Partner von:
Anzeige

Wie Facebook Kunst mit Porno verwechselt und mir damit drohte, mein digitales Ich zu löschen

EDITION-F.jpg

Tittenbilder bei Facebook? Da versteht das soziale Netzwerk keinen Spaß. Nackte haben hier nichts verloren! Auch nicht, wenn es sich dabei um gesellschaftskritische Fotografien handelt. MEEDIA-Mitarbeiterin Nora Burgard-Arp betreibt auch die wissenschaftliche Website "Anorexie - Heute sind doch alle magersüchtig", die für den Grimme Online Award nominiert war. Für ihre Arbeit wurde sie auch mit dem Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten ausgezeichnet. Als sie bei Facebook Fotos teilt, erfährt sie ganz persönlich, was es bedeutet, wenn man in die Fänge des Algorithmus gerät.

Anzeige
Anzeige

Gestern Abend bekam ich die Nachricht einer Freundin: „Nora, hast du dich bei Facebook gelöscht?! Was ist los, deine Seite ist KOMPLETT verschwunden!“ Und tatsächlich: Nix ging mehr, alles futsch. Herzrasen, schwitzige Hände, Kurzatmigkeit (Ja, so abhängig bin ich offensichtlich von dem sozialen Netzwerk, aber das ist ein anderes Thema). Nach dem Schreck kam die Erleichterung: Mein Profil ist noch da, es ist „nur” gesperrt – aufgrund von „Verstößen gegen die Facebook-Richtlinien“. Puh!

Kein Chatten, kein Posten, kein Teilen

Erst habe ich gelacht. Hurra, jetzt kann ich einen Club mit Micky Beisenherz gründen! Aber dann kam die Benachrichtigung, dass ich nicht nur eine „Verwarnung“ bekomme, sondern regelrecht bestraft werde – und mir blieb das Lachen im Hals stecken. Facebook, die autoritäre Mutter, die mich, ihr ungezogenes Kind, zum Schämen in die Ecke stellt: „Du kriegst jetzt Facebook-Verbot für 24 Stunden! Kein Chatten, kein Posten, kein Teilen, allerhöchstens Liken.“ Und über meine Missetaten nachdenken, solle ich doch bitte auch. „Lies dir die Standards der Facebook-Gemeinschaft durch“, werde ich streng ermahnt. Die digitale Stille Treppe der Facebook-Super-Nanny.

Screenshot: Der nicht funktionierende Facebook-Chat

Screenshot: Der nicht funktionierende Facebook-Chat

Was war passiert? Seit zwei Jahren betreibe ich als Journalistin das Wissenschaftsportal „Anorexie – Heute sind doch alle magersüchtig“, natürlich mit einer dazugehörigen Facebookseite. Ich setze mich dort intensiv mit dem oftmals völlig verzerrten Bild der Magersucht auseinander und will mit meinen wissenschaftsjournalistischen und gesellschaftskritischen Inhalten ein Gegengewicht setzen.

Anfang der Woche sind mir die Bilder der Fotokünstlerin Antje Kröger aufgefallen beziehungsweise ein Beitrag über sie in dem Online-Magazin Edition F. Kröger erzählt Körpergeschichten; für eine Serie hat sie eine extrem abgemagerte Frau gemeinsam mit einer übergewichtigen Frau abgelichtet. Ihr Ziel: Menschen zu zeigen, die “anders sind”. Im Gespräch mit Edition F erklärt sie: “Mit welchem Recht nehmen wir es uns heraus, die Menschen in Schubladen wie ‚relevant’ oder ‚irrelevant ’ zu packen?“

Screenshot: Edition F

Screenshot: Edition F

Screenshot: Edition F

Screenshot: Edition F

Inhalte, die mit sexueller Gewalt drohen, werden entfernt

Die Bilder gehen tief unter die Haut ihres Betrachters, sie sind hochgradig ästhetisch trotz ihrer zum Teil verstörenden Wirkung. Auf meiner offiziellen Facebookseite zu “Heute sind doch alle magersüchtig” habe ich den Edition-F-Beitrag aus diesem Grund mit den Worten “So wunderschön, so traurig” geteilt. Auf einigen der Fotos sind die beiden Frauen nackt. Grund genug für Facebook, nicht nur den Inhalt zu löschen, sondern auch mich als Betreiber der Seite zu sperren.

Anzeige

Es folgt eine Belehrung über die „Darstellung von Nacktheit“. Inhalte, die mit sexueller Gewalt und Ausbeutung drohen oder diese unterstützen, werden entfernt, heißt es. Dazu gehörten die Anforderung sexueller Materialien, sämtliche sexuelle Inhalte, bei denen Minderjährige eine Rolle spielen, Erpressungen, bei denen es um das Teilen intimer Bilder geht sowie das Anbieten sexueller Dienstleistungen. Mein Posting – oder vielmehr die Bilder der Fotografin Antje Kröger – fallen eindeutig in keine dieser Kategorien.

unnamed

Dennoch muss ich mich durch etliche Seiten und Belehrungen klicken und dann auch noch versichern, dass keines der Bilder auf meiner Privatseite (!) irgendwelchen Schweinkram zeigt. Auch besagte Freundin, die mich als Admin von „Heute sind doch alle magersüchtig“ unterstützt, kriegt Stress. Zwar wird sie nicht, wie ich, vom Netzwerk ausgeschlossen, doch auch sie muss bestätigen, nicht mehr gegen die Facebook-Richtlinien zu verstoßen. Auch wird uns gedroht: Wenn wir noch einmal Nackedeis posten, werden wir nicht mehr nur gesperrt – sondern komplett gelöscht.

Auf der Facebookseite von Edition F ist der Beitrag noch zu sehen. Was haben sie anders gemacht als ich? Seit ein paar Monaten gibt es bei Facebook die Funktion, dass bei einem Link mehrere Artikelbilder angezeigt werden, durch die sich die Nutzer klicken können, ohne das Netzwerk verlassen zu müssen. Diese Funktion habe ich in dem konreten Fall genutzt. Schließlich ging es mir primär um die Fotos. Edition F hatte sich für ein einzelnes Bild als Artikelvorschau entschieden. Vielleicht ist das der Pudels Kern? Oder wurde ich doch von einem meiner Leser bei Facebook angeschwärzt?

Ein knallharter Algorithmus beschneidet die Kunstfreiheit

Die Diskussion um gelöschte oder auch nicht gelöschte Inhalte bei Facebook ist natürlich nicht neu, doch für mich persönlich ist die Absurdität des Algorithmus’, der knallhart, zügig (und vielleicht auch wahllos) greift, erst jetzt wirklich greifbar geworden. Denn Facebooks Bestrafung meiner Person hat direkte Konsequenzen – sowohl auf mein Privat-, als vor allem auch auf mein Berufsleben. Nicht nur das tägliche Bespielen der Anorexie-Facebookpage gehört zu meinem Arbeitsalltag dazu, ich bin außerdem Administrator der MEEDIA-Seite, für die mir nun ebenfalls 24 Stunden lang die Hände gebunden sind. Kann das denn wirklich im Sinne des Netzwerkes sein? Dass so Inhalte potenziell weniger verbreitet werden?

Screenshot: Facebook

Screenshot: Facebook

Dass Facebook streng gegen Pornografie oder gar Abbildungen von sexueller Gewalt vorgeht, ist richtig und wichtig. Doch dass das größte soziale Netzwerk mit fast 1,5 Milliarden weltweiten Nutzern nicht in der Lage ist, gerade auf einer Seite wie meiner, die sich kritisch mit dem Körperbild in der Gesellschaft auseinandersetzt, zwischen Kunst und Pornos zu unterscheiden, kann und darf nicht der Status Quo sein. Facebook muss lernen, hier feiner zu differenzieren.

Alles in allem hinterlässt Facebooks schluderiger Umgang mit Kunstfreiheit einen mehr als faden Beigeschmack.

Ich habe mich bei dem sozialen Netzwerk mit Hilfe einer vorgegebenen Feedback-Maske beschwert. Bislang kam noch keine Antwort, lediglich der Hinweis, dass man aufgrund der zahlreichen Rückmeldungen nicht auf alle Beschwerden reagieren könne. Ich solle doch bitte Verständnis zeigen.

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Liebe Nora, krass. Unsere Autorin Marie fragte noch gestern in der Redaktion, ob uns das schon mal passiert sei, weil sie Bedenken hatte, als wir den Artikel über FB gespielt haben. Danke, dass du deine Erfahrung damit aufgeschrieben hast und diese Willkür öffentlich machst. Zumal die Berichterstattung über Essstörungen und Körperbilder so wichtig ist – und hier ein Doppelstandard greift, der sexualisierte weibliche Körper meist nicht betrifft.

    Viele Grüße aus der EDITION F Redaktion, Teresa

  2. liebste nora.

    da viele meiner bilder nackt sind, hatte ich schon ein paar mal das vergnuegen, sanktioniert zu werden. das letzte mal war besonders heftig. auf nachfragen und recherchen meinerseits wurde mir aber bestätigt, dass es kein algorithmus war, der mich herausfischte, sondern ein user, der mich “anzeigte”. ich weiss gerade auch nicht genau, was schlimmer ist… danke, dass du das thema öffentlich machst, ein thema, mit denen ja künstler, die im “nackten” bereich arbeiten, sehr häufig konfrontiert sind. liebe gruesse aus leipzig, antje

    1. Wie Nora schon schreibt: dass Pornoabbildungen etc. unerwünscht sind, ist zu begrüßen. Doch Nacktheit als solche ist ebensowenig verwerflich wie die Mahnung, dass das Leben bunt ist und Menschen so akzeptiert werden sollten, wie sie sind.

      Ich habe die Bilder von Antje Kröger gesehen und finde sie toll. Sie sind mir “unter die Haut” gegangen. Ich oute mich als “Fan” von ihr. Kein Text, so intelligent er auch sein mag, vermag so eine Wirkung zu erzielen wie diese Bilder.

  3. Es stellt sich die Frage, wie naiv seid Ihr eigentlich. 1,5 Milliarden Nutzer, wer bitteschön soll denn da die Einhaltung der Regeln sicherstellen, wenn nicht ein Algorithmus. Und auch das händische Bearbeiten kann gar nicht im steten Austausch mit dem jeweiligen User stattfinden. Daher klare Regeln, keine nackte Haut. Wer da fordert, feiner zu differenzieren oder mehr die Kunstfreiheit zu beachten, hat nicht verstanden, dass soziales Netzwerk hier nicht mit caritativ zu verwechseln ist. Facebook muss Geld machen und die Extrawürschte zu den Regeln kosten nur welches.

  4. Als Seitenbetreiber und Model im Akt-Bereich kenne ich mich gut mit diesen Sperrungen aus. Allerdings liegt mir die Info vor, dass das Löschen eines Bildes erst nach “report” eines anderen Users erfolgt.
    Erst kürzlich wurden mir mehrere zensierte Fotos gelöscht, weil sie gegen die Richtlinien verstoßen würden. Herzen, Sterne oder Pixel-Batzen enthalten halt Nippel oder gar die weibliche Scham; verständlich, dass dann noch immer Nackheit herrscht.
    Ich glaube einfach, FB hat sich selber Grauzonen erschaffen und Mitarbeiter können nach ihrer Wertvorstellung entscheiden. Ich kann es ansonsten nicht nachvollziehen, dass Zensur so verboten ist, dass auch diese gelöscht wird. Es scheint vollkommen willkürlich, wurden doch auch schon zensierte Männernippel gelöscht. Es kam mir zwar zu Ohren, dass die Darstellung von Nackheit an sich ein Verstoß darstellt, somit also auch Zensur nicht geduldet werden muss, sofern dies der Fall ist, bin ich für eine klarere Aussage … “eingeschränkte Nacktheit” ist nunmal Auslegungssache.
    Ich weiß wie leidig es ist, wenn man nichts auf FB machen kann, grad wenn man zB Kunden darüber anwerben muss oder Themen besprechen möchte, die wichtig sind. Immerhin kann über die Profile der Seiten-Admins weiterhin gepostet und Nachrichten auf der Seite können beantwortet werden. Vielleicht hilft Dir das ein wenig.
    Die einzige sinnvolle Lösung, die ich parat hatte, war, auf andere Seiten zu wechseln, die entweder keine Zensur vorschreiben oder eine einfache Zensur dulden und mein FB-Publikum mit Links zu diesen zu penetrieren.
    LG aus Rostock, Triz Täss

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Meedia

Meedia