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Gegen die Kritik an den „Panama Papers“: „Jury aus selbsternannten Recherche-Nachvollziehern“ 

Hasso Mansfeld über Kritik an den "Panama Papers"

Die unter Federführung der Süddeutschen Zeitung und dem internationalen Recherverbund ICIJ veröffentlichten Panama Papers sorgen weltweit für Schlagzeilen, ziehen aber auch Kritik auf sich. So wird u.a. kritisiert, dass es sich beim ICIJ und ein geschlossenes „Kartell“ aus Journalisten handle und dass der russische Präsident Wladimir Putin zu prominent ausgestellt wird, obwohl sein Name nicht in den „Panama Papers“ auftaucht. MEEDIA-Gastautor Hasso Mansfeld hält solche Kritik für unbegründet.

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Von Hasso Mansfeld

Sonntag Abend zappte ich bei Anne Will rein, ohne zuvor Nachrichten gesehen zu haben. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt also nichts von den „Panama Papers“, der Enthüllung des internationalen Rechercheverbands ICIJ. Entsprechend empfand ich das Überraschungsmoment der „Anne Will“-Sendung rund um die „Panama Papers“ so, als werde mir gerade der kleine Bruder von 9/11 vorgeführt. Entsprechend befremdlich kam mir die ganze Sache vor.

Wieso gibt es bei „Anne Will“ eine solche Enthüllung? Anne Will ist ja nicht angetreten, investigativen Journalismus zu präsentieren. Man trifft sich dort doch allenfalls, um die Ergebnisse anderer zu debattieren. Die unvermittelte Konfrontation mit den „Panama Papers“ hat bei mir deshalb Befremden hervorgerufen.

Deshalb verstehe ich auch, warum plötzlich die Kritik an der ICIJ-Tätigkeit anschwillt. Doch nach einigem Abstand glaube ich, dass sie in manchen Punkten unbegründet ist. Und das aus folgenden Gründen:

Aktuell wird gegen das ICIJ beispielsweise angeführt, die Kritik an Russlands Präsident Wladimir Putin sei nicht nachvollziehbar, das Ganze womöglich eine Kampagne, von 400 fehlgeleiteten Journalisten in mehr als 70 Staaten ausgeführt. Schließlich komme Putin in deren Daten – nach allem Anschein – gar nicht selbst vor. Es handele sich wenigstens um billiges Name-Dropping, Aufschneiderei, schlimmstenfalls um Propaganda.

Letztlich können das nur die Rechercheure selbst beantworten. Allerdings gibt es Hinweise, die das Vorgehen des ICIJ rechtfertigen. Und diese Kritik widerlegen.

Wie das ICIJ mitteilt, konnte ja beispielsweise dem engsten bekannten Kreis um Putin in den „Panama Papers“ erhebliches Vermögen zugeordnet werden. Darunter Musikern, die plötzlich erhebliche Anteile an dem größten russischen Lastwagen- und Panzerhersteller Russlands halten. Und offenbar wurden diese Vermögen vielfach mit Methoden hin- und hergeschoben, die von den betroffenen Russen eben nicht öffentlich gemacht werden sollten, sondern gerade im Verborgenen in den offenbarten Offshore-Firmen versteckt worden waren.

Dass diese Transaktionen nach ICIJ-Angaben bisweilen mit Finanzakrobatik höheren Könnens ausgeführt worden sind, erschüttert sicher zusätzlich die Unschuldsvermutung des braven russischen Musikus. Kann beispielsweise ein harmloser Cellist aus Putins Bekanntenkreis solcherlei Finanzkunststückchen am heimischen Laptop hinkriegen, quasi nebenher zu seinen musischen Geläufigkeitsübungen am Cello?

Was aber hätte das ICIJ nach Meinung der Kritiker tun sollen, um die Verdachtsmomente gegen eine billige Anti-Putin-Masche nicht aufkommen zu lassen? Etwa den erwartbaren Kritikern der „Mainstreammedien“ (genau die leisteten diese Arbeit) die Dokumente vorab zur Prüfung vorlegen?

Wären diese Damen und Herren Mainstream-Kritiker in der Lage gewesen, diese Dokumente finanz-fachlich zu verstehen? Ganz abgesehen davon: Kein investigativer Rechercheur kann seine Dokumente außerhalb der Redaktion offenlegen, geben die Dokumente doch womöglich Dritten einen ungewollten Hinweis, woher diese Dokumente stammen. Und lassen so womöglich gar Rückschluss zu auf denjenigen, der sie der Öffentlichkeit zur Auswertung gegeben hat.

Quellenschutz hat seinen Grund.

Die datengestützte, investigative Recherche funktioniert doch deshalb so, dass der Redakteur alleine oder mithilfe Dritter seine Datensätze auswertet, Schlüsse zieht und daraus seinen Artikel schreibt. Der Leser erhält also die Schlussfolgerungen geliefert, die durch Daten gestützt sind. Nicht aber die Daten selbst.

Bisher hat nicht einmal dieser ominöse panamaische Offshore-Kiosk in Form einer alerten Anwaltskanzlei, dem diese Daten abhanden gekommen sind, den Vorwurf erhoben, die Dokumente existierten nicht. Oder es handele sich um Fälschungen.

Ob die gezogenen Schlussfolgerungen daraus stimmen, kann im Streitfall später immer noch der zuständige Pressesenat klären. Nicht aber vorab eine Jury aus selbsternannten Recherche-Nachvollziehern, die Datenbeweisketten offengelegt bekommen wollen, um dann ein Urteil über die journalistische Leistung der ICIJ-Rechercheure sprechen zu können.

Anstelle dieser meiner Meinung nach unhaltbaren Kritik am ICIJ  wundert mich, warum die deutschen Medien, die nicht an der ICIJ-Auswertung beteiligt war, meiner Beobachtung nach bisher nichts Eigenes zur Vertiefung dieses Offshore-Skandals beigetragen haben.

Gab es in den vergangenen Tagen in einem deutschen Medium einen Artikel, der weitere Details ans Tageslicht gebracht hat? Wo also Journalisten sich angestachelt gefühlt hätten, mitzugraben? An den vielfältigen Fronten auch neben Putin, etwa dem Island-Fall? Dem Fifa-Fall? Anderen Fällen?

Soweit ich beobachten konnte, hat einzig die englische Financial Times einen Beitrag verfasst, der sich aufgrund der ICIJ-Ermittlungen den Wirtschaftsstandort Zypern vorknöpft und nun weitere Einsichten bringt – abseits dessen, was das ICIJ in seinen eigenen Artikel bereits preisgegeben hat.

Stattdessen lesen wir in der heimischen Presse einfache Weiterdrehs zu diesem Thema. Frei nach dem Motto: „Wenn wir schon nichts in der Sache herausfinden, dann berichten wir einfach die Reaktionen in der Bundesrepublik auf die Panama Papers-Veröffentlichung.“

Entsprechend hören wir Banker, Steuerfahnder, Politiker, Bürger, NGOler. Aber lesen keine weitergehende Recherche.

Erwähnenswert vorbeigeschossen hat dabei der Spiegel, der nicht (mehr) Teil des ICIJ ist. Das Hamburger Magazin hat ersatzweise unter anderem aufgeschrieben, wie Russland auf die Putin-Enthüllungen reagiert hat (ganz nebenher: Wie würde Deutschland reagieren, wenn das ICIJ nachgewiesen hätte, dass Angela Merkels Freundeskreis ein Vermögen von zwei Milliarden Dollar in panamaischen Offshore-Konstruktionen gesteckt hätte?) – und befragt wurde dazu ein russischer Schriftsteller.

Der relativiert den Spiegel-Leuten in den Block, dass solche stark nach Staatsraub aussehende Transaktionen in Russland niemand interessierten. Um dann selbst als Spiegel zu urteilen: Das Problem sei also nicht, Korruption in Putins Umfeld nachzuweisen. Die Herausforderung bestehe vielmehr darin, das schiefe Weltbild der Russen geradezurücken.

Wie soll das denn gelingen, ohne solche Schlussfolgerungen zu veröffentlich, die auf solch unangezweifelten Daten beruhen, wie sie jetzt vom ICIJ ausgewertet worden sind? Das entsprechende Bild vom Zustand ihres Staates müssen sich die Russen schon selbst machen, und sie können es anhand dieser Rechercheleistung des ICIJ besser als zuvor.

Verräterisch ist dabei vielleicht, dass Russlands Staatsmedien über die Bezüge in den Panama Papers zu Putins Umfeld einen großen Bogen gemacht haben, wie jedenfalls bisher gemeldet worden ist.

Aus diesen Gründen, und nach meinem jetzigen Kenntnisstand, halte ich deshalb Einiges der Kritik an der Arbeit des ICIJ für falsch.

Über den Autor: Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte. Für seine Ideen und Kampagnen wurde er unter anderem dreimal mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Hasso Mansfeld schreibt außerdem regelmäßig für das Online-Debattenmagazin diekolumnisten.de.

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