicherheit suchten, und denen sie in einem ethisch wunderbar natürlichen, humanistischen Impuls ein Willkommen anbot. Ihre Äußerung innerhalb eines Telefonates mit dem türkischen Ministerpräsidenten, das Böhmermann-Stück sei „bewusst verletzend“ gewesen, war als Beleg innerer Überlastung ein offensichtlicher, strategischer Fehler der sonst so rationalen, distanzierten Kanzlerin. Eine Frau in zentraler, europäischer Steuerungsrolle, der außen spätestens seit der Griechenland-Krise zunehmend Europa wegzubrechen drohte und an der innen rechtes Wählerpotential großvolumig zur AfD zog.

Eine Frau an offensichtlichen Belastungsgrenzen. Jeder konnte das sehen – egal, ob Satiriker oder nicht. Machen vor diesem offensichtlichen Hintergrund weitere Beschädigungen Sinn? Ja? Warum genau? Wozu?

Hätte Böhmermann auch nur ansatzweise die ihm von einigen zugeschriebenen Fähigkeiten, er hätte sich bewusst dazu entschieden, über alle Grenzen hinweg seine Bombe zu werfen. Ein bodenlos aggressives Bild.

Zielscheibe ZDF
Dass das ZDF als öffentlich-rechtliches Senderschiff weder eine mexikanische Würfelbude noch ein Privatsender ist, bildet auch für Satiriker keine hochinnovative Information. Das Gremium des ZDF-Fernsehrates sieht eine Fülle prominenter CDU-/CSU-Vertreter, Vertreter anderer Parteien, Vertreter von Bund, Ländern, Kirchen und Glaubensgemeinschaften vor: Jeder, der zuhause nicht gerade seine Fenster mit einem Vorschlaghammer putzt, weiß: Mit jeder konfrontativen Aktivität, jeder künstlerisch gewollten Provokation ist ein unüberschaubares Bündel an Interessen, Koalitionen und subjektiven Empfindlichkeiten berührt. Alle Politiker haben im Kerngeschäft über ihre ZDF-Nebenrolle hinaus die ernsten und hochsensiblen Themenfelder Deutschlands und Europas zu bewältigen. Und alle stehen für jeden offensichtlich dabei wieder und wieder mit ihren Rücken an immer neuen Wänden, ringen um Lösungen in Themenfeldern, die keine einfachen Lösungen ermöglichen.

Jeder weiß das. Und jeder sieht das, Tag für Tag.

Selbstverständlich dürfen Kunst und Kreativität sich nicht an Einschränkungen und Machtverhältnissen orientieren. Dieses Argument allerdings darf nicht bedeuten, dass man Sensibilitäten und Besonderheiten der eigenen Homebase in einer Weise ignoriert und übergeht, die Verantwortliche dieser Homebase in ernste und überflüssige Schwierigkeiten bringt.

Wozu genau mittelbar jenen Ärger machen, die einen selbst getragen haben? Ein reflektorischer Verweis auf generelle Themen der Meinungsfreiheit verschöbe diese Perspektive der Konflikte um das Schmähgedicht und verschöbe auch an der ZDF-Schnittstelle die Antwort auf die Frage, wozu Böhmermann die eigene Basis beschädigte: Der Verweis auf den Aspekt der Meinungsfreiheit wäre aufgrund seiner Reduzierung komplexer Wirklichkeiten dumm und ignorant.

Dass Bellut als Intendant nach außen hin zu Böhmermann stand und steht, ist in der Außenkommunikation selbstverständlich und alternativlos. Bellut ist zu klug, um Böhmermanns Fehler zu reproduzieren. Ideen darüber zu entwickeln, welchem politischen Druck, welchen Nachfragen, welchem Ärger sich der Senderchef intern hat stellen müssen, setzt kaum Fantasie voraus. Dass sich ZDF-Redakteure offiziell mit Böhmermann solidarisierten, ist oberflächlich betrachtet eine Geste mit Haltung. Unterhalb dieser Oberfläche ist es möglicherweise auch Pfeifen im Wald und Flucht nach vorn:

Hatten nicht die verantwortlichen ZDF-Redakteure die Ohrfeige des offiziellen Bellut-Statements einstecken müssen, das Böhmermann-Erdogan-Stück entspräche nicht den qualitativen Grundsätzen des ZDF? Und wer, wenn nicht die verantwortlichen Redakteure, wird dafür bezahlt, im Rahmen seiner Profession und Verantwortung diese Prüfung vor Freigabe eines Formates vorzunehmen? Geohrfeigte solidarisieren sich leichter, wenn die Solidarisierung den Fokus auf Entferntes, Grundsätzliches verschiebt.

Und nun?
Juristisch wird man klären, was zu klären ist. Vielleicht wird klarer, was Beleidigung von Satire trennen mag und unter welchen Bedingungen das theoretische Dach der Satire Freifahrtscheine bietet. Vielleicht darf man nach juristischer Klärung sogar auf der Straße Kinder ohrfeigen, wenn man vorher erklärt, dieser Übergriff solle in satirischer Überzeichnung auf die weltweite Gewalt gegen Kinder hinweisen.

Auch Jan Böhmermann selbst hat seine Aktion zugesetzt: Es hat wehgetan. Das muss so sein, das ist richtig und auch gut so: Gut für seine Entwicklung als Künstler, gut für die Entwicklung in Richtung eines erwachsenen Menschen: Menschen, die durch Fehler und Krisen gehen, werden kompletter, auch, wenn es weh tut. Vielleicht verliert Böhmermann die eindimensionale Redundanz der Betonung von Extremen. Aber, er wird in der Breite seines künstlerischen Spektrums durch diese Erfahrung vieles gewinnen können. Wenn er klug ist und beginnt zu verstehen.

Vielleicht hätte Harald Schmidt in einer ähnlichen Situation sein TV-Team eingepackt, wäre in die Türkei geflogen, hätte sich selbstironisch entschuldigt und wäre danach zur Grimme-Preis-Verleihung gegangen. Da kann Böhmermann hinkommen, und es wird interessant, diese Entwicklung zu betrachten. Er müsste bereit sein, sich ernst und eigenverantwortlich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Dieser Weg böte künftig auch Kommentatoren in Medien die Chance, Jan Böhmermann wie einen verantwortlichen, vernünftigen Erwachsenen zu beschreiben und zu verstehen, dass nachträgliches, grundsätzliches „Aufblasen“ von Motiven und Person Menschen nicht größer, sondern kleiner macht.

Mehr über den Autor unter www.leadership-academy de. 

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