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Günther Jauchs Talk-Bilanz im Ersten: vier verlorene Jahre

Nie ohne seine Kärtchen: Günther Jauch

Am kommenden Sonntag absolviert Günther Jauch also seine letzte Talkshow für die ARD. Für ihn und das Publikum wird es eine Erleichterung sein. Trotz der Pflicht-Pressemeldung über die hohen Einschaltquoten gilt es festzuhalten: Vier Jahre Günther Jauch waren vier verlorene Jahre.

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Jauch fing 2011 mit sehr hohen Erwartungen bei der ARD an. Schon vorher, 2009, hatte die ARD versucht, ihn als Sonntags-Talker zu gewinnen, was im ersten Anlauf an den „Gremien-Gremlins“ (Jauchs bester Spruch im Laufe seiner ARD-Karriere) scheiterte. Das Thema Politik-Talkshow ließ ihn aber nicht los. Kurz nach seiner Absage gab er dem Zeit Magazin ein bemerkenswertes Interview, in dem er sagte:

Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung.

Er war offenbar der Ansicht, es besser zu können. Vielleicht wurde diese Selbstsicherheit beflügelt von der enormen Popularität, die ihm die Moderation der Quiz-Sendung „Wer wird Millionär?“ bei RTL eingebracht hatte. Dieser Jauch, so schien es zeitweise,kann einfach alles: Bundespräsident, Quiz-Moderator. Warum nicht auch Polit-Talker? Sein Start im beeindruckenden Gasometer-Studio in Berlin geriet dann holprig. Jauch und die ARD waren von Beginn an bemüht, die Erwartungen, die sie selbst geschürt hatten, wieder herunterzuschrauben. Das war zu Beginn vielleicht eine kluge Taktik. Das Problem war aber, dass Jauch nie über das Niveau einer angezogenen Handbremse hinauskam. In allen vier Jahren nicht.

2013 bilanzierten wir bei MEDIA schon einmal: Der Günther und die Politik – er kann’s nicht. Auszug aus dem damaligen Artikel:

Jauchs Problem mit seiner Sendung fast vier Jahre später ist, dass er selbst den Ball auch nicht ins Tor reinschiebt. Er läuft damit noch nicht einmal in die andere Richtung. Günther Jauch sitzt in seiner eigenen Talkshow wie bestellt und nicht abgeholt, blättert durch seine Kärtchen, macht große Augen und lässt sich das Heft aus der Hand nehmen.

Sein  Markenzeichen – neben den mittlerweile oft parodierten Karteikärtchen – sind die naiven Kleine-Leute-Fragen: “Was fühlt man denn dann?”, “Wie ist das, wenn?”, “Was heißt das?” Dass solche Fragereien aus Lieschen-Müller-Point-Of-View das Gegenüber bestenfalls zu ungebremster Selbstdarstellung verleiten und schlimmstenfalls im Nirgendwo der Phrasendrescherei münden, hätte Günther Jauch mittlerweile merken können.

Dieses Urteil hat auch heute noch Bestand, die Belege dafür sind zahlreich. Seine verkorksten Sendungen wie die mit dem AfD-Politiker Björn Höcke, dem Berliner Imam Abdul Adhim Kamouss, dem griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis und viele weitere, hatten alle eines gemeinsam: die chronische Überforderung des Moderators. Jauch war nicht in der Lage, ein Gespräch zu organisieren, kritische Fragen zu stellen, nachzuhaken, Dampflauderer einzubremsen. Er verließ sich auf seine Kärtchen und darauf, Günther Jauch zu sein. In diesem Fall war das aber zu wenig.

Wenn Jauch „Wer wird Millionär?“ moderiert ist er ein anderer. Da ist er witzig, schlagfertig, intelligent, wach. Diesen Günther Jauch bekamen wir in seiner Talkshow leider so gut wie nie zu Gesicht.

Und war er denn nun bei den Zuschauern so erfolgreich, wie es uns seine Produktionsfirma I&U TV GmbH & Co KG in der Abschiedspressemitteilung weismachen will? Durchschnittlich erreichte er 4,62 Mio. Zuschauer und einen Marktanteil von 16,2 Prozent. Das ist viel. Aber es ist sonntagabends nach dem Quotenbringer „Tatort“ auch keine Kunst. Jauchs Vorgängerin auf dem Sendeplatz, Anne Will, hatte 2010 durchschnittlich 4,2 Mio. Zuschauer. Die Quote ist auf diesem Sendeplatz nicht aussagekräftig was die Qualität der Sendung betrifft. Nach dem „Tatort“ könnte man einen Besenstiel auf einem Sessel drapieren und man hätte immer noch ein paar Millionen Zuschauer.

Auch Anne Will hatte so ihre Probleme mit dem zugegebenermaßen inhaltlich schwierigen Talkformat am Sonntagabend. In ihrer Anfangszeit moderierte sie hölzern, war übervorsichtig, zu zaghaft. Das änderte sich aber mit der Zeit und spätestens seit sie mit ihrer Sendung von der ARD auf den undankbaren, späten Mittwochabend gedrängelt wurde, wirkte das auf die Moderatorin und ihre Sendung wie ein Befreiungsschlag. Anne Will wurde spürbar lockerer und entwickelte sich auf dem neuen Sendeplatz zu einer bestens informierten, souveränen, intelligent-witzigen Gesprächsleiterin. Dass die ARD sie nun zurück auf den prestigeträchtigen Sonntag lässt, ist nur folgerichtig.

Es fällt schwer zu glauben, dass Günther Jauch nicht selbst auch gespürt hat, dass er und das Format des Politik-Talks nicht zueinander passen wollten. Insofern war seine Entscheidung, selbst einen Schlussstrich zu ziehen, zu begrüßen. Sein Abschied von diesem Format ist für alle eine Erleichterung – nicht zuletzt für ihn selbst.

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