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Eine Kündigung und ihre Gründe: Weser-Kurier wehrt sich gegen Antisemitismus-Vorwurf

Eine berufliche Trennung, die viel Wirbel ausgelöst hat: Weser-Kurier-Chefredakteur Moritz Döbler (re.) und der von ihm geschasste Journalist Daniel Killy

Der Weser-Kurier (WK) in Bremen hat sich stillschweigend von seinem Chef vom Dienst, Daniel Killy, getrennt – erst per Kündigung, dann per Einigung vor dem Arbeitsgericht. Nachträglich greift der 53-Jährige jetzt seinen Ex-Arbeitgeber an: Auf einem israelischen Onlineportal wirft er dem Weser-Kurier antisemitisches Verhalten vor. Verlag und Chefredaktion weisen die Vorwürfe entschieden zurück.

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Von Eckhard Stengel

Daniel Killy stammt aus einer jüdischen Familie und hat nahe Angehörige durch den Holocaust verloren. Entsprechend wachsam ist er, wenn sich wieder antisemitische Tendenzen in Deutschland breitmachen. Im Gegensatz zu manchen anderen Juden unterstützt er den harten Kurs Israels im Nahost-Konflikt, und wenn Palästinenser-Freunde in Bremen demonstrieren, dann schreibt er mit markigen Worten gegen sie an. Genauer gesagt: Er schrieb. Denn nach nur 15 Monaten als Chef vom Dienst (CvD) wurde er vom Weser-Kurier Mitte April aus dem Impressum gestrichen. Da hatte er bereits seine Kündigung zum 30. Juni in der Tasche. Killy zog vors Arbeitsgericht, und dort einigten sich beide Seiten auf eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses zum 31. Oktober, samt Abfindung und positivem Zeugnis.

Kaum war dieses Datum verstrichen, da erschien Anfang November auf der Seite israelnationalnews.com ein Interview, das der Publizist und Antisemitismusforscher Manfred Gerstenfeld mit ihm geführt hatte – laut Killy schon im Juli, aber von ihm erst jetzt freigegeben.

Auf Englisch schildert er darin seine Sicht der Ereignisse. Seit vielen Jahren sei Bremen eine Hochburg der Palästinenser-Unterstützer, und da sei es für eine Zeitung anscheinend unmöglich, sich für Israel einzusetzen. Er habe dies zu ändern versucht – durch eigene Pro-Israel-Kommentare. Das habe ihm Drohungen und Proteste eingebracht, und auch beim WK hätten ihn viele als voreingenommen eingeschätzt. Im Juli 2014 habe er schließlich die Anweisung erhalten, bis auf Weiteres nicht mehr über jüdische Themen zu schreiben, weil er nicht neutral sei. Killy empört sich darüber in dem Online-Interview: Wenn ein Journalist nicht für jüdische Themen Stellung beziehen dürfe, sei das ein Beleg für unverblümten Antisemitismus. Allerdings habe er die Anweisung des Managements einfach ignoriert.

Und dann kam Moritz Döbler. Schon einen Monat vor seinem Amtsantritt als neuer Chefredakteur kritisierte Döbler ein Interview, das Killy gerade mit dem frisch gewählten Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, geführt hatte. Dazu muss man wissen, dass Killy ehrenamtlich auch als Pressesprecher für die Jüdische Gemeinde Hamburg arbeitet. Sein künftiger Chefredakteur schickte ihm am 11. Dezember 2014 eine Mail, die auch MEEDIA vorliegt. In Killys Interviewfragen, so schrieb Döbler, „erkenne ich den Sprecher der Jüdischen Gemeinde in Hamburg und nicht den unabhängigen Journalisten“. Killy hatte unter anderem den vom Zentralrat veranstalteten Musikwettbewerb „Jewrovision“ angesprochen, der 2014 in Hamburg stattfand. Döbler weiter: „Ich bin als Chefredakteur noch nicht im Amt, aber das wird in Zukunft so nicht gehen.“

Einen Tag danach bekam Killy per Hauspost ein förmliches Schreiben des WK-Verlags „Bremer Tageszeitungen AG“ (BTAG): „Lieber Herr Killy, bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihnen hiermit Ihre Tätigkeit als Sprecher der Jüdischen Gemeinde Hamburg untersagen“, schrieben ihm BTAG-Vorstand Eric Dauphin und Personalchef Friedel Martin Lundi. Denn: „Aus unserer Sicht verträgt sie sich nicht mit der Rolle eines Redakteurs beim Weser-Kurier.“ Das Schuster-Interview „zeigt Ihre mangelnde Distanz leider nur zu deutlich“. Die Verlagsmanager unterstrichen, „dass es uns nicht um Ihre Mitgliedschaft in der jüdischen Gemeinde geht. Natürlich nicht! Aber Sprecher einer Institution und Journalist sind Funktionen, die sich ausschließen.“ Und dann noch der Hinweis, dass Killy keine schriftliche Verlagsgenehmigung für dieses Ehrenamt habe. „Gemäß Ihrem Anstellungsvertrag hätten Sie diese benötigt.“

Die Verlagsanweisung richtete sich also ausdrücklich gegen seine Arbeit als Pressesprecher. Doch in seinem Interview für das israelische Onlineportal macht Killy daraus jetzt ein pauschales Verbot jeglicher ehrenamtlicher Arbeit für die Gemeinde. Er spricht dann noch von einem Treffen mit dem Verlagschef im Januar, das versöhnlich geendet habe.Aber: „Six weeks later, I was fired.“

Sein Onlinetext machte dieser Tage die Runde im Internet. „Jews should not live in Germany“, kommentierte ein Leser aus den USA. „Not surprising from the land of the third reich“, schrieb einer aus Kanada.

Was macht man da als Zeitung, die um ihren Ruf fürchtet? Der WK entschied sich für ein kurzes Online-Statement: Killys Kündigung stehe „in keiner Weise im Zusammenhang mit seinem jüdischen Glauben oder seiner Tätigkeit in einer jüdischen Gemeinde“, schrieb der Verlagsvorstand. Und: „Die Kündigung hatte einen gänzlich anderen Hintergrund.“

Worum es aus WK-Sicht wirklich ging, erläuterten Vorstand Dauphin und Chefredakteur Döbler jetzt auf Nachfrage von MEEDIA: Killy habe seinen Job als Chef vom Dienst nicht ordentlich gemacht. Statt im Newsroom die Redaktion zu koordinieren, habe er oft in seinem eigenen Büro gesessen und sich mit internationalen Politikthemen beschäftigt, sagt Döbler. Dabei wollte der neue Chefredakteur doch den Fokus mehr auf lokale Themen setzen, auch auf der Titelseite. „Wir haben ständig Konflikte über die Ausrichtung des Blattes gehabt.“ Außerdem habe der CvD es nicht geschafft, eine zukunftsweisende crossmediale Strategie zu entwickeln.

Sein jüdisches Ehrenamt habe schon deshalb keine Rolle bei der Kündigung gespielt, weil Killy nach der Zurechtweisung vom Dezember tatsächlich nicht mehr als Pressesprecher in Erscheinung getreten sei. Döbler: „Das Thema war gegessen und erledigt.“

Dass der CvD damals zurückgepfiffen wurde, hält Döbler weiterhin für richtig. Belege für eine „Verquickung“ von Ehrenamt und Hauptberuf sieht er nicht allein im Interview mit dem Zentralratsvorsitzenden, sondern auch in Artikeln von Killy in der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine: „Der Autor ist Sprecher der Jüdischen Gemeinde Hamburg und CvD beim ‚Weser-Kurier’“, war dort zu lesen.

Auf zwei Hochzeiten zu tanzen, lässt Döbler auch bei anderen nicht zu: Er hat sich gerade von einer freien Mitarbeiterin getrennt, die zusätzlich Pressearbeit für die Bremer Handwerkskammer macht. Verlagschef Dauphin bekräftigt diesen Kurs: „Wir müssen unsere Unabhängigkeit als Tageszeitung als höchstes Gut bewahren.“ Dass Killy den WK jetzt in die antisemitische Ecke stellt, dürfte gerade für Döbler verletzend sein. Immerhin war er selber mal Pressesprecher der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam.

Auch Ruth Gerbracht, die Vorsitzende des BTAG-Betriebsrates, ist entsetzt darüber, wie Killy „unsere Zeitung beschädigt“. „Das ist starker Tobak.“ Die Betriebsrätin kennt zwar nicht die genauen Kündigungsgründe, kann sich aber nicht vorstellen, dass der CvD wegen seiner Kommentare oder wegen seines jüdischen Ehrenamts entlassen wurde.

Das behauptet auch Killy nicht ausdrücklich. Aber im Gespräch mit MEEDIA sagt er immerhin: „Natürlich können sie den wahren Kündigungsgrund in so einer Sache nicht als solchen bezeichnen, weil es nicht Rechtens wäre.“ Die genannten Gründe weist er jedenfalls zurück: Dass er nicht ordentlich als CvD gearbeitet habe, sei „lächerlich“. „Besonders abenteuerlich“ sei der Vorwurf, er habe die crossmediale Weiterentwicklung nicht vorangebracht.

Zum Vorwurf der Verquickung von Ehrenamt und Hauptjob meint Killy: „Das ist komplett lächerlich.“ Er habe in Hamburg nur das Gemeindeblatt redigiert und kleinere innerhamburgische Presseanfragen beantwortet. Es gebe etliche Kollegen, die in ihrer Freizeit evangelische Gemeindeblätter redigieren. „Würden Sie denen einen Strick daraus drehen?“ Killy bleibt dabei: Der WK habe ihm aufgrund seiner Religionszugehörigkeit die ehrenamtliche Betätigung verboten. Dass er in der Jüdischen Allgemeinen zweimal mit seiner Doppelfunktion als Gemeindesprecher und CvD vorgestellt wurde, sei ein Versehen der Redaktion gewesen, versichert der 53-Jährige.

Killy ist „SPD-Mitglied in vierter Generation“, wie er sagt. Aber nicht mit allen Genossen ist er sich grün. Er behauptet zum Beispiel, der frühere SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Detlef Griesche, zugleich Vorsitzender der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft in Bremen, und dessen Mitstreiter hätten 2014 mehrfach den WK um seine Entlassung gebeten. Griesche bestreitet das. Beschwerdebriefe – die habe es gegeben, aber keine Entlassungsforderungen.

Noch heute ist ein solcher Protest unter nahost-forum-bremen.de zu finden: ein Offener Brief an die Chefredaktion, der von 25 linken Wissenschaftlern, Pastoren und anderen Friedensbewegten unterzeichnet wurde. http://nahost-forum-bremen.de/?p=1160 Der Anlass: Nach bundesweiten Demonstrationen gegen Israels Gaza-Beschuss, bei denen auch Rufe wie „Hamas, Hamas, Juden ins Gas!“ zu hören waren, hatte Killy im Juli 2014 geschrieben: „Eine Volksfront von ganz rechts bis ganz links tobt ihren Antisemitismus gänzlich unverhohlen an Israel und dessen vorgeblichen Platzhaltern hierzulande aus.“ Das sei eine „üble Unterstellung“, rügten die Briefunterzeichner. Killys Kommentare seien dem Streben nach einem gerechten Frieden in jeder Weise abträglich. „Er dämonisiert die palästinensische Seite in diesem Konflikt in einer Weise, die man nur als Hetze bezeichnen kann. Und wer nicht seiner Meinung ist, der ist eben ein ‚Antisemit’.“

Oder jemand, der Nazi-Methoden verwendet. So jedenfalls stufte Killy den früheren WK-Redakteur Arn Strohmeyer ein, weil der Pensionär eine umfangreiche Abrechnung mit Killys Denkweise ins Internet gestellt hatte. Das sei eine „Denunziation im Nazi-Stil“, befand Killy in seinem Online-Interview. Dabei ist gerade Strohmeyer ein ausgewiesener Nazi-Gegner, der sich in einem Buch kritisch mit der NS-Vergangenheit seines Vaters auseinandergesetzt hat. Das ficht Killy nicht an: „Der Apfel fällt nicht weit vom Pferd“, sagt er auf MEEDIA-Nachfrage. Man könnte auch sagen: Killy ist stark im Austeilen, aber schwach im Nehmen.

Nicht nur bei jüdischen Themen neigt der frühere Boulevardjournalist (Bild, Hamburger Morgenpost) zu Schwarz-Weiß-Denken. Der Whistleblower Edward Snowden ist für ihn nichts als ein Verräter, und Salafisten wie Pierre Vogel sollten alle ins Gefängnis gesteckt oder „subito abgeschoben“ werden. Nach seinem eigenen Rauswurf arbeitet der 53-Jährige jetzt als freier Journalist und Medienberater in Hamburg, passender Weise auch zuständig für „Krisenkommunikation“, wie auf dem Portal Xing zu lesen ist. Der WK wiederum hat seine eigenen Konsequenzen gezogen: Der Posten des CvD wurde komplett gestrichen.

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