Anzeige

„Selbstherrlichkeit“, „Markenchaos“, „falsche Prioritäten“ – der schonungslose interne Report des Spiegel

Spiegel-Verlagsgebäude in der Hamburger Hafencity

Beim Spiegel gibt es eine interne Bestandsaufnahme, die die Defizite und Herausforderungen des Hauses schonungsloser offenlegt als es jede Analyse von außen könnte. Heute berichtete der SWR in seinem zweiten Radioprogramm über das Papier mit dem euphemistischen Titel „Innovationsreport“. Es ist eher eine gnadenlose interne Abrechnung.

Anzeige

Die SWR-Reporter Thomas Leif und Thomas Meyer haben das unveröffentlichte Papier in einer Fassung vom 4. Januar 2016 vorliegen. Der Innovationsreport basiert auf einer Mitarbeiterbefragung, bei der rund 60 Prozent der Spiegel-Belegschaft teilgenommen haben, sowie Marktdaten, und Einschätzungen von Ex-Mitarbeitern, Branchenkennern und Unternehmensberatern.

So wie es im SWR dargestellt wird, ist das Ergebnis dieses Reports vernichtend. So konstatiert der Report ein Markenchaos beim Spiegel:

Statt unsere Organisationsstruktur zu modernisieren, die Zusammenarbeit innerhalb des Hauses zu verbessern, den Markenwirrwarr zu beseitigen und die Haltung gegenüber Lesern, Zuschauern zu überdenken, starren wir verunsichert auf den rasanten Wandel der Branche.

Auf einer Seite würden 37 Logos der Spiegel-Firmengruppe als Beleg in einer Grafik dokumentiert.

Reichweitenprobleme würden schöngeredet, es fehle ein „Wir-Gefühl.“ Weitere Aussagen aus dem 61-seitigen Report:

„…einen Teil unsers einstigen Nimbus verloren…“

„… trugen (und tragen) eine Selbstherrlichkeit vor uns her …“

„… der Besserwisser ist nicht beliebt, unsere Überheblichkeit macht uns unsympathisch …“

„… Alleinstellungsmerkmal Exclusivität und Hintergründe besitzen wir nicht mehr …“

„… überhöhen unsere Wichtigkeit …“

„… können Schwächen nicht eingestehen und erst recht nicht zeigen …“

„… überraschen zu wenig …“

„… probieren zu wenig wirklich Neues …“

„… setzen falsche Prioritäten …“

So zitiert der SWR aus dem Innovationsreport des Spiegel.

Auch die aktuelle Führungskultur des Spiegel-Verlags wird kritisiert. Viele Spiegel-Mitarbeiter hätten etwas zu verlieren, Führungsebenen, so wird gefordert, sollen reduziert werden. Eine Forderung des Innovationsreports:

Die Führungskräfte auf allen Ebenen praktizieren eine partizipative Führungskultur. Sie verstehen ihren Job als permanentes Lernen, als ständige Anpassung im Sinne des adaptiven Wandels. Als Change Manager unterstützen sie (…) auch eine Kultur des Scheiterns, Ausprobierens und Lernens.

In dem Report wird sogar ein Auszug aus dem Spiegel-Gebäude an der Hamburger Ericusspitze ins Spiel gebracht. Statt Einzelbüros brauche es „Teamflächen“. 90 Prozent der befragten Mitarbeiter würden bemängeln, dass es beim Spiegel keine „echte Kultur der Zusammenarbeit“ gebe.

Ein bemerkenswertes und schonungsloses Dokument der inneren Zerrissenheit.

(swi)

Anzeige