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Fünf Jahre Zeitschrift der Straße: das kleine Print-Wunder von Bremen

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Ein angeblich weltweit einzigartiges Medienprojekt ist jetzt fünf Jahre alt geworden: die Bremer Zeitschrift der Straße. Das Blatt wird von Studierenden erstellt, aber von Obdachlosen und Drogensüchtigen vertrieben. Vor allem wegen ihres Layouts ist die Zeitschrift bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden.

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Von Eckhard Stengel

Obdachlosenzeitungen sind nichts Neues in Deutschland. Sie heißen Asphalt, Hinz und Kunzt oder Strassenfeger und befassen sich oft mit sozialen Themen. Verkauft werden die Hefte von Wohnungslosen, die sich damit etwas Geld verdienen und manchmal auch in der Redaktion mitarbeiten. Die Bremer Zeitschrift der Straße (ZdS) hebt sich in mehreren Punkten von diesen Konzepten ab. „Sie ist das weltweit einzige Straßenmagazin, das zugleich ein Bildungsexperiment ist“, meint ihr Erfinder Michael Vogel, Professor für Betriebswirtschaft und Tourismusmanagement an der (Fach-) Hochschule Bremerhaven. Vogel wollte seinen Studierenden beibringen, wie sie ein Magazin auf den Markt bringen könnten – ganz praxisnah und mit Nutzen für die Allgemeinheit. „Learning by doing good“, nennt er dieses Prinzip.

Von der Idee bis zur ersten Ausgabe im Februar 2011 vergingen zwei Jahre. Vogel suchte und fand Mitstreiter in Bremen, vor allem den Verein für Innere Mission der evangelischen Kirche, die Hochschule für Künste und den damaligen Studiengang Fachjournalistik an der (Fach-) Hochschule Bremen.

Der Anspruch war hoch. Im Konzept für die ZdS hieß es Anfang 2011: „Die Zeitschrift der Straße ist zugleich ein soziales Projekt, ein Lehr-/Lernprojekt und ein Medienprojekt. Sie hebt sich gestalterisch und journalistisch radikal von den klassischen ‘Obdachlosenzeitungen’ ab und möchte das Medium des Straßenmagazins neu erfinden.“ Gründungschefredakteur Armin Simon drückte es damals so aus: „Andere Straßenzeitungen werden oft aus Mitleid gekauft. Wir wollen so hochwertig sein, dass die Leute das Heft wegen des Inhalts kaufen.“

Das Besondere ist unter anderem die Themenauswahl: Jede Ausgabe widmet sich nur einem Straßenzug. Die ehrenamtlichen Autoren – meist Studierende und keine Obdachlosen – ziehen mit wachen Sinnen durch die Gegend und entdecken im Alltäglichen das Ungewöhnliche. „Das Knistern der Butter“, hieß zum Beispiel eine Reportage über einen Blindenverein am Bremer Sielwall. Wer sich von der Überschrift in den Text hineinziehen ließ, lernte eine blinde Frau kennen, die am Kochherd genau hören kann, wann das Fett heiß genug zum Anbraten ist.

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Hochwertig wirkt auch die Gestaltung, die von Kunststudenten unter Leitung der Design-Professorin Andrea Rauschenbusch entwickelt wurde. Allein schon das schmale Hochformat und die opulenten Fotostrecken heben das Blatt von anderen Straßenzeitungen ab. Allerdings nahmen die Designer anfangs wenig Rücksicht auf die Leserschaft: Die Schrift war unnötig klein, und sogar der Name der Zeitschrift auf dem fotolosen Titelblatt war kaum zu erkennen. Das hat sich erst 2015 nach dem Ausscheiden der Design-Professorin geändert, und seitdem trägt die Titelseite auch ein verkaufsförderndes Foto.

Inzwischen sind 35 Ausgaben erschienen, und die Straßenverkäufer konnten davon fast 300.000 Exemplare absetzen. Sie selber erwerben die Hefte für 90 Cent bei der Inneren Mission und verkaufen sie dann für zwei Euro auf der Straße. In der Vertriebskartei stehen 750 Verkäufer, 60 bis 70 davon gehören zum festen Stamm. Manche stehen mit einer ganzen Palette von aktuellen und älteren Ausgaben vor Supermärkten oder Postfilialen. Auch die alten Hefte werden noch gerne verkauft, weil sie ziemlich zeitlos sind.

Verkalkuliert haben sich die Zeitungsmacher aber bei der Auflage: Anfangs hatten sie gehofft, pro 48-Seiten-Ausgabe 22.000 Exemplare absetzen zu können. Inzwischen werden nur noch jeweils 6.000 Stück gedruckt – dafür etwas häufiger als früher, nämlich zehnmal statt nur sechs- bis achtmal im Jahr.

Seit der ersten Ausgabe verging bisher kaum ein Jahr, in dem die ZdS nicht mit Preisen ausgezeichnet wurde – sei es von der International Society of Typographic Designers oder beim Bundeswettbewerb Deutschland – Land der Ideen. Preisgelder kann das Blatt gut gebrauchen, denn erst seit kurzem macht es keine Defizite mehr, auch dank mancher Spenden. Zweimal habe das Projekt schon vor dem Aus gestanden, sagt Initiator Vogel. Dass die ZdS trotz aller „Irrungen und Beinahe-Pleiten“ die ersten fünf Jahre überstanden habe, sei geradezu ein „kleines Wunder“.

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