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„Ihr verarscht Leute, weil sie weniger Bildung haben“ – die Rap-Debatte um Böhmermanns „Ich hab Polizei“-Video

Jan Böhmermanns Video "Pol1z1stensohn" sorgt für hitzige Diskussionen

Jan Böhmermanns Persiflage auf deutschen Gangsta-Rap „Ich hab Polizei“ wurde mit knapp vier Millionen Abrufen allein bei YouTube schnell zum absoluten Social-Media-Hit. Doch vor allem von Musikjournalisten hagelt es heftige Kritik: Durch Böhmermann werde sowohl eine musikalische Subkultur als auch die Sprache von Migranten zur Lachnummer gemacht. In Zeiten der Flüchtlingsproblematik sei dies eine heikle Botschaft.

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Zwar jubelt die Jugendseite der Süddeutschen Zeitung, jetzt.de, über das neue Video: Wer Böhmermanns „Ich hab Polizei“ höre, werde „Haftbefehl und Co. nie wieder ernstnehmen können“. Zu perfekt würde Böhmermann die Bildsprache ihrer Poser-Videos und ihrer Rap-Attitüde imitieren und damit „wie im Vorbeigehen“ das zerlegen, „was man selbst im Feuilleton gemeinhin so interessant an Hafti und Co. findet“. Für alle, die sich das Video ansehen wollen, hat der Autor noch eine Warnung: „Deutscher Gangster-Rap ist dann Geschichte.“ Und auch der Business Punk feiert: „Packt ein, denn er hat Polizei: Entertainer und ZDF-Hoffnungsträger Jan Böhmermann beweist mal wieder, dass die monatlichen Rundfunkgebühren nicht vollständig in den Wind geblasen werden.“

Doch bei Musikjournalisten überwiegt die Kritik. Im Hate Magazin schreibt Jury Sternburg wütend, der „lustigste Böhmi aller Zeiten“ habe mal wieder bewiesen, „dass er eben nicht Jimmy Fallon ist, sondern der lauchige Typ, der in der Schule verprügelt wurde und sich jetzt ein wenig rächt“. Seine Haftbefehl-Parodie Pol1z1stensohn sei nicht nur „der Soundtrack für die feuchtfröhlichen Bullenpartys der nahen Zukunft, auch die ‚Haha, guck mal der sagt isch statt ich‘-Gröler und die 15jährigen Rap-Kartoffeln aus Niedertupfingen fühlen sich bestätigt in ihrem dummdeutschen ‚Einmal Döner mit allen Saucen‘-Humor. All jene, die schon immer der Meinung waren, dass diese Kanacks eigentlich gar nicht sprechen, geschweige denn rappen können/sollen, vereint mit bildungsbürgerlichen Verlagsheinis, deren Refugees Welcome-Banner noch stolz vom Facebookprofil strahlt und dem Jung-Identitären, der in diesem Video quasi den Gipfel seiner Humorigkeit dargestellt sieht.“

In einem offenen Brief bei Noisey, dem Musikmagazin von Vice Media, erhebt Marcus Staiger schwere Vorwürfe: „Weißt du, Jan, auch wenn du das nicht wahrhaben willst und dich wahrscheinlich wirklich für relativ schlau und fortschrittlich hältst, das, was du und deine Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen da machen, ist einfach nur standesgemäße Überheblichkeit. Das Bildungsbürgertum schlägt zurück: Jeglichen Inhalt in den Texten ignoriert ihr vollkommen und macht euch nur noch über die Form lustig. Ihr verarscht Leute, weil sie weniger Bildung haben, weil sie weniger Geld besitzen und weil sie gesellschaftlich unter euch stehen. Das ist schon ganz cool. Das Beste an deinem Song aber ist, dass er gar kein Witz ist, sondern die pure Wahrheit. Wahrscheinlich ist dir das selbst gar nicht aufgefallen, aber es stimmt, dass die reale Macht in diesem Land genau so verteilt ist, wie du es beschreibst. Die da unten können nämlich wirklich machen, was sie wollen, sie können sich schlägern und mit Gewalt drohen, sie können sich aufplustern und die Macheten schwingen, an den realen Verhältnissen wird sich gar nichts ändern. Im Zweifelsfall regeln nämlich eure Anwälte das für euch.“

Yonca Julia Pulur schreibt im Splash! Magazin „Jan Böhmermann hat Straßenrap nicht verstanden“. Er erinnert die Autorin in seiner Inszenierung als Straßenrapper unangenehm an die Gymnasiasten ihrer Offenbacher Gesamtschule. „Also an jene Leute, die früher auf dem Pausenhof auf jeden gezeigt haben, der Baggys trug und über dessen Basecaps lachten. In meiner Jugend war die Reaktion darauf, dass man Rap höre, gespieltes Kanack-Deutsch – mit dem von Mutti liebevoll geschmierten Pausenbrot in der Hand.“

Für diesen Beitrag erntete die Autorin nicht nur Lob. Bei Facebook hagelte es offenbar dermaßen viel Kritik, dass das Splash! Magazin den entsprechenden Beitrag in dem sozialen Netzwerk löschte. Mittlerweile ist er wieder veröffentlicht worden – und die Diskussion sofort erneut entfacht:

Man muss es nicht lustig finden, wie Jan Böhmermann Straßenrap adaptiert, stellt unsere Autorin Yonca Pulur fest.

Posted by Splash! MAG on Freitag, 27. November 2015

Bei Rap.de kontert Oliver Marquart, Böhmermanns Satire werfe Fragen auf, statt einfach nur Klischees zu verbraten. „Und das sollte Rap aushalten können.“

Beim Bayerischen Rundfunk glaubt Katja Engelhardt hingegen: „Bei aller Kreativität bleibt ‚Isch hab Polizei‘ leider doch nur der Verweis darauf, wer auf welcher Sprosse der gesellschaftlichen Leiter steht. Aus einer Subkultur, die sich in den Mainstream gekämpft hat, wird eine Lachnummer.“ Außerdem würden alle gerade von der Integration mindestens einer Million Flüchtlinge sprechen. „Viele von ihnen werden erstmal genau die Sprache sprechen, die Böhmermann veralbert.“

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