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„Der AfD mit Normalität begegnen“ – Constantin Schreiber über den falschen Umgang der Medien mit den Rechtspopulisten

Dunja Hayali sei keine Aktivistin, wie AfD-Frau Frauke Petry (l.) behauptet, meint Constantin Schreiber

Der bisherige Umgang der Medien mit der Alternative für Deutschland (AfD) hat Schaden angerichtet, meint n-tv-Moderator Constantin Schreiber. Die Berichterstattung laufe Gefahr, „eine persönliche Grundhaltung von uns Journalisten auszudrücken“ und die Partei somit stärker zu machen. In seinem Gastkommentar fordert der Grimme-Preisträger, den Rechtspopulisten mit „Normalität“ zu begegnen.

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Von Constantin Schreiber

Dunja Hayali engagiert sich gegen rechts. In Interviews, in Talkrunden und öffentlichen Auftritten. Ist sie deshalb Aktivistin statt Journalistin, wie es AfD-Politikerin Frauke Petry behauptet hat? Nein, denn sie trägt sicherlich ihre eigenen politischen und gesellschaftlichen Überzeugungen nach außen. Aber niemand, der ihre Interviews verfolgt, kann ihr ernsthaft vorwerfen, sie lasse sich von ihrem privaten gesellschaftlichen Engagement vereinnahmen. Ich selber habe das erfahren, als ich bei ihr zu Gast im Morgenmagazin war und wir gemeinsam mit Raif Badawis Ehefrau Ensaf über seinen Fall – Raif Badawi wurde wegen islamkritischer Blogeinträge zu 1.000 Peitschenhieben verurteilt –  und die Menschenrechtssituation im Nahen Osten sprachen. Da hat sie nicht weniger kritisch nachgehakt, als bei der Eurokrise oder der Russlandpolitik ­– oder eben bei der AfD.

Es ist sicherlich ein schmaler Grat, der zwischen abbilden, berichten und analysieren und einer inhaltlichen Positionierung verläuft, die Journalisten nicht gut steht – oder ganz einfach ihrem Auftrag als Kontrollfunktion nicht entspricht. Und bisweilen kann man tatsächlich nur den Kopf schütteln über die Ungeschicklichkeit, mit der manche offenbar das Richtige tun wollen, aber Schaden anrichten. Die SWR-Posse um das Ausladen der AfD aus der Elefantenrunde ist da sicherlich zu nennen, aber auch die offenbaren Bestrebungen Bremens, mit einer Gesetzesinitiative die AfD aus dem Rundfunkrat herauszuhalten. Wie soll da nicht der Eindruck entstehen, dass Medien und Mächtige versuchen, ihren Einfluss gegenseitig zu nutzen, um manche fernzuhalten? Auch die lauten Attacken von Bundesverteidigungsministerin von der Leyen gegen Beatrix von Storch in der Talkshow „Anne Will“ zählen für mich dazu. Zu laut, zu aggressiv. Da lässt sich leicht eine Opferrolle konstruieren.

Jene, die gegen Flüchtlinge sind, liefern Journalisten die fürchterlichen Zitate und Bilder, die zu ignorieren nicht möglich sind. Ein Video von Spiegel Online, das nach den AfD-Erfolgen in Bitterfeld entstand, zeigte auf erschütternde Weise, woraus sich die AfD speist. Ein älterer Mann sprach ganz selbstverständlich über „Neger“, weitere Einwohner stimmten ein in den pauschalisierten Vorwurf „die kriegen alles viel leichter“. Das Video ist für mich ein herausragend positives Beispiel für Berichterstattung über die AfD und ihre Anhänger, denn es brauchte nur die Zitate und keine Wertung, um beim Zuschauer Entsetzen auszulösen.

31,9 Prozent – in Bitterfeld erzielte die AfD ihr stärkstes Ergebnis. Was die Wähler dort über Flüchtlinge sagen, ist schockierend.

Posted by SPIEGEL ONLINE on Monday, March 14, 2016

Als Macher der Flüchtlingssendung „Marhaba“ liegt mir nichts ferner, als der AfD und ihren Gesinnungsgenossen zur Seite zu springen, wenn ich feststelle: Ja, die mediale Berichterstattung läuft häufig Gefahr, eine persönliche Grundhaltung von uns Journalisten auszudrücken. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung, sich bei jeder Schlagzeile, jeder Geschichte und jeder Frage zu überlegen: Mache ich mich gemein mit einer Überzeugung, die die allermeisten von uns teilen, die aber in dieser Situation einfach nichts zu suchen hat? Denn letztlich liefert jede Wertung, jede Zuspitzung denjenigen Argumente, die nur danach suchen, um sie für ihre Zwecke zu missbrauchen. Je sachlicher wir aber eine Debatte mit denen führen, deren Inhalte von sich heraus der überwiegende Teil der Menschen ablehnt, desto mehr wird der Eindruck der AfD und ihrer Opferrolle entzaubert. Normalität ist das wirksamste Gegengift.

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