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Flüchtlingsdrama als gefühlsduseliges Medienspektakel: ZDF-Gala mit Kerner empört Kritiker und Zuschauer

Für die ZDF-Spendengala für Flüchtlinge gab es viel Kritik

Am Donnerstag lief im ZDF die Spenden-Gala „Menschen auf der Flucht – Deutschland hilft!“, moderiert von Johannes B. Kerner. Taugt diese Thematik zur Unterhaltungsshow? Die Kritiker und Zuschauer waren sich einig: Nein. Tatsächlich stand die Selbstbeweihräucherung der Promis im Vordergrund, die Hilfsaktionen wurden verklärt und die Probleme der Politik nahezu komplett ausgeblendet.

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Der Flüchtlingsstrom nach Deutschland reißt nicht ab, die Lage in den Asylheimen ist oftmals chaotisch und die Probleme der Politik sind allgegenwärtig – auch in den Medien. Doch seit einigen Wochen setzt die Presse vermehrt auf positive Berichterstattung, interviewt Helfer und zeigt beeindruckende Szenen von deutschen Bahnhöfen, an denen die Flüchtlinge mit Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft begrüßt werden.

Doch eignet sich diese Thematik auch dazu, aus ihr eine romantisierende Sendung im Stil einer Weihnachtsgala zu basteln? Das ZDF ist davon überzeugt: „In der großen ZDF-Live-Sendung „Menschen auf der Flucht – Deutschland hilft!“ werden in Reportagen, Gesprächen und Live-Schalten Hilfsaktionen in Deutschland vorgestellt, die dazu beitragen, die Not der Flüchtlinge zu lindern“, verkündete der Sender im Vorfeld.

Mit „Supergirl“ voll auf die Tränendrüse

Dazu fuhr das ZDF groß auf. Etliche deutsche Promis wie Tim Mälzer, Steven Gätjen und Jürgen von der Lippe durften erzählen, warum es wichtig ist, den Flüchtlingen zu helfen. Anna Loos wurde aus Budapest zugeschaltet, Til Schweiger aus Moskau und Yvonne Catterfeld trällerte ein paar tiefgründige Zeilen. Bei vielen Zuschauern kam der fahle Beigeschmack auf, dass die Selbstinszenierung der Promis wichtiger sein könnte als die Sache an sich.

Das ZDF drückte mit voller Kraft auf die Tränendrüse; der Höhe- oder vielmehr Tiefpunkt dieses Plans war der Moment als Sänger Rae für das neunjährige Flüchtlingsmädchen Ala aus Syrien seinen Hit „Supergirl“ sang: „And then she’d say, It’s okay I got lost on the way But I’m a supergirl And supergirls don’t cry“.

„Verteddybärisierung“ der Schutzsuchenden

Die Kritiken der Sendung waren verheerend. Arno Frank schrieb bei Spiegel Online von einer „Verteddybärisierung der schutzsuchenden Menschen“. Nur ganz kurz hätte Kerner mal ernsthaft von „Sorgen, Ängsten und Nöten“ gesprochen und die Frage gestellt, wie lange denn noch an den Bahnhöfen geklatscht werden würde. „Was folgte, war dann aber nur ein weiterer Beitrag im Stil von ‚Die Sendung mit der Maus‘ über das Schnürchen, an dem alles so irre gut klappt in diesem Land – diesmal die Flüchtlingsaufnahme in München. Gefühlige Klavierklänge (…). Was wir nicht brauchen, sind weitere Sendungen wie diese. Es stimmt schon, der Zweck heiligt die Mittel. Umgekehrt aber entweihen manche Mittel den Zweck.“

Thore Barfuß schlägt in der Welt ähnliche Töne an: „Rea Garvey war bei weitem nicht der einzige Prominente, bei dem man das Gefühl hatte, er war vor allem wegen der Show eingeladen und nicht wegen seines Einsatzes für Flüchtlinge. Bei vielen Prominenten war zudem der Unterschied zwischen Selbstinszenierung und tatsächlichem Engagement nicht immer zu erkennen. Überflüssigster Teil der prominenten Selbstbeweihräucherung war dabei wohl die Live-Schalte zu Til Schweiger nach Moskau, der fleißig über die Erfolge der ‚Til Schweiger Foundation‘ berichten durfte – als ob die im Studio anwesenden Prominenten nicht ausreichend wären und die Medien nicht schon für genug Aufmerksamkeit für Schweiger gesorgt hätten.

Walter Bau unterstellt dem ZDF und den anwesenden Prominenten in der Berliner Morgenpost, vor allem sich selbst zu feiern. „Da reicht es nicht mehr, Unterkünfte zu organisieren, Kleidung zu spenden, den Zuzüglern bei Behördengängen zu helfen. Da muss eine TV-Show her, zur besten Sendezeit im ZDF und mit allem was dazugehört: Prominenz, Musik, Geschichten, die ans Herz gehen – und natürlich Johannes B. Kerner als Moderator (…). Die Hilfswelle für die Flüchtlinge ist richtig und wichtig, ja, sie ist dringend notwendig. Diese ZDF-Show war es nicht.“

Und auch bei Twitter zeigte sich ein Großteil der Zuschauer enttäuscht bis empört:

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