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Chefredakteurin des neuen Vice-Portals Broadly: “Frauenthemen sind keine Nische”

Broadly-Chefin Lisa Ludwig
Broadly-Chefin Lisa Ludwig

Vor vier Wochen startete Broadly, die Online-Plattform für junge Frauen von Vice Media, die "kein Blatt vor den Mund nehmen" will. Mittlerweile zählt Broadly 200.000 Unique Visitors. Im MEEDIA-Interview zieht Chefredakteurin Lisa Ludwig ein erstes Fazit und spricht über die Vice-Philosophie, ihre Ansprüche an ein feministisches Portal und den Wunsch, einmal Angela Merkel zu interviewen.

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MEEDIA: Frau Ludwig, wie definieren Sie Feminismus?
Lisa Ludwig: Feminismus als Bewegung ist für mich das Instrument, mit dessen Hilfe Gleichstellung und Gleichberechtigung erstrebt wird. Der Finger, der aufzeigt, wo Ungerechtigkeit passiert, aber eben auch den Weg dahin weist, wie man Ungleichheiten, Diskriminierung, Sexismus überwinden kann. Das mögen viele Menschen als unbequem empfinden, weil es ihnen unter Umständen Änderungen in ihrem aktuellen Lebensstil, ihrer privilegierten gesellschaftlichen Position oder ihrer Art zu denken und mit anderen umzugehen, abverlangt, aber die Stärkung von Frauen- und LGBTQ-Rechten (Anm. der Red.: Lesbian Gay Bisexual und Transgender) ist elementar wichtig, damit wir irgendwann in der hoffentlich nahen Zukunft in einer Gesellschaft leben, in der tatsächlich alle dieselben Chancen haben — und dann selbst entscheiden können, was sie daraus machen.

Ist Broadly ein feministisches Portal?
Eine feministische Weltanschauung ist für Broadly kein Ziel, das wir redaktionell immer wieder neu ausrufen, das ist für uns Basis und Ausgangspunkt für absolut alles. Gleichberechtigung ist eine absolute Selbstverständlichkeit, darüber diskutieren wir nicht mehr.

Wie wird die Philosophie von Vice auf Broadly übertragen?
Broadly behandelt ebenso wie alle anderen Vice-Plattformen Themen, die man sonst eben nicht überall findet, und dabei in Sprache, Zugang und Haltung klar auf ein junges Publikum zugeschnitten ist, das trotzdem verstehen möchte, was um sie herum passiert. Konkret bedeutet das, dass wir natürlich auch über Themen wie Sex und Drogen sprechen, weil das Themen sind, die fest in der Lebensrealität unserer Zielgruppe verankert sind. Wir verschieben nur den Fokus.
Broadly unterscheidet sich insofern etwas von Vice.com als Plattform, als dass der Autor oder die Autorin weniger im Mittelpunkt steht. Es gibt so viele feministische und wirklich tolle Plattformen und Blogs, die über persönliche Standpunkte und Erfahrungsberichte leben, dass wir als journalistisches Medium einen Schritt zurück treten und einen etwas allgemeingültigeren Blick auf ein bestimmtes Thema liefern wollen. Das kann trotzdem eine persönliche Komponente beinhalten, setzt aber eben auch voraus, dass wir mit Experten und Expertinnen oder mehreren Betroffenen sprechen, um feststellen zu können: Deswegen ist das relevant und deswegen betrifft das uns als Frauen, als Gesellschaft. Wir wollen unseren Lesern und Leserinnen kein vorgefertigtes Weltbild mitgeben, woran sie wie zu glauben haben. Wir wollen sie informieren, damit sie sich anschließend eine eigene Meinung bilden können.

Was ist ein typisches Broadly-Thema?
Reproduktive Rechte für Frauen und in diesem Zusammenhang die selbsternannte Pro-Life-Bewegung – die eigentlich eher Anti-Selbstbestimmung ist. In Verbindung mit dem Erstarken rechtskonservativer Parteien und deren archaischer Rollenbilder, dem vom rechten, konservativen Spektrum deutlich ausgesprochenen Wunsch nach althergebrachten Vater-Mutter-Kind-Familien ist das ein Thema, was uns in Zukunft noch ziemlich beschäftigen wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass AfD und Konsorten bei der nächsten Bundestagswahl deutlich mehr mitzureden haben als in der Vergangenheit, scheint nach den letzten Landtagswahlen ja absolut gegeben. Deswegen würde ich sehr gerne mal Frauke Petry interviewen. Ich verstehe nicht, wie man als beruflich erfolgreiche und vermeintlich selbstbestimmte Frau eine derart feminismus- und genderfeindliche Politik vertreten kann.

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Welches Fazit ziehen Sie nach dem ersten Monat?
Mich macht das sehr gute Feedback auf Broadly auf der einen Seite fast ein bisschen wehmütig, weil das bestätigt, dass es in diesem Bereich eben eine Lücke in der deutschen Medienwelt gibt, die noch von zu wenig Portalen besetzt wird. Deswegen freue ich mich, wenn wir zeigen können: Frauenthemen sind keine Nische. Frauen und für sie relevante Themen sind spannend und gesellschaftlich relevant und es lohnt sich auch aus redaktioneller Perspektive, sie abzubilden und ihnen einen Raum zu geben. Wegen genau diesem Bestreben haben wir schon in der ersten Woche nach dem Launch ein Interview mit Pussy-Riot-Mitglied Nadja Tolokonnikowa führen können und deswegen befinden wir uns gerade auch in Gesprächen mit möglichen Gastautoren und -autorinnen wie Marie Meimberg. Persönlich sehr schön finde ich, dass ich aus vielen Ecken gehört habe, dass wir einige Zweifler und Kritiker, die zu Beginn nicht verstanden haben, warum es eine Frauenplattform braucht, wenn wir doch sowieso alle für Gleichberechtigung sind, eines Besseren belehren konnten. Dass unsere Inhalte für uns sprechen und niemand der absurden Annahme aufsitzen muss, dass irgendjemand ausgeschlossen wird, weil wir unseren Fokus auf Frauen- und Gender-Geschichten legen. Ganz abgesehen davon, dass einige unserer freien Autoren männlich sind und ebensoviel Spaß und Interesse an unserem Themenfokus haben wie wir selbst.

Wie sieht der Traffic der Seite aus?
Die sehr positive Annahme der Seite schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Wir haben mittlerweile die 200.000 Uniques erreicht und sind frohen Mutes, zum Ende des Jahres, wenn nicht schon früher, unser selbstgestecktes Ziel der 500.000 Uniques im Monat zu erreichen.

Wie soll es in Zukunft weitergehen? Welche Ziele haben Sie für 2016?
Erklärtes Ziel ist es, den Fokus auch weiterhin auf außergewöhnliche Frauen zu legen — seien das eine Anja Reschke oder Extremsportlerinnen, die sich in ihrem Bereich gegen Geschlechterklischees und die männliche Konkurrenz durchgesetzt haben. Gleichzeitig sehen wir es als Aufgabe, aktuelle gesellschaftliche und politische Entwicklungen zu begleiten und dabei die Belange und Fragen von Frauen und aus der LGBTQ-Ecke abzubilden, wobei wir nach wie vor den Anspruch an uns selbst haben, nicht einfach nur auf aktuelle Themen drauf zu springen und andere zu zitieren, sondern durch original Reporting und Interviews eine zusätzliche Perspektive in eine Debatte zu bringen. Wir würden nächstes Jahr zur gleichen Zeit gerne sagen können, dass wir uns mit Angela Merkel über die Macht der Gestik und des unantastbaren Auftritts als Frau im männerdominierten Politzirkus unterhalten haben. Oder mit Charlotte Roche in einem Hackerspace für Frauen einen Militär-Shooter programmiert haben, bei dem sexuelle Übergriffe gegen Soldatinnen thematisiert werden. Wir blicken selbstbewusst in die Zukunft und warten nicht mehr darauf, dass andere das umsetzen, worauf wir seit Jahren warten. Wir machen es einfach selbst.

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