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Die ARD und der Terror in Paris: Wenn Entsetzen auch jene lähmt, die über Entsetzliches berichten

"Tagesschau extra" zu den Anschlägen in Paris

Der gestrige Fußballabend in der ARD wurde überholt vom Grauenvollsten und Fürchterlichsten, das menschliches Leben beeinflussen kann: Der Gewalt von Terror und Tod und der unendlichen Hilflosigkeit im Umgang damit. Wie kann, wie darf ein Sender reagieren, der im laufenden Betrieb von Phänomenen einer
plötzlichen Katastrophe überrollt wird? Die ARD-TV-Berichterstattung geriet an diesem Abend an ihre Grenzen. Leider? Ich finde, nein. Ein Plädoyer für jene Berührbarkeit, die eigene Defizite auch zeigen darf.

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Die entsetzlichen Ereignisse des gestrigen Abends brachten die ARD spürbar an Grenzen der Belastbarkeit und Handlungsfähigkeit. Die TV-Welt war jäh ins Herz getroffen: Routinen des normalen Alltags schienen ausgehebelt  und durch Fassungslosigkeit ersetzt. Aussichtslos, der Wunsch zu begreifen, zu greifen, was in der Situation über lange Strecken ungreifbar und unbegreifbar bleiben musste.

Die deutsche Nationalmannschaft hatte das Länderspiel in Frankreich verloren, und die Ereignisse überschlugen sich. Terror und Grauen waren in einem in Ausmaß geschehen, das langsam erst scheibchenweise sichtbar wurde. Während Fußball-Moderator Matthias Opdenhövel, 45,  mit Entsetzen in den Augen und belegter Stimme um Orientierung rang, starrte Mehmed Scholl, 45, neben ihm versteinert ins Leere. Eine Situation, gebaut aus ultimativ denkbaren Maximalbelastungen: Auf der einen Seite der Auftrag, in der WM-Testspiel-Berichterstattung einem geplanten Ablauf zu folgen. Auf der anderen Seite die spürbare Unfassbarkeit und Tragik, eine Situation zu moderieren, die für alle zunehmend Raum und Wahrheit gewann, ohne dass in Summe präzise Informationen über alle Geschehnisse vorlagen.

Opdenhöfel, sonst eher Con­fé­ren­ci­er banaler und leichterer Tonlagen, spürte: Niemand kann Grauen wegplappern. Über alle Distanzen des Kanals fühlten Zuschauer durch ihre TV-Screens hindurch die Angst und Sorge um Fragen des eigenen Überlebens jener, die dort im Pariser Stadion auf Präsentiertellern vor Kameras oder in Studios standen. Man kann, man darf, ja: man muss das verstehen. Wenn nicht das – was dann?

Auch die Tagesschau-Sondersendungen, die in die laufende Fußball-Berichterstattung eingestreut wurden, repräsentierten die zwangsläufige Hilflosigkeit der ARD: Redundante Informationen im Minutentakt, wieder und wieder. Unorganisiert und mit heißer Nadel gestrickt. Der TV-Abend des Pariser Länderspiels zeigte, wie kurzatmig und dünn gewohnte Prozesse der Berichterstattung werden, wenn Unfassbares in all seiner Dichte derart nah geschieht, dass professionelle Distanzen jäh unterschritten werden: Distanzen, aus denen Journalismus primäre Teile seiner Existenzberechtigung bezieht.

Es gab und gibt viel Kritik an der ARD und ihrer Steuerungsfähigkeit im Umgang mit dem gestrigen Abend: Ich teile Ansätze kritischer Bemerkungen zur sichtbaren Handlungsunfähigkeit der ARD gestern nicht. Ganz im Gegenteil: Ich finde es zu binär, den Beteiligten eigenes Erschrecken, Fassungslosigkeit und die damit verbundene Unsicherheit abzusprechen und journalistische Funktionstüchtigkeit einzufordern. Dies gilt nicht nur für die Sport-Verantwortlichen der ARD-Berichterstattung, sondern auch für das gesamte, gelähmte System.

Nicht nur, dass es aus professioneller TV-Sicht einen signifikanten Unterschied macht, ob man als träges Senderschiff mit voluminöser Funktionsmaschinerie und komplexen Abstimmungsschnittstellen von einem jähen Drama plötzlich so heiß erwischt wird, das alle Planungen und Abläufe attackiert scheinen. Einer Situation, in der man eben nicht, wie n-tv & Co. oder andere die Geschehnisse aus sicherer Distanz zunächst wahrnehmen und in einem zweiten Schritt mit einer Struktur fokussierter aufnehmen und beantworten kann, als es der ARD in der Tat gestern gelungen ist.

Nein, ich bin der ARD – auch, wenn es paradox klingen mag – eher fast ein wenig dankbar: Allen Beteiligten gebührt Verständnis, vielleicht sogar Anerkennung dafür, zur eigenen Überforderung gestanden zu haben und sie eben nicht durch journalistische Professionalität routiniert überspielen zu
wollen: Wenn es je Bedeutung hatte, unterhalb des Auftrages von Berichterstattung, menschlichen Grenzen, Grenzen eines funktionalen Systems, eigener Fassungslosigkeit, Angst, Furcht und sichtbarer
Hilflosigkeit Raum zu geben, haben die ARD-Member des gestrigen Abends dies auf ihre Art getan. Eine Art, deren Ursprung sich szenisch ausbreitete und spürbar war. Das Ergebnis war nicht perfekt. Logischerweise.

Strukturarmut und Fokus-Defizite der gestrigen ARD-Fußballnacht und der Zeit danach waren eben auch ein ehrlicher und direkter Beleg für die innere Wirklichkeit des gesamten Pariser Grauens. Sie zeigten, dass kein System im laufenden Betrieb so einfach auf belastbare Alternativen umschalten kann,
die für sich selbst plötzlich funktionieren und übernehmen können. Vielleicht sogar war das Defizit des Senders allemal authentischer als reine routinierte, nachrichtentechnisch funktionierende Berichterstattung allein es je sein könnte.

Natürlich hätte man die Belastung des Umganges mit der Situation von den Pariser Sportmoderatoren wegnehmen und sie verantwortlich auf andere Schultern verlagern können: Schultern eines Studio-Moderators in einer Tagesschau-Krisenredaktion beispielsweise. Einer Redaktion, die ihrerseits
den Mangel an Informationen und die Details des Grauens strukturiert und moderiert hätte. Die Wahrheit aber ist: Die Verantwortlichen konnten in der Situation anscheinend nicht anders. Darf das sein? Ich finde, ja.

Muss denn nicht Journalismus generell in seiner ganzen Emotionalität auch zeigen dürfen, wie Entsetzliches sich auch in jenen ausbreitet, die über Entsetzliches berichten? Und zwar in Personen und eben auch in ihren professionellen Systemen? Und, darf man das eigentlich: nicht weiter zu wissen, was zu tun sei? Nicht funktionieren zu können? Intern vielleicht ringen zu müssen um den richtigen Weg, um Antworten, die dann doch so schnell nicht belastbar gefunden werden können? Darf Journalismus, darf TV auch in einer Art sichtbar berührbar, sichtbar hilflos bleiben, die über Grenzen reiner Betroffenheitsbekenntnisse vor Kameras hinausgehen? Unterschiede nicht auch diese Freiheit des Mangels letztlich Menschen von Maschinen?

Auch, wenn es für manche journalistische Beobachter unkomfortabel war, zuzusehen. Auch, wenn man perfekter, zielgerichteter und funktionaler reagieren kann, als es der ARD gestern gelungen sein mag: Ich finde, das muss sein dürfen. Gerade in Nächten wie gestern.

Mehr über den Autor: www.leadership-academy.de

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