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V – wie Verschwörung, W – wie Weltschmerz: Wer bei “Die Anstalt” im ZDF lachen will, sollte lieber im Keller bleiben

"Eine Verschwörungstheorie ist es, wenn Spinner unhaltbare Thesen aufstellen.”

Die Ausgabe der ZDF-Kabarett-Sendung “Die Anstalt” nach den Anschlägen von Paris konnte man mit einer gewissen Spannung erwarten. Wie würden die Kabarettisten Claus von Wagner und Max Utthoff den islamistischen Terror in Europa kommentieren? Die Anschläge kamen dann aber nur am Rande vor. “Die Anstalt”-Macher entschieden sich, ihre vorbereitete Sendung zur NSU durchzuziehen. Mit viel Moral und wenig Humor.

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Paris kam bei der “Anstalt” insofern vor, dass der Eiffelturm das Anstalts-A im Logo der Sendung ersetzte und der französische Spaßmacher “Alfons” mit von der Partie war. Alfons verlas zu Beginn der Sendung einen Leserbrief an die New York Times, eine Liebeserklärung an Frankreich und Paris nach dem Terror. Dann kamen Utthoff und von Wagner hinzu und diskutierten mit Alfons kurz, ob sie ihre vorbereitete NSU-Sendung angesichts des Terrors überhaupt machen sollten.

“Natürlisch”, französelte Alfons, “wenn wir aufhören zu lachen, dann haben die gewonnen.” Utthoff und von Wagner lieferten mit ihrer gestrigen Sendungen (inklusive obligatorischem Hitler-Witz) einen wilden Ritt durch die Skandale, Versäumnisse und Ungeheuerlichkeiten des NSU-Skandals, bei dem einem das Lachen gar nicht erst im Halse stecken blieb, weil es schlicht nix zu lachen gab.

“Die Anstalt” hatte noch nie was mit “Comedy” am Hut. Sie war von Beginn an klassisches, hoch-politisches Kabarett, bei dem Botschaft und Haltung wichtiger sind als zündende Gags. Einen Tick mehr Leichtigkeit könnte aber auch die “Anstalt” vertragen. Selbst Alfons war gegen Ende, als eine Auschwitz-Überlebende mit dem rappenden Kutlu Yurtseven ein jiddisches Überlebens-Lied sang, zum Trauerkloß mutiert.

Die offizielle Version des Todes der NSU-Schergen klinge wie “die reinste Verschwörungstheorie”, rief Gast-Kabarettist Till Reiners an einer Stelle. “Nein, eine Verschwörungstheorie ist es, wenn Spinner unhaltbare Thesen aufstellen”, belehrte ihn von Wagner mit ironisch-dramatisierter Gestik. Wenn die Polizei unhaltbare Thesen aufstelle, nenne man das “offizieller Tathergang”. Da war es wieder, das böse V-Wort. Auch, wenn Utthoff und von Wagner das bestimmt nicht wollen, so liefern sie mit solchen Dialogzeilen den Verschwörungs-Anhängern unter den Zuschauern doch Futter.

Als Anstalt-Gast Reiners in seinem Solo-Teil zum Besten gab, das Schlimmste, was der Links-Extremismus hervorgebracht habe, seien Sitzblockaden gegen Nazis, muss man sich schon fragen, warum der RAF-Terror in den 70er Jahren so überhaupt gar keine Erwähnung findet. Das Ausblenden ist den Kabarett-Machern im Zweiten auch nicht fremd.

“Die Anstalt” ist eine handwerklich sehr gut gemachte Sendung mit eindeutiger Haltung und einem leider immer drückender werdenden Hang zur Schwere und immer stärker werdendem Linksdrall. Das verstörende dabei ist, dass Clips aus der Sendung bei Facebook teils auch von verschwörungtheoretischen Wirrköpfen Applaus bekommen, die ganz sicher nicht im linken Meinungspektrum zu verorten sind. Man kann sich seine Fans halt nicht immer aussuchen. Wer den Weltschmerz in sich spürt und auf Regierung und Staat so richtig sauer ist, ist bei der “Anstalt” derzeit gut aufgehoben. Wer lachen möchte, sollte ein anderes Programm wählen oder in den Keller gehen.

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