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Die große Mobilmachung: die Medien und der gefährliche Kriegszustand in den Köpfen

Publizistischer Dissenz in der Frage des Umgangs mit der Bedrohung durch islamistischen Terror: Mathias Döpfner, Gabor Steingart und Jakob Augstein

Nach dem Massaker in Paris sind Leitmedien und Alpha-Journalisten als Welterklärer gefordert. Im Kontext einer seit Monaten schwelenden Auseinandersetzung um Willkommenskultur und den Umgang mit der Flüchtlingskrise wird die Debatte ungewohnt erhitzt geführt. Krieg ist eine oft verwendete Vokabel. Mit militärischen Mitteln allein ist der Konflikt nicht zu lösen. Ein Plädoyer gegen vorschnellen Aktionismus – auch in den Medien.

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Am Tag drei nach dem blutigen Massaker von Paris, nach einer zuvor kaum für möglich gehaltenen Eskalation des Terrors der ISIS, stand die Vokabel vom „Weltkrieg III.“ im Raum. Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart hatte sie in den Betreff seines täglichen Newsletters „Morning Briefing“ getippt. Was auch provokant gemeint sein dürfte, bringt zugleich die Gemütslage von Millionen zum Ausdruck. Die Begegnung mit dem Grauen der islamistischen Attentäter ist seit dem vergangenen Wochenende nicht mehr weit weg, sondern mitten in Europa: Am Freitag, dem 13., herrschte Kriegszustand in der französischen Hauptstadt, ein Krieg, in dem, wie Steingart schrieb, auch wir Partei sind, ob wir es wollen oder nicht.

Verheerende Anschläge aus heiterem Himmel scheinen plötzlich auch in Deutschland denkbar, selbst wenn es dafür noch keine gesicherten Erkenntnisse der Geheimdienste gibt. Die Taten von Paris haben das subjektive Sicherheitsgefühl pulverisiert. Bahnhöfe, Flughäfen, Sportveranstaltungen oder Konzerthäuser sind in nächster Zeit auch Orte der Angst. Die ISIS hat offenbar nach der Verbreitung von barbarischen Hinrichtungsvideos eine weitere systematisch geplante Form der Gewalt gestartet: Gräueltaten in den Zentren europäischer Metropolen. „Sie vernichten keine Landstriche“, schreibt Steingart, „sondern vor allem unser Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit.“ In dieser Bewertung sind sich die Leitartikler der maßgeblichen Medien einig, der Dissenz liegt in der Frage, wie der Krieg gegen den ISIS-Terror zu führen und vor allem zu gewinnen ist.

Während Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner in der Welt am Sonntag zur „Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte“ aufruft, sieht Freitag-Herausgeber und Spiegel-Gesellschafter Jakob Augstein darin eine „Verherrlichung des Kampfes“ und fügt hinzu: „Es ist dieses Denken, das in die Katastrophe führt.“ FAZ-Herausgeber Berthold Kohler wünscht sich „kein freundliches“, sondern „ein hartes Gesicht“ an der Spitze der Bundesregierung, Gabor Steingart widerspricht und sieht statt dessen „Besonnenheit und Friedfertigkeit“ als „vornehmste Tugenden“ der Gesellschaft. Deutschland brauche jetzt „kein hartes Gesicht an der Spitze, sondern einen kühlen Kopf“. Der Handelsblatt-Herausgeber nennt auch unbequeme Wahrheiten. So habe der „unter falschen Prämissen und damit völkerrechtswidrig“ geführte Krieg gegen den Irak mit 800.000 Toten die heutige Situation im Irak und Syrien mit verursacht. Steingarts Sicht hebt sich ab vom allgemeinen medialen Säbelrasseln und einer Stimmung geistiger Mobilmachung, die deshalb gefährlich ist, weil sie keiner klaren Strategie, sondern einem aus der Wut geborenen Vergeltungsimpuls folgt.

Wie die Politiker haben auch die Medien das Problem ISIS erst ignoriert und dann lange unterschätzt. Man war müde von zu vielen Kriegen und Konflikten, die die arabische Welt nicht besser oder kontrollierbarer machten. Und war nicht Al Qaida die Wurzel allen Übels? Hightech-Waffen und Rüstungsmilliarden konnten weder Afghanistan, noch den Irak oder Libyen befrieden, weil es überall an einem nachhaltigen Konzept für die Zeit nach der militärischen Intervention fehlte. Nach dem Massenmord in Paris schickte Frankreich Kampfjets, um Stellungen der ISIS anzugreifen. Mit diesem Konzept versuchen die USA bereits seit über einem Jahr Kontrolle über die Gebiete zu erlangen. Der Erfolg liegt nahe Null, das Ausmaß ziviler „Kollateralschäden“ nicht abschätzbar. In den Szenarien, die in den Medien am Montag durchgespielt werden, scheint auch ein Einsatz von Bodentruppen eine Option, und die Leser werden bereits auf einen Opfergang eingestimmt. Vielleicht ist es das, was die ISIS-Terroristen mit ihren Anschlägen bezwecken wollen.

Auch wenn die Attacke auf das World Trade Center in ihrer nihilistischen Symbolkraft und der Zahl der Opfer in der Geschichte des islamistischen Terrors noch immer alles andere überragt, so ist ISIS doch bedrohlicher und gefährlicher als das Netzwerk um Osama bin Laden. Die sich selbst als Islamischer Staat bezeichnende Killertruppe hat eine Massenbewegung entfacht und rekrutiert reihenweise neue Mitglieder in europäischen Staaten. Sie inszeniert ihre Exekutionen in einer barbarischen Choreographie, die jeden Betrachter auf grauenvolle Weise das Fürchten lehrt. Sie lässt Monumente abendländischer Kultur von Bulldozern dem Erdboden gleich machen und verbreitet all diese Schreckensbilder in HD-Qualität in den sozialen Netzwerken. Sie hat das Datum für die Attacke auf Paris kaum zufällig gewählt. Das Signal: ISIS ist überall und gewinnt auch Macht über uns, und sei es nur in dem alttestamentarischen Rachebedürfnis: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Als die Nachrichtenagenturen vergangene Woche die Meldung über den US-Drohnenangriff auf das Auto des mutmaßlichen ISIS-Schlächters „Dschihadi John“ und dessen höchstwahrscheinliche Liquidierung verbreiteten, konnte ich mich nicht gegen den Gedanken wehren, dass dieser mutmaßlich bestialische Henker, den ich in den ISIS-Videos von Enthauptungen westlicher Geisel gesehen hatte, im Vergleich zu seinen Opfern einen ziemlich schnellen, schmerzlosen Tod erlitt. Anders als seine Opfer ahnte er nicht, was kommen würde und war offenbar innerhalb eines Sekundenbruchteils tot. Ich ertappte mich dabei, wie ich ihm denselben Schmerz und die Todesangst wünschte, wie er sie den wehrlos Gefesselten zugefügt hatte. Ich sage das als jemand, der Todesstrafe und Folter von Gefangenen aus Prinzip ablehnt, und doch dachte ich in diesem Moment so. Es ist vermutlich exakt diese Reaktion, die die Regisseure der Exekutions-Videos in mir auslösen wollten: Gleiches mit Gleichem zu vergelten und den moralischen Halt zu verlieren.

Der Krieg gegen ISIS hat unbestreitbar eine militärische Dimension, zu gewinnen ist er aber nur in den Köpfen. Die Forderung nach einer „wehrhaften Demokratie“ meint deshalb nicht nur die Aufrüstung der Sicherheitsvorkehrungen und der Bekämpfung des Terrors durch Einsatzkräfte und Geheimdienste. Es geht darum, die Werte der Gesellschaft zu schützen, auch dadurch, dass wir es nicht zulassen, dass diese eingeschränkt oder unterlaufen werden. Dies muss auch unter den gegebenen Umständen Toleranz und Freiheit von Andersdenkenden einschließen, solange in deren Namen unsere eigene Freiheit nicht angegriffen wird. Dies ist im Einzelfall zu prüfen und darf nicht durch einen Pauschalverdacht ersetzt werden, der Radikalen auf allen Seiten nur noch mehr Zulauf bescheren würde.

Medienmacher stehen hier in einer großen Verantwortung – gerade weil die Debatte um den Umgang mit der Flüchtlingskrise schon länger schwelt. SZ-Chefredakteur Kurt Kister schreibt dazu: „Wer (…) die Attentate von Paris mit den Flüchtlingen in Deutschland und Europa in einen einigermaßen direkten, gar ursächlichen Zusammenhang stellt, der hat nicht nur nicht recht, sondern er zündelt.“ Menschen zu mobilisieren, gehört zu den elementaren Aufgaben der Medien – die allgemeine Mobilmachung für eine kurzsichtige Rachereaktion ganz und gar nicht.

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