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Vom Apple-Fanboy zum Kritiker: Warum ich kein iPhone 6s haben will

MEEDIA-Autor Nils Jacobsen berichtet seit bald zwei Jahrzehnten über Apple – mit zuletzt wachsender Distanz

MEEDIA-Autor Nils Jacobsen verfolgt die Entwicklung von Apple seit fast 20 Jahren – als Nutzer wie als Journalist. Spätestens seit der Arbeit an seinem Buch „Das Apple-Imperium“ hat sich seine Einstellung zum wertvollsten Unternehmen der Welt gewandelt. Von Jacobsens mitunter kritischen Artikeln auf MEEDIA fühlen sich Fanboys offenbar provoziert und schlagen in persönlich diffamierenden Kommentaren immer wieder zu. Aber kommen die Angriffe wirklich nur von Fans?

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Es gab eine Zeit in meinem Leben, da fieberte ich neuen Apple-Produkten entgegen wie ein Kleinkind Weihnachten – Thank God it’s iDay. Der morgige Freitag gehört nicht dazu. Ich habe mir kein iPhone 6s bestellt und werde mir auch keines kaufen, wenn es in wenigen Wochen wieder in den Apple Stores erhältlich ist. Das iPhone 6s könnte mir egaler kaum sein. 1069 Euro für eine etwas bessere Kamera und ein drucksensitives Display, ernsthaft? Ach, Apple – Du hast den Heerscharen an  Fanboys und -girls schon mal weniger auffällig das Geld aus der Tasche gezogen.

Ich war ja schließlich einmal einer von ihnen. Und das eine gefühlte Ewigkeit, 15 Jahre lang bis zum Tode Steve Jobs’. Seit Mitte der 90er-Jahre bin ich Apple-Nutzer. Meine erste Begegnung mit einem Macintosh-Computer hatte ich 1995 im muffigen CIP-Pool der Uni Hamburg. 1997 habe ich mir meinen ersten Mac angeschafft – einen PowerMacintosh der 7300er Serie für seinerzeit 5000 Mark.

Intensive Beschäftigung mit Apple

Die folgenden 18 Jahre sollte mich Apple jeden Tag begleiten. In einer Kolumne bei WELT Online hatte ich angesichts dieser Konstanz einmal erklärt, dass es wohl die nachhaltigste Begegnung in meinem Erwachsenenleben war – es sollte ein Scherz sein. Doch wie sooft bei Scherzen steckte doch ein Fünkchen Wahrheit darin.

In den vergangenen sieben Jahren, die ich nun schon für MEEDIA schreibe, sind über 2000 Artikel zusammengekommen – der Löwenanteil, mehr als 500 davon, über Apple. Es gibt kein Unternehmen, das ich intensiver verfolge als Apple, angefangen von Steve Jobs’ Rückkehr bis heute zum nächsten großen Produktlaunch, dem iPhone 6s.

Verklärung der späten Steve Jobs-Ära

Im Verlauf der Coverage über Apple hat sich jedoch etwas Entscheidendes verändert. Bis zum Tode Steve Jobs’ war meine Berichterstattung von jener ehrwürdigen Verehrung gefärbt, die Fans so eigen ist. Ich bin nicht stolz auf Jubelpreisungen wie bei meinem ersten iPad-Wochenende, aber ich stehe gewiss nicht alleine da mit einer unreflektierten Verklärung der späten Steve Jobs-Ära, die vom Schatten des nahenden Todes überlagert wurde.

Steve Jobs war wahrlich kein Messias, wie wir in wenigen Wochen nochmals im Bewegtbild sehen werden, aber er war unser aller Held, der uns das iPhone bescherte – die mutmaßlich größte Innovation in der Geschichte der Verbraucherelektronik, das erfolgreichste Produkt allemal. Es kommt einem unwirklich vor, aber mich hat der Tod keines anderen Menschen aus der Zeitgeschichte so berührt wie Jobs’ viel zu frühes Ableben auf dem Zenit seines Schaffens, in der Mitte seines Lebens – mehr Tragik geht nicht.

Zahllose Produkt-Enttäuschungen unter Tim Cook

Tim Cook, sein Nachfolger, hatte mit dem schwersten Erbe der in Technik-Welt eine große Hypothek zum Start zu übernehmen. So manche Apple-Fans der früheren Jahre haben mit ihm bis heute Akzeptanzprobleme – was nicht nur an seinen bis heute extrem ungelenken öffentlichen Auftritten liegt als vielmehr daran, was er aus Apple gemacht hat.

An dieser Stelle meldet sich der Kritiker zu Wort, der ich in den vergangenen Jahren durchaus geworden bin. Es war kein singuläres Erlebnis: Nicht allein das zersprungene iPhone-Display, das mal eben zu Hause vom Schreibtisch auf den Parkettfußboden gefallen ist (und nicht auf den steinigen Bürgersteig), nicht allein im Zuge von iCloud-Synchronisationen verlorene Fotos, nicht allein im Zuge von zahllosen Server-Ausfällen verschluckte Mails, nicht allein die Nervereien mit Apple Music, das ein Navigieren zwischen alter (iTunes) und vermeintlich neuer Musik aus Cloud, die dann aber doch wieder auf diversen anderen Apple-Geräten nicht verfügbar ist, unmöglich macht, und nicht allein eine bis auf das Schrittezählen ziemlich nutzlose Smartwatch für 450 Euro, die dreisteste 1.0-Generation, die Apple bis dato auf den Markt gebracht hat  – es war ein Zusammenspiel aus vielem, was Apple in den vergangenen Jahren offerierte, das mich als Nutzer frustriert zurückgelassen hat.

Kritischer Blick auf das Apple der Tim Cook-Ära

Das ist die eine Seite, die des enttäuschten Fans, die aufblitzt, wenn es um Produktbesprechungen geht. Die andere Seite indes ist viel gravierender. Es ist die Seite des (Wirtschafts-)Journalisten, der beim Blick auf die Unternehmensentwicklung ohnehin jeden Anflug von Fanboytum für Produkte beiseite lassen muss – es ist der Blick auf das Apple der Tim Cook-Ära.

Der veränderte Blickwinkel ist das Ergebnis der einjährigen Arbeit an meinem Buch „Das Apple-Imperium“, das Apples drastischen Börsenabsturz zwischen 2012 und 2013 beschreibt, als der iKonzern fast die Hälfte seines Unternehmenswertes verlor – 300 Milliarden Dollar, binnen neun Monaten ausradiert. Ich nannte das Buch deswegen im Untertitel „Aufstieg und Fall des wertvollsten Unternehmens der Welt“, was von treuen Apple-Fans ja bis heute ebenso wenig verstanden wurde wie die Tatsache, dass Printerzeugnisse nur so aktuell sein können wie zum Zeitpunkt ihrer Drucklegung.

Was vor allem aber gerne von Apple-Fans vergessen wird, wenn sie meine Texte kritisieren, ist die Tatsache, dass ich nicht als Apple-Nutzer oder -Fan schreibe – sondern zuallererst als (Wirtschafts-)Journalist. Was ich durch diese Brille im September 2015 sehe, ist ein Unternehmen, das auf seinem Zenit angekommen ist – ein Blickwinkel, den die Wall Street teilt, die Apple bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 mit einem so krassen Bewertungsabschlag versieht wie einen trägen Old Economy-Konzern. Analysten haben längst begonnen, einzupreisen, dass die achtjährige  Erfolgsserie des iPhone-Wachstums nun mit dem iPhone 6s auslaufen könnte.

Tricksereien bei Apple Watch und iPhone 6s-Verkaufszahlen, fragwürdige Börsenkommunikation

Gleichzeitig sehe ich ein Unternehmen, das mit aller Macht darum kämpft, um oben zu bleiben, ein Unternehmen, dem offenbar kein Mittel fremd ist, um seine Vormachtstellung zu verteidigen. Ein Unternehmen, das angefangen hat, ziemlich ungeniert zu tricksen:

Apple Watch

Fast ein Dreivierteljahr verging nach der Präsentation im September 2014, bis Apples sehnlichst erwartetes neues Produkt endlich in den Handel kam – seit dem letzten neuen iGadget, dem iPad, verstrich mehr als ein halbes Jahrzehnt. Und wie kommuniziert der bei Erfolgsmeldungen extrem mitteilsame Konzern aus Cupertino die Annahme der Apple Watch nun beim Kunden? Gar nicht. Bis heute, fünf Monate nach dem Launch, wartet die Welt und die Wall Street auf Verkaufszahlen, die Apple bei anderen erfolgreichen Produkten wie dem iPhone so bereitwillig kommuniziert. Warum wohl schweigt Tim Cook bei der Apple Watch?

iPhone 6s

Mit der s-Generation im iPhone-Zyklus ist es so eine Sache: Die Geräte sehen aus wie die Vorgänger, der Kaufanreiz ist kleiner, das Absatzwachstum traditionell geringer, wie die Modelle 3GS, 4s und 5s beweisen. Beim iPhone 6s hat sich die Ausgangslage für Apple zusätzlich verkompliziert: Der Kultkonzern aus Cupertino droht wieder einmal zum Opfer des eigenen Erfolgs zu werden. Nicht nur liefen die 4,7 Zoll und 5,5 Zoll großen Vorgängermodelle 6 und 6 Plus nach jahrelangem Warten auf endlich größere iPhones extrem gut – auch der Vertriebskanal über China Mobile tat das seinige zum enormen Verkaufserfolg der vergangenen 12 Monate.

Der mutmaßlich am besten informierte Apple-Analyst Ming-Chi Kuo rechnet daher erstmals mit einem Rückgang der iPhone-Verkäufe. Wie Apple darauf reagiert? Mit einer Verkaufsverzögerung: Weil das iPhone 6s dieses Jahr eine Woche später in den Verkauf kommt, wird die aufgestaute Nachfrage ins Weihnachtsquartal verschoben, da Apple morgen die Bücher für das Fiskaljahr 2015 schließt. Auf diese Weise soll das Weihnachtsquartal gerettet werden.

 Tim Cooks Mail an James Cramer

Dass Tim Cook Apples Börsenperformance weitaus wichtiger nimmt als Vorgänger Steve Jobs, war schon in der Vergangenheit anhand der zahlreichen Kapitalrückführungsmaßnahmen in Form der immer größeren Aktienrückkäufe und immer höheren  Dividendenausschüttungen zu beobachten.

Als die Apple-Aktie Ende August vor dem drohenden weltweiten Börsencrash im Zuge der Verwerfungen in China besonders schwer unter die Räder zu kommen drohte, wählte Cook einen zumindest nach Börsenregularien fragwürdigen Weg: Er kommunizierte außer der Reihe mitten im Quartal die Geschäftsentwicklung in China – und zwar in einer Email an den CNBC-Börsenmoderator James Cramer, wohl wissend, dass die Mail wie ein Lauffeuer Verbreitung finden würde.

Konzernsparten unter Druck: iPad, iPod im Abschwung, Apple Watch unter Erwartungen 

Apple wirkt am Vorabend des vierten Todestages von Steve Jobs wie ein Unternehmen, das weiter zum überwältigenden Teil von seiner äußerst glorreichen Vergangenheit lebt. Was ist dem Apple unter Tim Cook in den vergangenen Jahren so Tolles gelungen, außer das Wachstum eines Produktes immer weiter auszureizen, das bereits 2007 gelauncht wurde?

Das iPad ist geschrumpft (iPad mini, 2012), nun soll es wieder wachsen (iPad Pro, 2015). In der Zwischenzeit befinden sich die Verkäufe – viel zu früh im Lebenszyklus des einstigen Hoffnungsträgers –  im jahrelangen Abwärtstrend, selbst die Kooperation mit IBM zeigt immer noch keine Blüten.

Der iPod strebt nach 14 langen Jahren seinem wohlverdienten Ruhestand entgegen, doch der neue Hoffnungsträger Apple Watch bleibt bis heute meilenweit hinter seinen Erwartungen zurück.  Worauf sich Apple anno 2015 nur verlassen kann, ist seine älteste Produktsparte – die 31 Jahre alte Macintosh-Unit, die immer noch solide Zuwächse verbucht; ein eigenartiger Zustand für einen so notorisch zukunftsorientierten Konzern wie Apple.

All das ist nebensächlich, solange die mit Abstand wichtigste Konzernunit, die iPhone-Sparte, liefert – doch das Wachstum scheint wie geschildert eher früher denn später ausgereizt. Für Apple wird ein Negativwachstum des margenstarken Bestsellers indes weitreichende Folgen haben: Hustet das iPhone, bekommt Apple möglicherweise eine Lungenentzündung. Gehen plötzlich Apples Gewinne zurück wie im Krisenjahr 2013, verschiebt sich umgehend die so akribisch gesponnene Narrative.

Dass Apple mit aller Macht, die seine hochdekorierte Kommunikationsabteilung besitzt, diesen Eindruck um jeden Preis verwischen will, ist dieser Tage besonders offenkundig zu beobachten: Bei den fein gesponnenen PR-Auftritten, beim rücksichtslosen Umgang mit Steve Jobs-Kritikern und natürlich beim Einseifen der Medien zum iPhone 6s-Launch.

Andere Stimmen  wiederum singen als Leser ein auffälliges Hohelied auf den kultisch verehrten Techpionier – und versuchen gleichzeitig den Autor mit maximalen Diffamierungen in den Kommentaren unter den Artikeln herabzuwürdigen: „mit welch arroganter überheblichkeit der verfasser davon ausgeht sich gegenüber allen lesern darauf festlegen zu dürfen“, ist da etwas zu lesen.  Oder: „überholung von itunes überfällig? „wisst ihr was noch überfällig ist? die neubesetzung von herrn jacobsens stelle…“

Anhaltende persönliche Diffamierungen

Trollattacken sind längst Alltag bei Online-Medien; die Kommentatoren schwärmen unter wechselnden Identitäten aus und ignorieren dabei, dass sie die gleiche IP-Adresse verrät; Trollattacken dieser Art haben wir in den vergangenen Monaten gehäuft beobachtet – ausschließlich bei Artikeln über Apple. Ein Zufall oder eine konzertierte Aktion? Rivale Samsung etwa geriet wegen anonymer Schmähkritiken einst in Verruf. Das Muster ähnelt sich:  Immer wieder tauchen die gleichen Kommentatoren auf, die ihre Kritik im fast gleichen Wortlaut hervorbringen – zu nächtlicher Stunde mit der immer gleichen Botschaft gegen „Herrn Jacobsen“.

Es werde „obsessive Aggitation gegen den Konzern aus Cupertino“ verbreitet, die Züge wäre „langsam pathologisch“, schreibt ein Leser alle paar Wochen wieder. „Denn was man in Cupertino macht, hat in der Regel Hand und Fuß, was man von den Ergüssen des Herrn Jacobsen wahrlich nicht behaupten kann.“ Ein Nutzer findet: „Jacobsen kapriziert sich auf schlechte Nachrichten über Apple“

Ein anderer Leser, der sich „Gordon“ nennt, beansprucht unterdessen für sich, die journalistischen Leitlinien festzulegen:  „Ich finde es verdammt schade, dass derart subjektive Artikel veröffentlicht werden. (…) „Meiner Meinung nach hat das nichts mit seriösem Journalismus zu tun.“ (…) „Wieso ist es für Sie nicht möglich, einen objektiveren Blick auf Apple zu werfen? Ihr Auftrag ist es neutrale, informative Artikel zu publizieren.“

Meinungsstarker und -pluralistischer Journalismus

Tatsächlich kann das nicht der ausschließliche Auftrag in der kritischen Berichterstattung über den wertvollsten und mächtigsten Konzern der Welt sein. MEEDIA ist für mich weder die Bibel noch das Bundesgesetzbuch – es ist ein Medienportal, dessen Artikel inhaltlich und stilistisch so verschieden sind wie meinungspluralistisch. Es gehört zum Alltag eines Journalisten und der Presseabteilung eines Unternehmens, dass die Sichtweisen  auseinandergehen – auch Google und Facebook waren durchaus schon mal über eine vermeintlich einseitige Berichterstattung nicht erfreut.

Was Apple betrifft: Es gibt den News-Artikel, der darüber berichtet, wie Apple im Weihnachtsquartal  75 Millionen iPhones verkauft und dabei 18 Milliarden Dollar verdient hat – schnörkellos und auf die Wiedergabe von Fakten beschränkt. Ebenso gibt es bei uns die einordnende Analyse, die Stellung bezieht,  bewertet und abschließend eine Meinung transportiert wie nach der jüngsten Keynote.

Und dann gibt es noch eine Menge Mischformen, bei denen die Grenzen zwischen News und Kommentar, zwischen Fakten und Meinung fließend sind, wie es für klassischen Journalismus der Spiegel-Schule genauso charakteristisch ist wie für modernen Online-Journalismus blogaffiner Prägung à la Business Insider & Co. Guten Journalismus zeichnet vor allem eines aus: eine Haltung.

Hierin liegt unser Auftrag: Das, was Fakt ist, beim Namen zu nennen, das, was zwischen den Zeilen steht, auszusprechen, und das, was in Zukunft sein könnte, einzuordnen. Dass dies so manchem nicht passt, liegt vielleicht an der Farbe des Heimtrikots. Es wird mich nicht davon abhalten, Apples Entwicklung auch künftig kritisch zu begleiten, zu analysieren und zu kommentieren.

Den ersten Teil unserer Serie „Apple und die Medien“ finden Sie hier,  den zweiten hier und den dritten hier.  

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