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„Der Flüchtling hat das letzte Wort“: „Schulz & Böhmermann“ als Ausdruck gelebter Integration

Olli Schulz, Gheiath Hobi und Sophie Hunger

Am gestrigen Sonntagabend lief die vorerst letzte Folge der Talkshow „Schulz & Böhmermann“. Zu Gast war auch ein „wirklich echter Flüchtling aus Syrien“, wie Jan Böhmermann betonte. Gemeinsam mit Olli Schulz beweist er, dass ihr Sendungskonzept auch bei heiklen und hoch emotionalen Themen aufgeht.

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Bis vor fünf Monaten hat Gheiath Hobi in Syrien gelebt, dann musste er fliehen. Eines Tages habe er fürchterlichen Krach und schreiende Menschen gehört und daraufhin Hals über Kopf das Land verlassen, erzählt er am Sonntagabend bei „Schulz & Böhmermann“. Seine Mutter ist noch in Damaskus, von seinem Vater wurde er während der Flucht getrennt. „Ich weiß nicht, wo er jetzt ist, ich hoffe, er lebt noch“, sagt Gheiath. Neben ihm sitzen Moderator Olli Schulz und die Sängerin und Songwriterin Sophie Hunger. Sie essen Hummer und Jakobsmuscheln.

Es ist eine widersprüchliche vierte und letzte Sendung der Talkshow für Leute, „die keine Talkshows mögen“. Neben Hobi und Hunger sind noch Bild-Vize Nikolaus Blome und Schriftstellerin Kat Kaufmann zu Gast. Alle bekommen ein 6-Gänge-Menü kredenzt, das Thema der Gesprächsrunde ist Flucht. Sophie Hunger und Kat Kaufmann seien aus der Schweiz beziehungsweise aus Russland nach Berlin geflohen und Nikolaus Blome vom Spiegel zur Bild, säuselt Sybille Berg im Einspieler der Sendung. Doch sie hätten – zum Glück — auch einen „Original Flüchtlings-Flüchtling“ gefunden.

Und dann sitzt er da, in einer Runde aus Künstlern und Medienmachern: ein junger, gesunder Mann – genau so einer, wie ihn die Pegidas und besorgten Bürger unserer Gesellschaft so fürchten. Diese jungen Männer würden in Syrien eingezogen und zum Kämpfen gezwungen, erklärt Gheiath. Deswegen habe seine Mutter ihn und seinen Bruder weggeschickt, seine beiden Schwestern hingegen seien verheiratet und deshalb in Damaskus sicher.

Die Sendung ist ernster und ruhiger als ihre drei Vorgänger. An vielen Stellen werden die Gespräche beinah schmerzhaft intensiv. Zum Beispiel, wenn es um das Thema Tod geht: „Wo würdest du gern sterben?“, fragt Olli Schulz Sophie Hunger im Plauderton. Da zuckt man als Zuschauer schon einmal kurz zusammen. Ist es heikel, eine solche Frage in Anwesenheit eines jungen Mannes zu stellen, der vor Krieg und Tod geflohen ist? Definitiv. Doch unangebracht ist es mitnichten, denn so ist Gheiath gleichberechtigter Teil der Sendung und wird nicht – wie in vielen anderen Talkshows zum Thema Flüchtlinge – mit übertriebener Vorsicht behandelt oder auf einen Sockel gehoben. Er diskutiert mit den anderen Gästen, beispielsweise auch über Religion. Hunger ist überzeugte Atheistin, Kat Kaufmann schrieb in ihrem Debütroman, dass „alle Religionen scheiße“ seien. Gheiath Hobis Antwort: „Ich bin Moslem, respektiere aber alle anderen Religionen. Es muss immer eine Mitte geben, in der man sich trifft. Meine Religion hat mich gelehrt, den Frieden zu lieben und dafür nichts im Gegenzug zu verlangen.“ „Schulz & Böhmermann“ als Ausdruck gelebter Integration.

Gheiath wird nicht künstlich ins Rampenlicht gezerrt und hat doch – neben Nikolaus Blome – die meiste Redezeit. Olli Schulz und Jan Böhmermann unterbrechen ihn deutlich weniger als ihre anderen Gäste und beweisen einmal mehr, wie wertvoll es für das Format ist, dass die beiden Moderatoren es gar nicht schaffen wollen, auf emotionale Distanz zu ihren Gästen zu gehen. Als Sophie Hunger Jan Böhmermann beispielsweise über den Mund fährt, weil sie eine seiner Fragen an Gheiath unangemessen findet, ist dieser derart beleidigt, dass es nicht überraschend gewesen wäre, wenn er vor Wut den Tisch verlassen hätte.

Krieg, Flucht und der Umgang mit geflohenen Menschen aus einer anderen Kultur sind hoch emotionale Themen. Gefühle, die durch Fernsehmomente wie in der gestrigen „Schulz & Böhmermann“-Sendung ein realistisches Gesicht bekommen.

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