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Reichelts Reaktion “bedauerlich”: KJM-Vorsitzender Fischer reagiert auf offenen Brief des Bild.de-Chefs

Streiten sich über Veröffentlichung von Leichenfotos: KJM-Vorsitzender Andreas Fischer (l.) und Julian Reichelt
Streiten sich über Veröffentlichung von Leichenfotos: KJM-Vorsitzender Andreas Fischer (l.) und Julian Reichelt

Andreas Fischer, Vorsitzender der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM), lässt die Kritik von Bild.de-Chefredakteur Julian Reichelt nicht gelten und äußert sein "Bedauern" über die Art und Weise, wie Reichelt reagiert hat. Dieser warf der KJM in einem offenen Brief vor, die Pressefreiheit anzugreifen. Zuvor entschied die Kommission, wegen veröffentlichter Kinderleichenfotos gegen Bild vorzugehen. Der Streit könnte ein Fall fürs Gericht werden.

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Die KJM, als Organ der Landesmedienanstalten für Jugendschutz und Wahrung der Menschenwürde zuständig, hatte am Donnerstag mitgeteilt, gegen Bild vorzugehen, weil die Veröffentlichung einiger Fotos nach Ansicht der Medienwächter gegen die Menschenwürde, also den ersten Artikel im Grundgesetz, verstoßen würden. Konkret ging es um zwei Bilder, die von der Redaktion in einem Artikel über die Folgen von Bombenangriffen des syrischen Präsidenten Assad auf die Zivilbevölkerung verwendet wurden. Beide zeigten unverpixelt Kinderleichen.

“Das Leiden und Sterben der Kinder wird zur Schau gestellt und sie werden dadurch zu Objekten der Schaulust degradiert. Auch wenn es sich um ein tatsächliches Geschehen handelt, besteht nach Meinung des Gremiums kein berechtigtes Interesse an dieser Art der Darstellung, da eine Verpixelung der Bilder die Aussagekraft des Artikels nicht geschmälert hätte”, so die Begründung der KJM.

Noch am gestrigen Donnerstag reagierte Reichelt und verfasste einen offenen Brief an den KJM-Vorsitzenden Andreas Fischer, in dem er die Entscheidung als “schrecklich und falsch” sowie als Angriff auf die Pressefreiheit bezeichnete. Das Gremium mache sich “lächerlich”, so Reichelt. In seinem Brief und auch in einem Kommentar für Bild erklärten der Chefredakteur sowie Kommentator Ernst Elitz, dass die Bilder einen großen Informationsgehalt hätten und von der Relevanz durchaus mit dem Napalm-Mädchen aus dem Vietnamkrieg vergleichbar seien. “Was für eine Sicht auf die Welt haben diese Jugendschützer? Soll die Grausamkeit von Diktatoren nur noch vertuscht oder verpixelt an die Öffentlichkeit kommen?”, fragte Elitz. Reichelt wurde deutlicher: “Mich empört, was in Syrien geschieht. Sie hingegen empören mich nicht. Sie haben sich einfach nur lächerlich gemacht. Ihr Urteil wird nicht bestehen.“ Darüber hinaus erklärte er, gegen die Entscheidung der KJM journalistisch wie auch juristisch und politisch vorgehen zu wollen.

Gegenüber MEEDIA reagiert Fischer nun und zeigt sich von Reichelts Äußerungen unbeeindruckt. “Bild hat das Recht, sich gegen die Entscheidung der KJM zu wehren. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Medien über die Kritik beklagen und auch juristische Schritte androhen oder sogar gehen. Der Weg, dies über einen offenen Brief mitzuteilen, ist allerdings ungewöhnlich und verleiht der Debatte auch eine neue Qualität”, so der Vorsitzende der Kommission. “Aus unserer Sicht ist es bedauerlich, dass Herr Reichelt die Entscheidung so persönlich aufnimmt.”

Eines der zwei beanstandeten Fotos ist bereits offline

Die Kritik, die Jugendschützer attackierten die Pressefreiheit, lässt Fischer nicht gelten. “Offenbar scheint bei Bild das Verständnis von Pressefreiheit zu sein, dass sie keine Grenzen hat. Vermutlich ist aus Sicht von Bild.de auch der Pressekodex ein Angriff auf die Pressefreiheit.” Die Kriterien der KJM zur Bewertung der Berichterstattung und die des Pressekodex sind identisch. Die KJM handelt bei ihren Entscheidungen nach dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag der Länder. Darin heißt es unter Paragraf 4.8: “Unbeschadet strafrechtlicher Verantwortlichkeit sind Angebote unzulässig, wenn sie gegen die Menschenwürde verstoßen, insbesondere durch die Darstellung von Menschen, die sterben oder schweren körperlichen oder seelischen Leiden ausgesetzt sind oder waren…”.

Fischer: “Ich betone noch einmal, dass sich die Kommission eine ganze Reihe von schockierenden Fotos angeschaut und sie gebilligt hat. Wir akzeptieren, dass über schreckliche Folgen drastisch berichtet wird, und auch dass das Grauen des Krieges veranschaulicht wird. Nach langer Diskussion haben wir uns entschieden, nur gegen zwei Fotos vorzugehen. Dabei ist anzumerken, dass Bild eines dieser Fotos bereits vor längerer Zeit wieder von der Online-Seite genommen hat.”
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Mittlerweile handelt es sich also nur noch um ein Foto, das vom 21. August 2013 stammt und noch immer öffentlich zugänglich ist. Zu sehen ist eine Babyleiche. Die Leiche ist blass-blau angelaufen, das Gesicht ist aufgebläht, der Mund geöffnet. Nach Angaben von Bild ist das Kind durch das Nervengas Sarin grausam gestorben.
Bildschirmfoto 2016-03-11 um 14.43.35

Screenshot Bild.de, Verpixelung MEEDIA

Das zweite Foto, das bereits im vergangenen Jahr offline genommen worden ist, soll nach Angaben der KJM eine Babyleiche mit einem (vermutlich) Bombensplitter im Kopf gezeigt haben.

Bild könnte auch Zwangs- oder Bußgeld drohen

Nach der Entscheidung der Kommission um ihren Vorsitzenden Fischer wird nun die Landesmedienanstalt Berlin Brandenburg ein Beanstandungsverfahren einleiten und Bild schriftlich über die Entscheidung der KJM informieren. Dagegen kann Einspruch eingelegt und Klage erhoben werden, was Bild tun wird. Julian Reichelt gegenüber MEEDIA: “Wir werden uns juristisch mit allen Mitteln wehren, wenn die MABB in dieser Sache an uns herantritt.”

Und weiter: „In Deutschland gilt die Pressefreiheit. Deshalb darf keine staatliche Instanz die Veröffentlichung von authentischen Nachrichtenfotos verbieten, beschneiden oder einschränken. Das wäre nichts anderes als Zensur. Es ist absurd, wenn eine deutsche Behörde mit Hinweis auf den Jugendschutz die unbestritten wahre Berichterstattung über das Verbrecherregime in Syrien unterbinden will.“

Die Kommission könnte auch noch einen Schritt weitergehen und ein Zwangsgeld androhen, sollte Bild das Foto weiterhin online lassen. Auch ein Bußgeldverfahren wäre denkbar, was am Ende nicht unbedingt günstig enden muss. Im Falle des Fernsehsenders RTL und der Casting-Show “Deutschland sucht den Superstar” verhängte die KJM 2008 ein Bußgeld von über 100.000 Euro, gegen das RTL zwar zunächst vorging, letztlich aber nachgab. Damals ging es nicht um die Pressefreiheit, sondern um “beleidigende Äußerungen und antisoziales Verhalten”.

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Alle Kommentare

  1. Ein wildes Hauen und Stechen –
    moralischer Gesinnungsjournalismus ohne Orientierung.
    Aber Hetze findet man immer nur auf der anderen Seite.
    Grotesk, wenn man die aktuellen Verlautbarungen lesen muss, dass hinter jedem Unzufriedenen der pöse Putin steckt.
    Wird Zeit, dass Herr Maas und sein Verfassungsschutz wieder als Argument ins Feld geführt wird.

  2. “Antisoziales Verhalten” ?!
    Klingt tatsächlich wie strafbarer Defätismus.
    Sachen gibt’s. Ich dachte das hätte sich seit 1945 bzw. 1989 erledigt.
    Aber man lernt immer noch dazu.

  3. In Sarajevo filmten wir mal Bilder eines Marktplatz-Massakers nach Deutschland, unmittelbar nach gleichzeitigen Einschlag zweier Granaten. Die Schwerverletzten, Sterbenden und Toten wurden blitzschnell mit einem LKW weggebracht, von dessen Ladefläche bei der Abfahrt auf auf die Straße tropfte. Die Blutspur war Bericht kurz zu sehen. Dafür gabs einen Konferenz-Rüffel, weil: “Das könnt Ihr doch unseren Zuschauern nicht beim Abendessen zumuten”.

    Es würgt mich zu beurteilen, ob die Konferenz ( un)recht hatte. Mir graust’s noch immer vor den herzlos-ästhetische Kollegen am öffentlich-rechtlichen Anstaltstisch.

    Julian Reichelt hat als Frontreporter selbst aus dem Krieg berichtet. Er hat das Sterben von Eltern und Kindern persönlich miterlebt. Er hat das subjektive Recht und die verdammte redaktionelle Pflicht, sich mit journalistischem Zorn und mit Hilfe sensationell-grausamer Bilder über blutige Massaker zu empören – auch (!) um die Öffentlichkeit und ihre Politiker aufzuwecken.

    Die festangestellen “KIM”-Nachtwächter traumatisiert das beim Büro-Kaffee. Es ist ihnen scheißegal auf den gepolsterten Drehstühlen, dass journalistisches Wegschauen unmenschlich ist.

    Julian – mach bitte weiter!

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