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„Keine Angst vor der Wahrheit“ oder „instrumentalisierte Kinderleiche“? Die entfesselte Moral-Debatte

Debatte um das Foto des toten Flüchtlingsjungen: Spiegel, SpOn-Chef Florian Harms, WDR-Journalist Stiehl

Das Foto des toten Flüchtlingsjungen am Strand spaltet die Medien. Fast unversöhnlich stehen sich Befürworter und Gegner der Veröffentlichung des ikonenhaften Bildes gegenüber. Es fallen Vokabeln wie „verachtenswert“ und „verlogen“. Beim Spiegel verläuft die Grenze zwischen Befürwortern und Gegnern zwischen Print und Online-Redaktion.

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Der gedruckte Spiegel zeigt in seiner aktuellen Ausgabe das Foto des toten Jungen. Auch in einem Beitrag von Spiegel TV am Wochenende wurde das Foto, das nach Meinung zahlreicher namhafter Journalisten und Medien den Rang einer Bildikone hat, gezeigt. Bei Spiegel Online hat man auf das Zeigen verzichtet. Es gab zwar einen Text, der das Foto beschreibt und über die Botschaft des Bildes räsoniert, das Bild zur Botschaft wird den Spiegel-Online-Lesern aber vorenthalten.

Die Redaktion unter SpOn-Chefredakteur Florian Harms entschied sich stattdessen für ein weniger verstörendes Motiv, auf dem zu sehen ist, wie ein Polizist den toten Jungen wegträgt. Fast scheint es, bei Spiegel Online hätte man – ganz entgegen zum aktuellen Werbespruch des Heftes – Angst vor der Wahrheit. Ganz anders der gedruckte Spiegel. In der Hausmitteilung der aktuellen Ausgabe wird erklärt, warum man sich beim gedruckten Spiegel entschieden hat, das Foto zu zeigen:

Ob man das Foto des toten Jungen abbilden darf, wurde in der Redaktion lange diskutiert. Der Spiegel hat sich entschieden, das Bild zu zeigen. Mitunter, beim Foto des nackten, fliehenden Mädchens aus Vietnam etwa oder bei dem des Paares, das sich in den Trümmern einer Textilfabrik in Bangladesch im Tode umarmt hält, hat nur die Wahrheit die Macht, unerträgliche Verhältnisse zu verändern.

Es ist nicht das erste Mal, dass Print-Spiegel und Spiegel Online in der Bewertung einer medienethischen Frage fundamental auseinander liegen. Die Sache erinnert an die Germanwings-Katastrophe, als Spiegel Online zunächst den Namen des für die Katastrophe verantwortlichen Co-Piloten Andreas Lubitz nicht nannte. Der Print-Spiegel nannte den Namen nicht nur, sondern präsentierte auch ausführliche Recherchen aus dem persönlichen Umfeld des Co-Piloten. Die Online-Ausgabe schwenkte auf die Linie des Blattes ein, mit der abenteuerlichen Begründung, es habe neue Ermittlungserkenntnisse gegeben, die die Nennung des Namens nun plötzlich rechtfertigten.

In der aktuellen Diskussion um das Foto des toten Jungen ist von einem Einlenken der Online-Redaktion nichts zu spüren – im Gegenteil. Nachdem der Print-Spiegel und Spiegel TV das Bild zeigten, twitterte Online-Chef Florian Harms einen Ausschnitt aus einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

In dem Text von Markus Wehner werden Journalisten, die sich dafür entscheiden, das Foto zu zeigen und dies auch begründen, als „hochtrabend“ und „verlogen“ bezeichnet. Eine Einschätzung, die SpOn-Chef Harms ganz offensichtlich teilt. Er kommentierte den FAS-Text mit +1, was Zustimmung signalisiert. Damit positioniert sich der SpOn-Chef diametral gegen die Haltung des Print-Spiegel. Ein bemerkenswerter Vorgang.

Der Tweet des SpOn-Chefs rief auf Twitter stern.de-Chefredakteur Philipp Jessen auf den Plan, einer der glühendsten Verfechter der Position, dass man das Bild zeigen sollte. Er verfügte in seiner Redaktion sogar, es 24 Stunden lang als Aufmacher-Foto zu zeigen:

Der Junge ist tot. Die Welt dreht sich weiter. Nicht bei uns. Jedenfalls nicht heute. Der Junge am Strand wird den ganzen Tag bei uns zu sehen sein. Ganz oben. 24 Stunden. Passiere, was wolle. Denn sein Recht auf ein Leben wurde ihm genommen. Dann hat er zumindest das Recht, noch einmal gesehen zu werden.

Kein Wunder, dass der FAS-Artikel und der Tweet von Florian Harms bei Jessen Widerspruch provozierten:

Dass Medien prinzipiell in der Frage „Zeigen oder nicht?“ uneins sind, ist nicht schlimm. Im Gegenteil: Die aktuelle Debatte dokumentiert, dass man sich Gedanken macht in den Redaktionen und zu unterschiedlichen Bewertungen kommen kann. Dass hier und da die eigene Unsicherheit im Umgang mit dem Foto thematisiert wird, gibt Medien ein Stück Glaubwürdigkeit zurück. Gerade darum wirken die vor allem von den Gegnern einer Veröffentlichung benutzten Vokabeln in einigen Fällen so dogmatisch, unversöhnlich und kriegerisch. „Verlogen“ schrieb der FAS-Autor und bezog sich auch auf eine Formulierung in einem Artikel von MEEDIA. Der WDR-Nachrichtenredakteur Udo Stiehl positionierte sich auf Twitter, in einem Blogbeitrag und einem Rundfunkinterview nicht weniger deutlich. Er halte es für „verachtenswert“, wenn das Bild der Kinderleiche „instrumentalisiert“ werde.

Mit solchen Vokabeln ist man neuerdings schnell bei der Hand: „verachtenswert“, „widerlich“, „ekelhaft“. Kollegen werden für ihre Entscheidungen mit Worten bezeichnet, die früher mal für Schwerverbrecher reserviert waren. Eine Diskussion zu solchen Themen ist begrüßenswert. Selbstzweifel sind angebracht. Wir sollten aber aufpassen, dass aus einer Debatte keine öffentlich zur Schau gestellte Selbst-Zerfleischung wird.

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