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“Das heutige Bildblog halte ich für ideologischen Quatsch” – Julian Reichelt im MEEDIA-Gespräch (2)

Bild Digital-Chefredakteur Julian Reichelt im Newsroom Foto: Fabian Matzerath
Bild Digital-Chefredakteur Julian Reichelt im Newsroom Foto: Fabian Matzerath

Er ist der Mann, der seine roten Socken als Marken-Statement für die Bild verstanden wissen will: Bild Digital-Chefredakteur Julian Reichelt. Im zweiten Teil des großen MEEDIA-Gesprächs mit ihm geht es u.a. um Bild-Kritiker, seine Zeit als Kriegsreporter, sein Verhältnis zu seinem Vorbild und Mentor Kai Diekmann und zu Bild-Chefredakteurin Tanit Koch.

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Gibt es eigentlich noch die böse Bild?

Die böse Bild gibt es nicht. Was es aus meiner Sicht gibt und auch geben muss, ist die unberechenbare, aggressive Bild. Eine Bild, die auch mal hart zuschlagen kann, wenn wir es für richtig halten. Das hat aber nichts mit „böse“ zu tun, sondern damit, was wir als unsere Aufgabe empfinden. Wir äußern unsere Auffassung sehr laut und in sehr klaren Worten. Wichtig ist, dass es die berechenbare Bild nicht gibt. Bild muss überraschend sein und auch zuschlagen können.

Muss aber jede Kleinigkeit zu einem Skandal hochgejazzt werden? Es gab da beispielsweise mal diese Geschichte von einem ehemaligen Grünen Landtagsabgeordneten aus Hessen, der sich bei einem Zugbegleiter meldete, weil sein Handy seine elektronische Fahrkarte nicht anzeigte. Bild hat das dann zu einem „Schwarzfahrer-Skandal“ aufgeblasen.
 
Ich habe nicht mehr jedes Detail dieser Geschichte im Kopf, aber wenn er keinen gültigen Fahrausweis hatte, hat er sich Leistungen erschlichen und ist schwarz gefahren. Sollte sich ein Politiker Leistungen erschleichen? Nein. Ich gebe aber zu, dass das Wort Skandal im Boulevard vielleicht ein wenig zu inflationär gebraucht wird. Leider gibt es da keine Abstufungen. Journalismus ist natürlich auch immer Geschichtsschreibung mit Deadline, das gilt umso mehr für Online-Journalismus. Ich bin der Letzte, der sagt, dass bei jeder Geschichte immer jedes Wort gesessen hat. Natürlich gibt es Geschichten, wo wir in der Sprache, Intonierung und Aggressivität anders hätten rangehen müssen. Es gibt auch Geschichten, bei denen man hinterher sagen kann, da hätten wir durchaus härter zuschlagen können.

Ist die Bild durch die fortgesetzte Kritik vor allem aus dem Internet, seriöser geworden?

Unkontrollierte Macht ist immer schädlich und gefährlich. Die Reichweite, die wir haben, hat natürlich Machtpotenzial. Und natürlich ist es gut, wenn dieses Machtpotenzial kontrolliert wird. Dieses Machtpotenzial wird von einer neuen Öffentlichkeit, die es bis vor drei, vier Jahren in dieser Intensität nicht gab, kontrolliert wie wenig anderes in diesem Land. Es ging los mit Blogs, dem Bildblog vor allem. Das frühe Bildblog hat Bild aus meiner Sicht genutzt, weil es uns in Bereichen zu Accountability gezwungen hat, in denen wir vielleicht etwas nachlässig waren. Das heutige Bildblog halte ich dagegen für ideologischen Quatsch.

Sie haben im Zusammenhang mit Kritik des Bildblog an der Flüchtlingsberichterstattung der Bild geschrieben, die Bildblog Autoren Stefan Niggemeier und Mats Schönauer würden Sie „anwidern“. Das ist hart.

Wir sind wie nie zuvor zu Transparenz verpflichtet, das nehmen wir auch wie niemand sonst an. Wir sind zum Beispiel die, die ihren Redaktionsalltag auf Periscope abgebildet haben. Ich glaube, dass Kontrolle und Transparenz immer eine reinigende Wirkung haben und uns am Ende auch besser machen, weil sie den Druck zur Qualität erhöhen. Man muss Social Media auch sehr dankbar annehmen.

Man könnte auf Twitter aber auch den Eindruck gewinnen, dass Sie eine eher kurze Zündschnur haben.

Grundsätzlich habe ich große Freude an pointierter Auseinandersetzung. Wenn man die nicht hat, sollte man sich auf Twitter eher zurückhalten. Habe ich eine kurze Zündschnur? Ich glaube tatsächlich, dass ich bei sehr vielen Themen ein eher geduldiger Mensch bin. Bei manchen Sachen aber auch nicht. Dazu gehört, wenn jemand ungerechtfertigt auf unsere Leute losgeht. Stefan Niggemeier ist ein bisschen geistreicher, Mats Schönauer ist aus meiner Sicht platt ideologisch und intellektuell auch nicht sehr beindruckend. Er hat uns zum Beispiel vorgeworfen, Bild gehe es bei der Flüchtlingskrise nur darum, Geld zu verdienen. Entschuldigung, aber das ist an Dummheit nicht mehr zu überbieten. Wenn Sie mit irgendetwas kein Geld verdienen, dann ist das eine konstruktive, abwägende Haltung zur Flüchtlingskrise. Das verkauft keine einzige Zeitung und keine einzige Anzeige. Das ist eine Überzeugungsposition. Was ich weder mir, noch dieser Marke vorwerfen lasse ist, dass wir in irgendeiner Form Hass schüren. Das existiert hier nicht. Wir sind einer der offensten Läden in ganz Deutschland. Sie können jeden Tag zu uns kommen und mitlaufen. Wir machen uns so transparent wie es irgendwie geht. Dass wir hier Hass schüren, diesen Vorwurf lasse ich von so einem verbohrten, verirrten Ideologen und Eiferer nicht zu. Da habe ich dann tatsächlich eine sehr kurze Lunte. Wenn man sich anschaut, wie ich diese Flüchtlingskrise schon als Reporter begleitet habe, als sie noch gar keine Flüchtlingskrise war, sondern ein Krieg, dann ist das grober Unfug zu behaupten, wir würden hier Ressentiments schüren.

Hat Sie ihre Arbeit als Kriegsreporter definiert?

Auf jeden Fall. Das war eine Erfahrung, die so fundamental und existenziell und bereichernd in vielerlei Hinsicht war, dass sie einen natürlich prägt und definiert. Krieg ist etwas, das alles andere für immer überlagert. Es prägt einfach den Blick auf die Dinge. Es prägt das Verständnis von Loyalität, von Zuverlässigkeit, von Pflichtbewusstsein, von Anstand. Wer sich in einem Krieg anständig verhalten kann, ist ein anständiger Mensch. Das wird zum Maßstab, wenn man das so oft erlebt hat wie ich.

Waren Sie selbst beim Militär?

Nein, ich bin ausgemustert worden. Ich wollte zu den Gebirgsjägern, weil ich gerne Ski fahre. Wegen einer Rückenverletzung vom Skifahren wurde ich dann aber ausgemustert. Die Zeit als Reporter in Kriegs- und Krisengebieten wird aber immer das größte und prägendste Erlebnis bleiben, das man in seinem Leben haben kann.

Haben Sie darum auch ein Abzeichen der Navy Seals als Hintergrundbild auf ihrem Blackberry, den Sie auch als „Kalaschnikow unter den Smartphones“ bezeichnet haben?

Der Vergleich mit der Kalaschnikow war ja eher ein technischer Begriff. Aber warum habe ich dieses Bild da … das ist das Zeichen vom Seal Team 6, der Einheit, die Osama bin Laden getötet hat. Von denen habe ich viele Leute in meiner Zeit als Kriegsreporter kennengelernt. Die verkörpern einen großartigen Teamgeist mit extremer Loyalität und extremer Zuverlässigkeit untereinander. Ein Teamgeist, der aber auch von extremer geistiger Offenheit geprägt ist. Das ist einfach etwas, das mir wichtig ist und das ich versuche, vorzuleben und zu vermitteln. Ich verlasse mich sehr stark auf die Expertise meiner Leute und die können sich wiederum auf mich verlassen. Ich bin stolz auf meine Leute, wenn sie Dinge besser wissen als ich und mir und dem Team etwas erklären können. Die digitale Welt ist zu weit, um sie allein zu erkunden. Es braucht das perfekt eingespielte, robuste und gleichzeitig extrem anpassungsfähige Team.

Im Einsatz: Bild-Männer Paul Ronzheimer und Julian Reichelt

Im Einsatz: Bild-Männer Paul Ronzheimer und Julian Reichelt Foto: Fabian Matzerath

Aus ihrer Zeit als Kriegsreporter gibt es Bilder, auf denen Sie mit schusssicherer Weste in Aleppo stehen. Solche Bilder kennt man heute eher von Bild-Reporter Paul Ronzheimer, der da ein bisschen in Ihre Fußstapfen getreten ist. Das wird manchmal auch kritisiert. Nach dem Motto, Reporter spielen sich selbst in den Vordergrund …

Manchmal ist gut …

Ist es heute notwendig, dass Journalisten auch mehr Gesicht zeigen als früher und als Personen erkennbar sind?

Erstens ist es für Journalismus wichtig, dass man vor Ort ist. Gerade extreme Erfahrungen lassen sich eben nur dann schildern, wenn man sie selbst durchlebt und manchmal durchlitten hat. TV-Journalisten hat man schon immer im Bild gesehen. Das ist eine sehr deutsche, teilweise neidische, durch Social Media beschleunigte Debatte. Reporter waren immer vor Ort und im Bild. Wenn sie gut sind, werden Reporter Teil der Geschichte. Strategisch halte ich es außerdem für unerlässlich, dass wir unsere Marke verbreitern, indem wir menschliche Marken schaffen. Jemand wie Paul Ronzheimer ist inzwischen eine menschliche Marke. Wenn sie Paul Ronzheimer sehen, denken viele Menschen an Bild, ohne dass Bild dabeistehen muss. Paul Ronzheimer hat mitgeholfen, die Marke Bild ins 21. Jahrhundert zu transportieren. Paul verbreitert und internationalisiert unsere Marke. Auf Periscope spricht er Englisch und erreicht Menschen, die vorher noch nie mit Bild in Berührung gekommen sind.

Bild ist nicht nur Politik. Können sie sich genauso für den Hintern von Eva Longoria und die Knutschereien von Sophia Thomalla begeistern wie für politische Themen?

Genauso faszinierend wie die Politik finde ich menschliche Emotionen im weitesten Sinne und all das, was sie auslösen. Der Hintern von Kim Kardashian interessiert mich jetzt nicht so sehr als Objekt, aber als globales Phänomen. Das was Menschen damit in Photoshop machen oder wie sie sich darüber aufregen – diese Menschlichkeit – das interessiert mich einfach. Dafür habe ich eine noch größere Faszination als für Politik: die menschliche Dimension von Dingen.

A propos menschliche Dimension. Was ist Kai Diekmann für Sie?

(Pause)

Da müssen Sie jetzt aber lange nachdenken.

Ja, das möchte ich präzise beantworten.

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Sagen Sie jetzt bitte nicht „mein Herausgeber“, das wäre zu billig.

Ich versuche meine große Wertschätzung so auszudrücken, dass sie nicht wie Schleimerei klingt. Also: Kai und ich sind aus meiner Sicht ein ultra eingespieltes Team, das sich blind versteht und blind vertrauen kann. Das ist über einen sehr langen Zeitraum gewachsen und beruht in keiner Weise auf alter Freundschaft oder Buddytum oder sowas. Am Anfang unseres gemeinsamen Weges hätten wir nicht weiter voneinander entfernt sein können, was die Posten angeht: Chefredakteur und freier Mitarbeiter/Volontär. Es ist dann über die gemeinsame Leidenschaft für diese Marke und diesen Beruf und tatsächlich so eine Art Sense of Mission eine Gemeinsamkeit entstanden. Wir denken beide, dass diese tolle, fulminante Maschine Bild das tollste und spannendste Produkt der Welt abliefert. Er ist tatsächlich für mich der perfekte Chef.

Volontär Julian Reichelt 2002 beim Interview mit Donald Trump

Volontär Julian Reichelt 2002 beim Interview mit Donald Trump

Ist er für Sie ein Vorbild?

Auf jeden Fall, aber das Wort Vorbild wird dem gar nicht gerecht. Das ist ein deutlich vielschichtigeres Verhältnis. Er ist jemand, der für mich ein Vorbild ist, er ist jemand, mit dem man sich streiten kann, er ist jemand, mit dem man sehr vertrauensvoll zusammenarbeiten kann, mit dem es extrem lustig ist. Jemand, von dem ich sehr viel gelernt habe, der mir viele Freiheiten gegeben hat, der mir ermöglicht hat, als Reporter die Welt zu sehen und Weltgeschichte mitzuerleben. Vielleicht trifft es Mentor am besten. In einer sehr altmodischen, altgriechischen Bedeutung.

Bei diesem Interview, das sie zu dritt in der Springer Mitarbeiter-Zeitschrift mit sich selbst geführt haben – also Sie, Tanit Koch und Kai Diekmann – haben sie gesagt, dass sie erst ein einziges mal mit Tanit Koch, der neuen Bild-Chefredakteurin essen waren. Hatten Sie mittlerweile Gelegenheit, sich öfter zu treffen und sich auszutauschen?

Wir waren jetzt zwei oder dreimal essen. Im Vordergrund dieses Jobs stehen für mich aber das gemeinsame Ziel, dieser Sense of Mission und die Zuverlässigkeit. Das ist bei ihr genauso. Es gibt ganz viele Leute bei Bild, mit denen ich schon häufig aus war. Das spielt aber keine Rolle, wenn es um das große Ganze geht. Tanit sieht das nach meinem Empfinden sehr ähnlich, da ergänzen wir uns gut. Es ist auf jeden Fall eine Freude, mit ihr in dieser neuen Konstellation zusammen zu arbeiten.

Wie sprechen Sie sich ab, wie Themen bei Bild und Bild.de gespielt werden, gibt es da einen Jour fixe?

Das Prozedere dafür gibt es schon lange und das ist schlicht das Prinzip Newsroom. Da haben wir alle genug Routine und Urteilsvermögen. Wir brauchen da keinen Jour fixe. In den meisten Fällen brauchen wir noch nicht mal Worte. Es ist ein bisschen wie im Cockpit eines Flugzeugs. Wenn sie da einen Jour fixe brauchen, können sie absolut sicher sein, dass die Besatzung und die Passagiere das nicht überleben werden.

Zum Schluss ein kleines Entweder-Oder-Spiel. Zug oder Flug?

Flug.

Steak oder Veggie?

Steak.

Taube oder Falke?

Falke

Apple oder Samsung?

Apple

Buch oder E-Book?

E-Book.

Hillary oder Donald?

Hillary.

Demokrat oder Republikaner?

Republikaner. Reagan-Republikaner!

Merkel oder Seehofer?

Merkel.

Hier geht es zu Teil 1 des MEEDIA-Gesprächs mit Julian Reichelt, in dem er u.a. über Paid Content, die Herausforderung Facebook und sein Verhältnis zu Focus Online spricht.

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Alle Kommentare

  1. Zitat:
    „Das heutige Bildblog halte ich für ideologischen Quatsch“

    Das beruht auf Gegenseitigkeit.
    Ich halte (schon immer) die Bild für ideologischen Quatsch. Sie und Ihre Mitarbeiter widern mich schon immer an.

  2. BILD ist doch meiner Meinung nach übelste Propaganda……gut das es zunehmend an Bedeutung verliert…..HerrJulian Reichelt ist meiner meiung nach ein ganz übler Propagandamacher. MEEDIA finde ich übrigens alles andere als neutral….eher so ein Verein….der sich selber feiert….ihr habt fertig….gute Medien kommen nicht mehr aus dem Mainstrem!

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