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International Journalism Festival in Perugia: Ferienlager der Vordenker

Mark Heywinkel berichtet für MEEDIA vom internationalen Journalismus-Festival in Italen
Mark Heywinkel berichtet für MEEDIA vom internationalen Journalismus-Festival in Italen

Einmal im Jahr verwandelt sich das italienische Perugia zum Hotspot für Journalisten aus aller Welt. Beim inzwischen zehnten International Journalism Festival tauschen sich vor allem Innovatoren aus, die eine Gier nach Experimenten entwickelt haben. Hier netzwerken und sprechen Journalisten, die Twitter längst durchgespielt haben

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Von Mark Heywinkel

Am Abend strömen Perugias Studierende in die Altstadt und verwandeln die ruhige Piazza IV Novembre in eine tosende Party-Zone. Binnen kurzer Zeit herrscht zwischen den hellen Mittelalterbauten Dolce Vita mit Bier, Kippen und Musik.

Am frühen Abend füllt sich die Piazza IV Novembre in der Altstadt von Perugia rasch mit Studierenden. #theta360 #theta360de – Spherical Image – RICOH THETA

Mitten im Trubel sitzt Stijn Debrouwere auf einer Steintreppe und trinkt mit. Äußerlich passt der 27-Jährige perfekt ins Bild, doch Debrouwere ist dem Studentenleben gedanklich fern. Statt abzuschalten, fachsimpelt der Analyse-Experte lieber über den Vertrieb von Inhalten im Netz: Inhalte nur einmal über Facebook auszuspielen, hält er für zu wenig. Man müsse das Publikum immer und immer wieder auch mit den gleichen Artikeln versorgen, sofern dafür der richtige Zeitpunkt sei. Für die US-Seite Fusion und beim Guardian arbeitete Debrouwere bereits an Strategien, alte Artikel mit einem neuen Dreh publikumswirksam zu streuen und den richtigen Zeitpunkt dafür zu bestimmen.

Solche Herzblutjournalisten, die jedes Gespräch über Medien einer Party vorziehen, scheinen das circa 166.000 Einwohner große Perugia zurzeit in Scharen zu durchstreifen.

Das International Journalism Festival (#ijf16) wirkt wie das sommerliche Ferienlager für Branchenvordenker. Hier netzwerken und sprechen Journalisten, die Twitter längst durchgespielt haben und jetzt mit 360-Grad-Kameras, Drohnen und Datenvisualisierung die Grenzen des klassischen journalistischen Storytellings überschreiten wollen. Innovationsguru Jeff Jarvis ist dieses Jahr zwar nicht anwesend. Dafür sind mehr als 400 Speaker aus Amerika, Europa und Asien angereist, um ihre Ideen vorzustellen, zu feedbacken und ihr Wissen untereinander auszutauschen.

Tutorials für Tools spielen dabei eine große Rolle im Programm. Am ersten Festivaltag werden Twitters Live-Streaming-Dienst Periscope ebenso vorgestellt wie Software zur Analyse und Visualisierung von Daten. Aber um derartige Aufbaukurse scheren sich die wenigsten Festivalgänger. Wer nach Perugia kommt und nicht weiß, wie etwa die Advanced Search oder die Bilder-Rückwärtssuche von Google funktionieren, ist ohnehin fehl am Platz.

Bis MOOCs funktionieren, ist es noch ein weiter Weg

Spannender geht es dort zu, wo die Speaker offen über Fehlschläge bei ihren Projekten berichten. Am sympathischsten gelingt die Fehleranalyse zwei deutschen #ijf16-Teilnehmern: David Röthler und Marcus Jordan sind nach Perugia gereist, um die Ergebnisse ihrer ersten Massive Open Online Courses (MOOCs) zu präsentieren. Mit der Torial Acedemy wollen sie eine Plattform schaffen, über die Journalisten künftig an einer Vielzahl kostenloser Weiterbildungen teilnehmen können.

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Die bisherigen Nutzerzahlen seien jedoch überschaubar gewesen, berichtet das Duo. Daraus schließen Röthler und Jordan, dass es zu Beginn eines solchen Projekts weniger wichtig sei, an der Qualität der Kurse zu schrauben. Stattdessen müsse das Augenmerk bei der Programm-Entwicklung eher auf die Reichweite gerichtet sein.

Herr Röthler, in welchen Bereichen sehen Sie großes Interesse seitens JournalistInnen an MOOCs: Besteht eher eine Nachfrage an Workshops zu neuen Tools wie Snapchat und Periscope oder gibt es Bedarf nach mehr Austausch zu aktuellen Themen?
David Röthler: Ich denke, dass Kursangebote tatsächlich eher zu praktischen Themen gefragt sind: Tools und Methoden und alles, was sich in der täglichen Arbeit rasch umsetzen lässt. Dennoch halte ich Reflexions- und Informations- und Vernetzungsangebote auch zu anderen aktuellen Themen für wichtig. Uns ist aber bewusst, dass diese nicht immer gut angenommen werden, da man sich zu beispielsweise Flucht, Migration oder dem Klimawandel auch aus anderen Quellen informieren kann.

Wie wichtig sind den MOOC-TeilnehmerInnen anerkannte Zertifikate, die sie in ihren Lebenslauf heften können?
Viel wichtiger als Zertifikate sind Leistungsnachweise in Form einer eigenen Online-Präsenz zum Beispiel als Weblog oder als Profil im Portfolio-Netzwerk Torial. So kann man zeigen, was man kann. Ebenso können in MOOCs – aufgrund der zumeist offenen Plattformen – Lernerfahrungen nachvollzogen werden. E-Portfolios und Open Badges werden Zertifikate alten Stils ablösen.

David Röthler und Marcus Jordan stellen beim #ijf16 in Perugia die Torial Academy vor, auf der sie MOOCs für JournalistInnen anbieten. #theta360 #theta360de – Spherical Image – RICOH THETA

Beim #ijf16 haben Sie darüber gesprochen, dass man am Anfang weniger die Qualität der Seminare forcieren, sondern sich erst mal um den Aufbau der Reichweite kümmern sollte. Wie soll das in Zukunft besser funktionieren?
Neue Angebote und wirksame Kooperationen zu etablieren, braucht Zeit. Der Nutzen von MOOCs und offenen Webinaren ist der Zielgruppe noch nicht ausreichend bekannt. Es genügt noch nicht, ein aktuelles Thema zu behandeln oder das Angebot kostenlos zur Verfügung zu stellen. Wir versuchen, für zukünftige Projekte – durch Kooperation mit Bildungseinrichtungen und Instituten – eine gewisse Partizipationsquote sicherzustellen. Je mehr Personen sich aktiv am Webinar und hoffentlich bald auch an MOOCs beteiligen, desto offenbarer wird der Mehrwert, den solche Formate bieten können.

Dieses Urteil lässt sich auch über den ersten Festivaltag fällen: Die Beteiligung an den Sessions ist am geruhsamen Starttag noch gering. Die Festivalgänger genießen nach ihrer Ankunft lieber die angenehmen 20 Grad und die Ruhe der Parks, statt sich in die Vortragsräume zu quälen. Doch schon jetzt liegt eine Euphorie in der Luft, die einige deutsche Konferenzen missen lassen.

Mark Heywinkel besucht das International Journalism Festival in Perugia mit der Masterklasse des Studiengangs Digital Journalism der Hamburg Media School.

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