Anzeige

Ein Super Illu-Chef als Focus-Macher: Kann das gut gehen? Ja, aber …

Focus-Chefredakteur Robert Schneider führt das Nachrichtenmagazin von Burda seit März 2016

Der erneute Chefredakteurswechsel bei Burdas Focus bewegt die Branche. Die Berufung des bisherigen Super Illu-Chefredakteurs Robert Schneider birgt Risiken, aber auch Chancen für die schlingernde Zeitschrift. Eines macht die Absetzung von Ulrich Reitz aber auf jeden Fall klar: Die Zeiten, da Gründer Helmut Markwort Einfluss auf die Geschicke des Focus nehmen konnte, scheinen endgültig vorbei.

Anzeige

Kurz vor dem Jahreswechsel kursierte in der Medienszene ein Gerücht: Angeblich werde Focus-Gründer Helmut Markwort zum 1. Januar seine Kolumne im Magazin aufgeben. Es wäre das Ende einer Ära gewesen. Bekanntlich kam es dazu nicht. Aber jetzt, nur drei Wochen später, muss man davon ausgehen, dass Markworts Einfluss auf die Geschicke der hinsichtlich der Positionierung seit längerem irrlichternden Zeitschrift mittlerweile nahe Null liegt. Mit der Entmachtung des gerade mal 14 Monate amtierenden Chefredakteurs Ulrich Reitz hat der Verlag deutlich gemacht, dass es keine Rücksichtnahme auf Markwort mehr gibt. Reitz war ein Markwort-Mann der ersten Stunde und nach der Ablösung des ebenfalls nur kurzzeitig agierenden Blattmachers Jörg Quoos der Wunschkandidat des Herausgebers.

Früher hätte das Reitz vor einer Absetzung bewahrt, zumindest eine ganze Weile. Jetzt wird nicht lange gefackelt, wenn Vorstand Philipp Welte und sein Vertrauter und Focus-Geschäftsführer Burkhard Graßmann den Glauben an die Handlungsfähigkeit einer Führungskraft verloren haben. Bei Reitz ging das schnell, ebenso bei Quoos, dessen Vorgänger Uli Baur (auch ein Markwort-Intimus) sowie Wolfram Weimer. Alle scheiterten im Eilzugtempo: Weimer vordergründig an Markwort und seinem Co-Chef Baur, tatsächlich aber wohl vor allem an sich selbst; Uli Baur war als alleiniger Chefredakteur ohnehin nur eine Interimslösung, Jörg Quoos fehlten Magazinerfahrung und Standing im Haus. Bei Uli Reitz rätselte man gestern noch, weil seine Demission selbst für Kenner der Münchner Mediengruppe eine Überraschung war – kaum jemand hätte es für möglich gehalten, dass der Focus-Chef nach so kurzer Zeit erneut ausgetauscht würde.

Einen Tag später zeichnen sich zumindest die Motive des für den Wechsel verantwortlichen Managements ab. Was über das Wirken von Ulrich Reitz als Focus-Chefredakteur nun die Runde macht, kann nicht gerade als Empfehlung gewertet werden. Defizite in der Magazin-Gestaltung, mangelnde Präsenz in der Redaktion, unpräzise Vorgaben über die Ausrichtung des Heftes, unglückliche Titelentscheidungen. Bei den Terror-Anschlägen in Paris, so wird aus dem Haus kolportiert, sei der Chefredakteur auf einer Weinreise gewesen und nicht umgehend in die Redaktion zurückgekehrt. Und überhaupt: Reitz sei zwar bereits in den frühen Jahren beim Focus gewesen, habe danach aber nie ein Magazin geführt, sondern lediglich eine Tageszeitung, die WAZ in Essen. Dieses Defizit sei in München immer mehr in Erscheinung getreten. Als der Journalist mit 54 Jahren an die Spitze des Focus berufen wurde, war er bei der WAZ bereits entlassen worden und auf der Suche nach einem neuen Job. Insgesamt betrachtet hätte man ahnen können, dass so einer es beim Focus schwer haben würde.

Ende August 2014, als Burda die Verpflichtung von Ulrich Reitz kommunizierte, schrieb MEEDIA über dessen Chancen:

Es fällt einem beim besten Willen nichts ein, was ein Ulrich Reitz beim Focus besser machen sollte als ein Jörg Quoos. Letzterer war kein Visionär oder Charismatiker. Quoos ist mehr der Typ ehrlicher Handwerker. Uneitel, hemdsärmelig, sympathisch. Reitz ist von anderem Schlag. Er hatte seine Ambitionen schon immer nach oben ausgerichtet. Auch als Regierungssprecher wurde er mal gehandelt und – ja – als Focus-Chef. Nun endlich, da alle anderen Optionen ausgeschöpft scheinen, kommt er zum Zug. Für das Magazin Focus dürfte die Berufung von Ulrich Reitz nichts Gutes bedeuten.

Nun hat sich die pessimistische Prognose bewahrheitet, Reitz ist seinen Topjob los. Doch es gibt auch Positives, was dem Kurzzeit-Chef von den Burda-Entscheidern bescheinigt wird. Dazu zählen ein blendendes Auftreten nach außen, Sattelfestigkeit auf Podien und in Talkshows sowie Akzeptanz bei Politikern und Society-Größen. Kurzum: ein Salonlöwe mit Schwächen in den Binnendisziplinen. Die neue Lösung soll die Stärken von Reitz nutzen: Er bleibt in subalterner Funktion an Bord und wird eine Art Außenminister des Magazins – und damit Botschafter einer Marke, die er nicht überzeugend zu führen oder weiterzuentwickeln vermochte. Blattmacher und alleiniger Chefredakteur wird Robert Schneider. Er kommt von der Super Illu, was sowohl in der Focus-Redaktion wie in der Branche Diskussionen über die Zukunft und Kurs des Mediums befeuert. Wohin wird der Focus politisch steuern? Ist so einer, gerade 39 Jahre alt, einer solchen Mammut-Aufgabe überhaupt gewachsen? Fragen, die sich derzeit weniger an Schneider richten als an die, die ihn geholt haben.

Bei der Verpflichtung von Reitz schrieb MEEDIA im Sommer vorvergangenen Jahres auch:

Die Verlage verschleißen ihre Top-Chefredakteure in immer schnellerem Tempo. Die Frage muss erlaubt sein, ob das wahre Problem gar nicht in den Chefredaktionen liegt, sondern weiter oben.

Tatsächlich ist gerade beim Focus auffällig, wie viele Topleute in welch kurzer Zeit „verheizt“ wurden. Die Außenwirkung eines solchen Personalkarussells ist desaströs, sie spiegelt das Ringen um den richtigen Weg, auf dem das Magazin an seine erfolgreichen Jahre anknüpfen soll. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass in der Vergangenheit zu viele mitgeredet haben und man sich nicht auf eine klare Linie und Vision verständigen konnte. Mit jedem gescheiterten Personalexperiment wurden die Spielräume enger. Hätte man Brancheninsider auf den nächsten Focus-Chefredakteur wetten lassen, wäre der Name Roland Tichy klarer Favorit bei den Buchmachern gewesen. Der ehemalige Chefredakteur der WirtschaftsWoche ist Burda zudem bereits verbunden, als Kopf hinter der Xing-Meinungsplattform. Doch er war es nicht, den das Medienhaus präsentierte, sondern Super-Illu-Chef Schneider, ein vermeintlich krasser Außenseiter, der bereits ausrichten lässt, dass er seinen Platz in der Redaktion sieht, am „Balken“ und nicht auf den Podien der Branche.

Kann das gut gehen? Die Antwort: ja – jedoch nur unter der Voraussetzung, dass das Management die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt. Der Focus hat massive Probleme, aber auch gewisse Chancen. Die Auflage schwächelt seit langem, besonders im Einzelverkauf fällt das Magazin regelmäßig in einen Bereich ab, der bei einem bundesweit erscheinenden aktuellen Magazin kaum rentabel zu steuern ist. Andererseits hat der Focus immer wieder mal auch das Potenzial, seine Verkäufe auf das Zwei- bis Dreifache der normalen Werte zu pushen. Eine solche Amplitude gibt es bei keinem vergleichbaren Titel in der deutschen Medienlandschaft. So gehört es zur Ironie der Entmachtung von Uli Reitz, dass ihm nur zwei Tage zuvor für die letzte Focus-Nummer 2015 der beste Einzelverkaufswert der vergangenen zwei Jahre bescheinigt wurde: 186.000 Exemplare. Die Lehre daraus: Die Zielgruppe ist da, sie muss nur zum Kauf animiert werden. Und das eben öfter als nur ein paar Mal im Jahr.

Und da gibt es ein Problem. Die Top-Verkäufe unter Ulrich Reitz waren mit einer Ausnahme (Islam-Titel nach dem Charlie Hebdo-Attentat) allesamt Nutzwert-Titel aus der Abteilung Gesundheit, Fitness und Coaching. Politik verkauft beim Focus nicht, was deswegen erstaunlich ist, weil sich das Magazin als politische Marke positioniert. Eine nahe liegende, wenn auch mutige Entscheidung wäre es, das Votum der Käufer zu akzeptieren und die Konsequenzen daraus zu ziehen. Vor diesem Hintergrund kann die Berufung des Super-Illu-Chefredakteurs durchaus sinnvoll erscheinen. Sollte der Focus beim Schwerpunkt Politik bleiben, müsste er berechenbarer werden. Unglückliche Titelmotive, wie nach den Silvester-Ausschreitungen in Köln, halbherzige „Schwerpunkte“, zu wenig Klarheit – wofür der Focus steht, bleibt zu oft diffus. Zum von der Zielgruppe angenommenen Meinungsmagazin der konservativen Info-Elite reicht es bei weitem nicht, das belegen schon die Zahlen. Andererseits schaffte es das Magazin kürzlich mit einem starken und sehr kritischen Porträt über Thüringer AfD-Chef Höcke an die Spitze der Verkaufscharts des Online-Kiosks Blendle. Ein Achtungserfolg, der das Potenzial durchschimmern lässt. Der inzwischen oft gehörte Vorwurf, das Heft verkomme zur „Pegida-Publikation“, wird der Sache nicht gerecht. Aber mehr Profil statt Populismus würde dem Focus nicht schaden.

Zu verstehen, wie der Leser tickt und wie eine Zeitschrift auf dessen Interessen auszurichten ist, dürfte dabei zu den Stärken des neuen Chefredakteurs gehören. Auch die Super Illu hat an Auflage verloren, dennoch ist das Heft auf dem schwierigen Markt der ostdeutschen Bundesländer eine Macht – im Einzelverkauf setzt die Super Illu im Durchschnitt doppelt so viele Exemplare ab wie der Focus. Für die Medien ist die seit zweieinhalb Jahrzehnten überwundene Ost-West-Trennung eine derart paradoxe Realität, dass in den meisten Verlagen der Einzelverkauf praktischerweise mit den Verkäufen im „Grosso West“ gleichgesetzt wird – was im Osten dazu kommt, kann in Überschlagsrechnungen vernachlässigt werden. Es wird sich zeigen, ob Schneider, der die Ost-Illustrierte fast fünf Jahre führte, seine Erfahrung auch auf die alten Bundesländer erfolgreich übertragen kann.

Dem Vernehmen hat Hubert Burda, der das operative Geschäft seinen Vorständen überlässt, die Berufung des vermeintlichen Underdogs ausdrücklich gebilligt. Der Verleger weiß, wie wichtig der Focus für sein Haus ist. Wenn einer das angeschlagene Magazin aus der Krise führen kann, dann ein instinktsicherer Magazin-Profi ohne Glamour-Faktor, der dafür das richtige Gespür für die Themen der Woche mitbringt. Der Spatz in der Hand statt der nächste Paradiesvogels auf dem Dach. Ob das Kalkül aufgeht, werden die nächsten Monate zeigen. Ein früherer Focus-Blattmacher glaubt nicht so recht daran. Der kommentierte in dieser Woche den neuerlichen Wechsel an der Focus-Spitze folgendermaßen: „Der einzige Chefredakteur, der den Focus noch retten kann, ist der liebe Gott.“

Anzeige