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Der Franz und seine Freunde: Das Nähe-Distanz-Problem von Journalisten in der Sommermärchen-Affäre

Freunde: Franz Beckenbauer und Alfred Draxler

Sport Bild-Chefredakteur Alfred Draxler hat ein Problem mit seinen Freunden. Nach dem ersten Spiegel-Bericht über die möglicherweise gekaufte Vergabe der Fußball-WM 2006 nach Deutschland, hängte sich Draxler sehr weit aus dem Fenster und verknüpfte seine Reputation als Journalist mit der Behauptung, das “Sommermärchen” sei “nicht gekauft” gewesen. Jetzt rudert er gewaltig zurück. Einige Journalisten haben in Sachen Fußball ganz offensichtlich ein Nähe-Distanz-Problem.

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Ich hätte es mir nie vorstellen können. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir die WM 2006 auf saubere Art bekommen haben.

Diese beiden Sätze sollte man sich genau durchlesen. Sie schreibt mit Alfred Draxler ein überaus erfahrener Journalist, der jahrelang Vize bei der Bild-Zeitung und dort verantwortlich für die Sport-Berichterstattung war. Jemand, der heute Chefredakteur der Sport Bild ist und in der Bild immer noch regelmäßig kommentiert. Einer, der sich rühmt, mit Sport-Größen und -Funktionären wie Franz Beckenbauer und dem gerade zurückgetretenen DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach befreundet zu sein.

Was war passiert? Ein Vertragsentwurf kam ans Tageslicht, der einen Bestechungsversuch kurz vor der Vergabe der WM nach Deutschland im Jahr 2000 nahelegt und laut Draxler von Franz Beckenbauer unterschrieben wurde, seinem “langjährigen Freund”. Dem Franz. Na so was. Es ist korrekt, wie Draxler und auch der frühere FC-Bayern Funktionär und Focus-Gründer Helmut Markwort immer wieder kritisierten, dass der Spiegel einen finalen Beweis für Bestechung bei der WM-Vergabe nach Deutschland schuldig blieb. Aber: Die Indizienkette, die der Spiegel vorgelegt hatte, legte eine Bestechung im Umfeld der damaligen WM-Vergabe schon sehr nahe. Und der Spiegel selbst hatte nie behauptet,  Beweise zu haben.

Wie kann es also sein, dass Alfred Draxler nun schreibt, er habe sich Bestechung bei der WM-Vergabe “nie vorstellen” können. Er habe “immer daran geglaubt”, dass “wir” die WM 2006 “auf saubere Art” bekommen haben. Wenn ein zehnjähriger Bub so etwas sagt, mag man Verständnis aufbringen – aber ein gestandener, mit allen Wassern gewaschener Sport Bild-Chefredakteur? Hat es sich Draxler wirklich “nie vorstellen” können? Ist er so naiv wie er nun schreibt? Oder konnte er es sich doch vorstellen? Dann wäre sein merkwürdiger Artikel “Das Sommermärchen war nicht gekauft” vom 22. Oktober nichts weiter gewesen als ein Freundschaftsdienst für seinen langjährigen Freund Franz Beckenbauer.

Was ist das bitte für eine Art und für eine Vorstellung von Journalismus?

Der langjährige FC-Bayern-Funktionär und Focus-Gründer Helmut Markwort holterdipolterte, der Spiegel-Text sei ein “journalistischer Offenbarungseid”. Niersbach und Beckenbauer hätten “gute Karten” aus der Geschichte unbeschadet rauszukommen. Der Spiegel müsse mit Schadensersatzforderungen rechnen. Undsoweiter. Was für eine Fehleinschätzung! In Wahrheit liegt der Offenbarungseid bei Leuten wie Markwort und vor allem Draxler, die offensichtlich so nah dran sind an den mächtigen Strippenziehern des Fußballs, dass diese Nähe sogar ihren und ihre Vorstellungskraft verstellt.

Es ist so eine Sache mit der Nähe und den Journalisten. Es war schon immer so, dass Journalisten die Nähe der Objekte ihrer Berichterstattung suchten. So kommt man ab und zu an exklusive Informationen. Es war aber auch immer schon eine Berufskrankheiten, dass manche nicht erkannten oder erkennen wollten, wann Nähe zu Abhängigkeiten führt. Wenn Alfred Draxler Franz Beckenbauer seinen langjährigen Freund nennt, muss man freilich kein Compliance-Experte zu sein um zu erkennen, dass hier sämtliche Grenzen offenbar längst überschritten wurden.

In seinem Text “Das Sommermärchen war nicht gekauft” schrieb Alfred Draxler in Großbuchstaben den merkwürdigen Satz:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Jetzt wissen wir, warum er dies Tat. Statt “aufs Spiel setze” hätte er damals auch gleich schreiben können: “verspiele”.

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