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Solidarität mit Jan Böhmermann: Warum Mathias Döpfner unseren Respekt verdient

Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner

Überraschendes Bekenntnis eines Top-Managers der deutschen Medienszene: In der Welt am Sonntag hat sich Mathias Döpfner, Vorstandschef von Axel Springer vollinhaltlich mit der Schmähkritik von Jan Böhmermann gegen den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan solidarisiert. Da Döpfner explizit bereit ist, auch juristische Konsequenzen zu tragen, könnte der Rechtsstreit außer Kontrolle geraten.

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Die Meldung über den Gastbeitrag des Springer-Vorstandschef in der Welt am Sonntag machte am Sonntagmorgen die Runde. Sie war, zwischen den Zeilen, eine Sensation. Noch nie in den vergangenen Jahren hatte sich der Chef eines Medienhauses so entschieden für einen Medienschaffenden eingesetzt. Man darf nicht vergessen: Es ist leicht, als Verlagschef gegen Google, Mehrwertsteuersätze oder Werbeverbote zu sein und das öffentlich kund zu tun. Aber es erfordert eine Menge Mut, in der aktuellen Situation eine Breitseite gegen die Regierung, gegen die Bundeskanzlerin abzufeuern, wie es Mathias Döpfner an diesem Wochenende getan hat. Das ist so bemerkenswert wie wichtig für die Medien.

Wer bislang der Meinung war, dass Axel Springer sich sukzessive zugunsten digitaler Aktivitäten in Rubrikenmärkten, Preisvergleichen etc. aus dem Publishing und Agenda Setting zurückzieht, wurde hier eines Besseren belehrt. Mathias Döpfner hat mit seinem Böhmermann-Bekenntnis ein Zeichen gesetzt – auch in Richtung der Türkei und ihres Staatspräsidenten. Denn Döpfner ist nicht irgendwer, sondern der wohl mächtigste Verlagschef der Republik und Verleger von Europas auflagenstärkster Zeitung. Geballte Meinungsmacht. Wenn so einer Partei für einen Underdog ergreift, einen Mittdreißiger und hochtalentierten Comedian, der bislang aber in der Nische wirkt, dann bekommt die Causa Böhmermann eine neue Fallhöhe.

Es war wohl kein Zufall, dass nur Stunden nach Veröffentlichung von Döpfners Erklärung das Strafersuchen der türkischen Regierung publik wurde, inklusive der irritierenden Anmerkung, dass die Bundesregierung das Anliegen „prüfe“. Wer den Kunstliebhaber Mathias Döpfner kennt, weiß, dass für ihn die Freiheit der Kunst und der „Anderen“ unverhandelbar ist und dass er aus Überzeugung handelt: an einem Comedian, der die Grenzen der Satire auslotet, darf kein Exempel statuiert werden, schon gar nicht in einem internationalen Kontext – egal, was die wankelmütige Staatsräson gerade befiehlt. Ein Wink mit dem Zaunpfahl an Angela Merkel für den Last Exit Anstand der Bundespolitik. Nach derzeitigem Anschein ist der Ausgang ungewiss.

Man kann nur spekulieren, ob Döpfner in dieser Weise oder überhaupt reagiert hätte, wenn es in der vergangenen Woche mehr Politiker und Medienleute gegeben hätte, die in Sachen Böhmermann unmissverständlich die Freiheit der Kunst eingefordert hätten. Doch da kam fast nichts. Stattdessen war zu lesen, dass die Staatsanwaltschaft gegen den ZDF-Moderator ermittelt, und dass jetzt auch noch die Bundesregierung „prüft“. Die Politikerin Angela Merkel hat sich in eine Lage gebracht, in der es mit Blick auf das Verhältnis zu einem autoritären Herrscher wie Erdoğan kein Zurück mehr gibt, wenn sie ihr Gesicht (und das von Europa) wahren will.

Die Kanzlerin hat dies fahrlässig aus freien Stücken getan, denn ohne ihre Verurteilung des Verhaltens von Jan Böhmermann (und ihre mutmaßliche, wenn auch nicht bestätigte Entschuldigung bei der türkischen Regierung) wäre sie gar nicht in diese Zwickmühle geraten. Hätte sie der türkischen Regierung eine Klage vor einem deutschen Gericht empfohlen, wäre sie besser geraten gewesen. Mit dem Urteil eines Zivilgerichts nach deutschem Recht könnte in diesem Fall jeder leben. Das Satiremagazin Titanic ist trotz der Regel „Satire darf alles“ verschiedentlich wegen Schmähkritik verurteilt worden, und dies war, wie jeder weiß, kein Untergang.

Auch Jan Böhmermann dürfte klar sein, dass er mit seiner Erdoğan-Schelte zu weit gegangen ist. Aber dies festzustellen, ist eben nicht Sache der Politik, sondern – auf Antrag des Betroffenen – der Justiz. So, wie es jetzt läuft, ist Meinungs- und Kunstfreiheit in diesem Land offenbar wieder verhandelbar. Niemand in den Medien, der diesen Gedanken weiter und zu Ende denkt, darf hinnehmen, was hier im Namen von Angela Merkel geschieht. Die Kanzlerin, die mit ihrer mutigen Haltung zum Schicksal von Millionen Bürgerkriegsflüchtlingen vom US-Magazin Time zur „Person of the Year“ gewählt wurde, ist im Begriff, eine populäre Medienfigur zu opfern und ihren Nimbus nicht nur bei Menschenrechtsaktivisten komplett einzubüßen.

Wenn es eines Beweises bedurft hatte, dass Regierungschefs anderer Länder sich in innerdeutsche Angelegenheiten einmischen können, dann ist er hier – ohne echte Not – erbracht worden. Das ist der größte Schaden, der durch das Verhalten von Angela Merkel und ihrer Administration in den vergangenen Tagen angerichtet worden ist. Das ZDF hat sich dabei als verlängerter Arm der eigenen Regierung gezeigt, ein Tiefpunkt in der Historie eines Senders, der durch seine Gebührenfinanzierung eigentlich unabhängig von schnelllebigen äußeren Einflüssen sein sollte. Ein beleidigter Staatschef scheint zu reichen, um ein deutsches Grundrecht zumindest vorübergehend außer Kraft zu setzen. Jan Böhmermann als Staatsfeind. In welchem Land leben wir eigentlich?

Jan Böhmermann scheinen die Geschehnisse viel tiefer getroffen haben, als es viele seiner Fans ahnen. „Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe“, postete der 35-Jährige am Freitagmorgen auf Facebook und sagte seine Präsenz bei der Verleihung seines Grimme-Preises ab: „Mein Team von der Bildundtonfabrik und ich bitten um Verständnis, dass wir heute Abend nicht in Marl feiern können.“ Auch einen Auftritt bei Anne Will am Sonntagabend im Ersten lehnte er ab; nach MEEDIA-Infos auch auf Drängen des ZDF. Stattdessen diskutierten dort No-Names und Außenstehende. Das war alles längst keine Satire mehr, real bleibt der erschreckte Hilferuf eines Künstlers, dessen Welt aus den Angeln geraten ist. Man muss ihn nicht mögen oder seinen Humor teilen, denn darum geht es hier nicht.

Was Satire darf, entscheiden in einem freien Land im Zweifel die Gerichte, niemals die Politik. In diesen Tagen wird mit Unterstützung der deutschen Politik ausgetestet, wie schnell und wie weit sich Medien und Kunstschaffende einschüchtern lassen. Als die Titanic den Papst mit einer bepinkelten Soutane zeigte, waren Bischöfe und Vatikan auf den Rechtsweg angewiesen. Die (aussichtsreiche) Klage wurde von der Kirche zurückgezogen, weil der öffentliche Schaden zu überwiegen drohte. Bei Böhmermann dagegen sprang die Kanzlerin für den angegriffenen Staatschef in die Bresche. Sie hat damit den Bogen überspannt, mit unabsehbaren Folgen. Das hat der Axel Springer-CEO Mathias Döpfner erkannt, und genau deshalb ist sein Beitrag zur Debatte so wertvoll.

Der Welt-Beitrag von Mathias Döpfner ist dabei eine gezielte Provokation. Sollte der Comedian rechtlich belangt werden, fordert der Springer-Chef einen eigenen Platz auf der Anklagebank. Und man kann sicher sein, dass er diese ungewohnte Rolle nutzen würde, um einen derartigen Prozess zum Tribunal gegen die Einschränkungen der Medienfreiheit geraten zu lassen.

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