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Erdogans Demokratieverständnis: Türkei soll Löschung des “extra 3”-Beitrags gefordert haben

Da versteht der türkische Staatspräsident keinen Spaß: Wegen eines Beitrags der Satire-Sendung “extra 3” von Moderator Christian Ehring (l.) bestellte Erdogan (r.) den deutschen Botschafter ein
Da versteht der türkische Staatspräsident keinen Spaß: Wegen eines Beitrags der Satire-Sendung "extra 3" von Moderator Christian Ehring (l.) bestellte Erdogan (r.) den deutschen Botschafter ein

Das türkische Aussenministerium soll im formellen Gespräch mit dem deutschen Botschafter in Ankara gefordert haben, das Video der NDR-Sendung "extra 3" zu löschen. Das berichtet unter anderem die Nachrichtenagentur dpa. Darin hatten sich die Satiriker über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan lustig gemacht. Nun haben sie nachgelegt.

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Die dpa und weitere Medien berufen sich auf türkische Diplomaten-Kreise. Das deutsche Außenministerium, für das stellvertretend der Türkei-Botschafter Martin Erdmann bereits vergangene Woche formell vorgeladen wurde, hat noch immer keine Stellungnahme abgegeben.

Am Ostermontag berichtete Spiegel Online über den Vorgang und verwies darauf, dass der Botschafter formell geladen worden ist. Wie es heißt, fand Staatspräsident Erdogan den Satire-Beitrag, der sich mit der Art und Weise der türkischen Politik auseinandersetzt, gar nicht lustig. Darin enthalten waren Zeilen wie: „Ein Journalist, der irgendwas verfasst, was Erdogan nicht passt, ist morgen schon im Knast.“ Oder: „Redaktion wird dicht gemacht, er denkt nicht lange nach und fährt mit Trängengas und Wasserwerfern durch die Stadt“. Bilder eines Treffens zwischen dem türkischen Präsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), bei dem sich beide die Hände schütteln, sind unterlegt mit dem Text „Sei schön charmant, denn er hat Dich in der Hand.“

Das Verhalten der türkischen Regierung, die bereits deutsche Berichterstatter vor Ort zur Ausreise gezwungen hat, wird hierzulande stark kritisiert. Der Deutsche Journalisten-Verband nannte es lächerlich. “Der türkische Machthaber Erdogan hat offenbar die Bodenhaftung verloren”, sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. Der Staatschef habe sich zum Gespött der sozialen Medien gemacht.

Auch der NDR kritisierte das Vorgehen Ankaras. “Dass die türkische Regierung wegen eines extra3-Beitrags offenbar diplomatisch aktiv geworden ist, ist mit unserem Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit nicht vereinbar”, sagte NDR-Fernseh-Chefredakteur Andreas Cichowicz der dpa.

Seine Redaktion legte unterdessen nach. “extra 3” stellte das Video noch einmal mit englischen Untertiteln ins Netz und macht sich weiterhin über Erdogan lustig, erklärte ihn unter anderem zum “Mitarbeiter des Monats“. Auf die aktuelle Meldung, die Türkei habe gefordert “extra 3” nicht mehr zu zeigen, reagierten die Macher so:

Auch andere Satiriker reagierten auf die Vorladung des Botschafters. Der Postillon bezeichnete und illustrierte Erdogan unter anderem als “beleidigte Leberwurst”.

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Was haben nur alle gegen ihn? Extra 3

Posted by Der Postillon on Dienstag, 29. März 2016

Laut Spiegel Online sollte Erdmann an diesem Dienstag ein weiteres Mal vom Außenministerium einbestellt werden. Diesmal solle es um seine Anwesenheit beim Prozess gegen zwei regierungskritische Journalisten der unabhängigen Zeitung Cumhuriyet am vergangenen Freitag gehen. Chefredakteur Can Dündar und Hauptstadtbüroleiter Erdem Gül wird unter anderem Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Ihnen droht lebenslange Haft.

Erdogan warnt Diplomaten

Neben Erdmann nahmen auch andere diplomatische Vertreter teil, darunter der britische Generalkonsul Leigh Turner. Erdogan, der als Nebenkläger auftritt, kritisierte die Anwesenheit der Diplomaten am Samstag scharf. Am Montag richtete der Staatschef dann sogar eine indirekte Warnung an Turner, ohne dessen Namen zu nennen. “Wenn diese Person noch immer ihren Dienst in der Türkei fortführen kann, ist das unserem Edelmut und unserer Gastfreundschaft zu verdanken”, sagte Erdogan nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu bei einer Veranstaltung in Istanbul.

Hintergrund ist eine regierungskritisch anmutende Twitter-Nachricht Turners, in der er schrieb, die Türkei entscheide selbst, was für ein Land sie sein wolle. Erdogan erklärte, damit sei eine Grenze überschritten worden.

Der islamisch-konservative Staatspräsident weist regelmäßig Vorwürfe zurück, die Pressefreiheit in der Türkei werde eingeschränkt. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen liegt die Türkei auf Platz 149 von 180 Staaten. Einheimische kritische Medien sind unter besonders großem Druck. So wurde Anfang März in der Türkei die größte Oppositionszeitung «Zaman» unter staatliche Kontrolle und auf Regierungskurs gezwungen.

Mit Material der dpa

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