Anzeige

Nach und vor NOlympia: Überlegungen nach dem Nein in Hamburg zum Sport

Hamburg sagt per Volksentscheid "NO" zu Olympia – von der parlamentarischen zur populistischen Demokratie?

Das Ergebnis der Bürgerbefragung ist eindeutig. 51,6 Prozent gegen Olympia in Hamburg. Die Bewegung Nolympia genießt das Resultat, jedoch nicht laut, sondern eher bescheiden. Offenbar wird Ihr erst jetzt klar: Das Votum gegen Olympia in Hamburg ist auch ein Verdikt gegen die Sportler in Deutschland. Und auf lange, lange Zeit ein Zeichen gegen die gesamte olympische Bewegung, und in Deutschland womöglich für immer gegen Olympia.

Anzeige

Von Ulrich Schulze

Die attestierten Begründungen für das Votum sind ebenso eindeutig wie einseitig: Die nicht offen durchgerechneten Finanzen, die Korruption in der Politik und im Sport im Allgemeinen und dort in der FIFA, dem DFB im speziellen; unterstellt automatisch auch im IOC,

Der Sport habe, so heißt es jetzt, die „richtige“ Antwort erhalten auf seine „krummen Touren“; dies gelte auch und vor allem auf das fortdauernde Doping: seit Jahren Begleiter der Tour de France, zuletzt aufgedeckt beim russischen Leichtathletik-Verband, wie auch bei den Kenianern, deren „Wunder“-Langstreckenläufer als Beispiel menschlicher Energie und Ausdauer lange atemlos gefeiert wurden – erst jüngst und damit sehr, sehr spät mit Zweifeln an deren Ursachen begleitet (die Medien dürfen sich da ruhig an die eigene Nase fassen).

Der Argumentation gegen die Auswüchse im Sport-Funktionärswesen ist wenig entgegen zu setzen. In ihr bündeln sich aufgestaute Ärgernisse und Enttäuschungen. Lange, zu lange haben die Sport-Funktionäre dies hartnäckig missachtet, beiseite geschoben, geleugnet. Hamburg und schon vor zwei Jahren München mit dem Votum gegen Winterspiele dort, haben nun die Antwort auf diese Versäumnisse gegeben: Nolympic. Wenigstens in Deutschland.

Indessen greift dieses Ergebnis im Einzelnen wie auch im Gesamten zu kurz. Es geht nämlich um dies: um Visionen.

München wäre ohne Olympia 1972 nicht München, wie es heute ist. Ohne Visionäre wie Hans-Jochen Vogel es 1966 war, hätte München 1972 die Olympischen Spiele nicht ausrichten können, jene bis heute sagenumwobenen leichten Spiele – die am 5. September durch den barbarischen Anschlag der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September auf die israelische Olympia-Mannschaft so jäh unterbrochen wurden und wegen fataler Fehler deutscher Instanzen für 17 Menschen tödlich endeten. Aus München aber kam sofort die Antwort des damaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Avery Brundage: Kein Pamphlet. Sondern ein Weckruf zu Mut. Eine Antwort der Souveränität auf den blindwütigen Terror.

Zweites Beispiel: Berlin, 1991. Zu entscheiden war zwischen der künftigen Bundeshauptstadt: Bonn oder Berlin, genauer: dem katholischen Provisorium am Rhein und dem halbherzig protestantischen, unfertigen, ungeliebten Berlin an der Spree. Es war ein Badener, es war Wolfgang Schäuble, dessen Rede nach übereinstimmender Auffassung der Historiker, das Pendel in Richtung Berlin ausschlagen ließ. Schäuble ist Protestant. Nicht aber die Konfession beherrschte sein Plädoyer. Vielmehr waren es zwei Aspekte: der Respekt vor der anstehenden Entscheidung der Parlamentarierinnen und Parlamentarier im Plenarsaal und deswegen sein Plädoyer für die freie Abstimmung. Zugleich war es die deutsche Geschichte, die Schäubles Vortrag prägte und war es seine Vision. Schäuble sah in Berlin eine Möglichkeit der neuen Entfaltung der deutschen Geschichte.

Der Abstimmung 1991 war in Meinungsumfragen vorher prognostiziert worden: es werde knapp. Man solle „das Volk“ fragen. Plebiszit! Schäubles Rede wendete das Blatt von Bonn nach Berlin. Berlin gewann. Zugleich aber richtete sich Bonn nach der (vermeintlichen) Niederlage sofort auf, behauptet sich bis heute als sekundäre UN-Großstadt. Das könnte Hamburg nun von Bonn lernen.

Schäubles Rede und die folgende Entscheidung tragen jedoch ein Merkmal in sich, das weit über 1991 hinaus wirkt und aus der nach der Entscheidung Nolymipa in Hamburg Lehren gezogen werden könnten: Die eine Lehre lautet, dass es wohl begründet werden kann, zu elementaren Fragen der Geschichte „das Volk“ zu befragen. Das Plebiszit gilt einem zunehmenden Teil der Bevölkerung als Sinnbild der Urdemokratie. Doch: Ist es so?

In Hamburg gingen etwa 50 Prozent an die Urnen. Das gilt schon als Erfolg, als meinungsprägende Aussage. Aber etwa 50 Prozent gingen eben auch nicht an die Urne. Ausdruck von Gleichgültigkeit? Bürgermeister- und Landratswahlen werden zunehmend per direktem Bürgervotum entschieden. Oft mit einer Beteiligung von weniger als 40, weniger als 35 Prozent. Das jeweilige Ergebnis aber gilt. Demokratie? Ist es Bürgerdemokratie wenn sich die Hälfte, wenn sich zwei Drittel der Bevölkerung dem Votum entziehen?

Die andere Lehre lautet: Nach den dramatischen Erfahrungen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches haben sich 1949 die Väter des Grundgesetzes mit Vorsatz für die repräsentative, für die parlamentarische Demokratie entschieden. Sie nahmen an, dass eine auf Zeit begrenzte parlamentarische Macht besser sei, als eine in herbei geredeten, populistischen Stimmungen gewonnene (vermeintliche) Mehrheit. Von dieser Staatsform hat die Bundesrepublik bis heute profitiert.

Der Wunsch nach dem Plebiszit ist jedoch inzwischen allgemein verbreitet. Seine Thesen aber sind weit weg von Erfahrungen aus anderen Ländern, zum Beispiel der Schweiz (z.B. folgte die Abstimmung über Minarette dem Populismus einer rechten politischen Strömung). Basisdemokratie, man mag dies beklagen. neigt zu Populismus. Sie ist zumeist nicht das Ergebnis einer politischen Analyse, sondern einer populistischen Tendenz. Das sollte bedenken, wer dem Plebiszit Tür und Tore öffnet. Insofern wäre als Konsequenz aus dem Ergebnis von München und Hamburg zu überlegen: wollen wir die parlamentarische Demokratie aufrecht erhalten, oder wollen wir weiter für das Plebiszit sein. Die Antwort ist offen.

Aber sie könnte lauten: Das Plebiszit verdrängt die repräsentative parlamentarische Demokratie, sie schürt den willkürlichen Populismus. Die folgende Antwort hieße: Statt einer parlamentarischen Demokratie, bekämen wir eine populistische Demokratie.

Man kann dies wollen. Aber man bedenke die Folgen.

Weil sich das in Hamburg zugetragen hat: Was hätte Helmut Schmidt dazu gesagt?

Über den Autor: Ulrich Werner Schulze, freier Journalist, in früheren Jahren langjähriger Chef vom Dienst überregionaler Zeitungen. Badener des Jahrgangs 1949; lebt in Leipzig und zeitweise in Ostafrika.

Anzeige