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Martin Sonneborn zur Affäre Böhmermann: „Meine Kollegin Merkel hat offensichtlich den Verstand verloren“

Rückenprobleme? Wladimir Putin, Jan Böhmermann, Martin Sonneborn (v.l.)

Magazin-Macher mit Rücken-Problemen, Wladimir Putin als Dr. Evil in dem Medienthriller „Panama Papers“, warum digitales Storytelling Mist ist und Martin Sonneborn springt Jan Böhmermann bei. In diesem MEEDIA-Wochenrückblick.

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Magazin-Macher haben es echt nicht leicht. Die Auflagen sind, wie man so unschön sagt, unter Druck. Das wird oft auch bei den wöchentlichen Cover-Checks von MEEDIA deutlich, bei denen den Einzelverkaufsauflagen von stern, Spiegel und Focus auf den Zahn gefühlt wird. Fast jedesmal wird schmerzhaft gebohrt. Diese Woche meldete mein Kollege Jens Schröder, dass der Focus nun schon dreimal hintereinander unter 60.000 verkauften Exemplaren blieb. Auch beim stern gab es keinen Grund für verschärftes Sektkorken-Geknalle. Auffällig in diesem Zusammenhang: Viermal in zehn Wochen hatte der stern eine halbnackte Frau auf dem Cover, diesmal zum Thema Rücken. Das olle Motto „Sex sells“ funktioniert offenbar nicht mehr. Und „Rücken sells“ scheint sich auch abzunutzen. Obwohl es bei den Blattmacher vielleicht noch ein bisschen dauert, bis sich diese Erkenntnis durchsetzt. Zum Thema steuerte das Medien-Fachmagazin Titanic jüngst dieses Rück-Cover bei:

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Ja, ja, ich gebe es zu, auch ich hatte diese Woche so ein bisschen an den „Panama Papers“ herumgemeckert. Und zwar, weil ich den Erkenntnisgewinn (Briefkastenfirmen sind böse) ein bisschen lau im Vergleich zur eher pompösen Inszenierung finde. Journalisten, die rummeckern – schlimm, oder? Das Thema an sich ist aber natürlich wichtig und der Scoop ist auch beeindruckend. Ich hätte mir halt gewünscht, dass da ein bisserl besser erklärt wird, vielleicht mal an einem – gerne auch anonymisierten Beispiel – durchdekliniert wird, wie so eine Datenauswertung funktioniert und was man da genau rauslesen kann und was nicht. Wenn es so was gab und ich das vor lauter Putin übersehen haben sollte, mea culpa! Es ist ja schon auch richtig, dass das Umfeld von Wladimir Putin in den „Panama Papers“ aufgespießt wird. Trotzdem muss erlaubt sein, dass einem die Art und Weise, wie Putin in den Medien mittlerweile als eine Art Ikone des Bösen verwendet wird, seltsam vorkommt. In einem Image-Video der Süddeutschen Zeitung bildet er sich aus einer Art Datenwolke heraus: Dr. Evil alias Wladimir Putin. Auch beim britischen Guardian wird Putin genommen, um „Panama Papers“-Videos zu illustrieren. Dabei werden die Autoren nicht müde zu erwähnen, dass der Name Putin in den Papers gar nicht auftaucht, sondern „nur“ sein Umfeld. Der Name Assad taucht übrigens auch nicht auf, der syrische Diktator wird aber ebenfalls dauernd genannt und gezeigt.

Das Video, das zeigt, wie der isländische Regierungschef vor laufender Kamera überführt wird, selbst in Offshore-Finanzgeschäfte verwickelt zu sein und vor dem Interview flieht, das ist freilich schon ein seltenes und sehr sehenswertes Dokument der Zeitgeschichte. Ich bin sehr gespannt, was da noch an Stories aus den „Panama Papers“ kommt. Die Enthüller haben die Erwartungen jedenfalls vortrefflich geschürt. Wobei. Bei SWR1-Leute habe ich von zwei Beteiligten der „Panama Papers“-Auswertung vom NDR gehört, dass die wirklich bekannten Namen bereits alle veröffentlicht seien. Schaun mer mal.

Was bei den „Panama Papers“ ja auch wieder ausgiebig benutzt wurde, war dieses digitale Storytelling. Da scrollt man runter und während man so runterscrollt, fangen Videos an zu laufen, knackt und knirscht es an allen Ecken und irgendwo wird ein O-Ton abgespielt. Als die New York Times mit dem berühmten „Snow Fall“ damit anfing, war ich auch begeistert. Irgendwann merkte ich aber, dass ich eigentlich nie eine dieser digitalen Angebereien wirklich las, sondern immer nur scrollte und guckte, wo sich wieder was bewegt. Liegt vermutlich bloß an mir, dachte ich. Der Blogger Fefe hat diese Abneigung gegen das so genannte digitale Storytelling diese Woche sehr schön auf den Punkt gebracht:

Das sieht aus wie ein Portfolio einer Hipster-Multimediaklitsche aus Berlin Mitte, nicht wie eine Nachrichtenseite!

Die Idee bei Informationsvermittlung ist, die Barrieren zu reduzieren. Dem Leser so wenig Ausreden wie möglich zu geben, wieso er abbricht und lieber woanders hin geht. Diese Webseite wirkt, als wolle mich da ein wohlmeinendes Fitnessstudio zur körperlichen Ertüchtigung zum Mausbewegen trainieren. Dann diese Unruhe, die durch die ganzen überflüssigen Parallax-Bewegungen, das Zoomen und Scrollen im Hintergrund, und die Filme entstehen. Ich habe Null Verständnis dafür, wenn ungefragt ein Film mit Audio losgeht. Ich habe hier klassische Musik auf meiner Stereoanlage und habe keinen Bock darauf, dass mir da irgendwelche Leute ungefragt reinquatschen.

Mich stößt sowas ab.

Und ich kann mich unter solchen Bedingungen auch nicht auf den Text konzentrieren. Da werden Gefühle transportiert, nicht Inhalte. Ich lasse die Bilder an mir vorbei rauschen und gehe weiter. Das ist wie ein Werbespot. Danach könnte ich dir nicht sagen, was ich da gerade „gelesen“ habe.

„Abstoßend“ ist vielleicht etwas kräftig formuliert. Ansonsten kann ich das hundertprozentig unterschreiben.

Focus Online hat sich mit seinen zusammengetackerten Zombie-Pseudo-Videos diese Woche selbst übertroffen. Bzw.: unterboten. Zum Heckmeck rund um Jan Böhmermanns Schmähgedicht und die Spiegel-Meldung, dass nun die Staatsanwaltschaft gegen Böhmermann ermittelt, haben die Focus Online-Leute die eigene Website abgefilmt, auf der wiederum die bei Spiegel Online abgeschriebene Meldung zu sehen ist. Sie nennen das dort „Nachrichten“.

Dabei geht es ja nur darum, dass sie bei Focus Online auf Teufel komm raus solche Quatsch-Videos produzieren, um davor von Algorithmen scheinbar wahllos verteilte Werbespots knallen zu können. Dieser Wahnsinn wird erst aufhören, wenn die Werbe-Industrie aufhört, vor wirklich jedem Mist Werbung zu schalten. Also vermutlich am Sankt Nimmerleinstag.

Zum Schluss noch ein finales Wort zur Affäre Jan Böhmermann. SWR2 hat den Satiriker und Europa-Abgeordneten Martin Sonneborn (Die PARTEI) zur Sache befragt. Sonneborn redet erwartungsgemäß Klartext. „Meine Kollegin Merkel hat offensichtlich den Verstand verloren – sie agiert derzeit absolut wert- und moralfrei.“ Sagt er. Und: „Ich glaube, man sollte Jan Böhmermann jetzt etwas pflegen, denn er ist Harald Schmidts legitimer Nachfolger und im Fernsehbereich im Satirischen einer der wenigen, die nicht ganz so schlecht sind. Er ist sogar einer der ganz wenigen, die noch neue, provozierende und auch aggressive Sachen machen. Ich glaube, der Mann ist wichtig für unser Land.“

Das könnte der Herr Sonneborn ausnahmsweise sogar mal ernst gemeint haben.

Sonniges Wochenende!

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