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Pixeln oder zeigen? Wie die Medien mit dem toten Jungen von Bodrum umgehen

Während heute Morgen fast alle britischen Zeitungen mit dem toten Kind am Strand von Bodrum aufmachten, war das Foto an unseren Zeitungskiosken noch nicht zu sehen. Die Bild räumte der Aufnahme zwar eine ganze Seite ein, brachte sie aber auf der Rückseite. Ein Grund für den Verzicht war die Weigerung der dpa, das Bild zunächst zu verbreiten. Seit Donnerstag, 6.30 Uhr liefert die Agentur nun auch die Fotos, allerdings verpixelt. Mittlerweile tobt die Debatte, ob man den toten Jungen, der längst zum Symbolfoto wurde, zeigen darf oder nicht.

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Warum die Agentur die Foto-Serie nicht bereits am Mittwochabend verbreitete, erklärt der Sprecher der dpa auf MEEDIA-Anfrage: „Wir bilden in unserer Berichterstattung menschliches Leid ab, prüfen aber immer im Einzelfall, ob und wie wir dabei die Würde von Opfern wahren können. Bei manchen Bildern – auch bei diesem – können Kollegen in dem damit verbundenen Abwägungsprozess zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen“.

Das beutet, dass man am Vorabend die Tragweite des Motives nicht erkannte oder falsch einschätzte. Sehr zum Ärger einiger Zeitungsmacher. Am nächsten Morgen bewertet die Agentur den Fall noch einmal neu: „Der Chefredakteur vom Dienst hat die Entscheidung des Fotodesks heute in den Morgenstunden aufgehoben“, berichtet der dpa-Sprecher weiter. Seit Donnerstag, 6.30 Uhr stellt auch die Deutsche Presseagentur ihren Kunden die Fotos zur Verfügung – „allerdings mit Verpixelung“.

Nicht nur der Agentur fällt es schwer eine klare Position zum richtigen Umgang mit dem Bildmaterial von Bodrum zu beziehen. Diese Frage zieht sich durch die gesamte deutsche Redaktionslandschaft.

Sowohl FAZ.net, Handelsblatt oder auch Stern.de entschlossen sich, Fotos ohne Verpixelung zu zeigen. Allerdings zeigten nicht alle den toten Jungen am Strand. FAZ.net beispielsweise griff auf die Bilder zurück, die den Sicherheitsbeamten zeigen, der den Jungen wegträgt.

„Der Junge ist tot. Die Welt dreht sich weiter. Nicht bei uns. Jedenfalls nicht heute. Der Junge am Strand wird den ganzen Tag bei uns zu sehen sein. Ganz oben. 24 Stunden. Passiere, was wolle. Denn sein Recht auf ein Leben wurde ihm genommen. Dann hat er zumindest das Recht, noch einmal gesehen zu werden“, schreibt stern.de-Chefredakteur Philipp Jessen in einem Kommentar dazu.

In der Bild heißt es zu dem Foto: „Bilder wie dieses sind schändlich alltäglich geworden. Wir ertragen sie nicht mehr, aber wir wollen, wir müssen sie zeigen, denn sie dokumentieren das historische Versagen unserer Zivilisation in dieser Flüchtlingskrise.“

Auch der Chefredakteur des Focus, Ulrich Reitz, äußert sich in seinem täglichen Newsletter zu der Frage, ob es sich nicht von vornherein verbieten würde, ein solches Foto zu zeigen: „Ich meine: nein“, schreibt er. „Wenn ein Foto Massenschicksale greifbar macht, verändert es die Wirklichkeit. Die Botschaft dieses Bildes: Flucht ist die radikale Konsequenz aus tödlicher Bedrohung. Und diese Flucht selbst kann tödlich enden. Wir dürfen hier – buchstäblich – nicht wegschauen. Das Kind ist ein Appell an eine Ethik des Hinschauens.“

Dem widerspricht Stefan Plöchinger, Chefredakteur von SZ.de: „Man muss dieses Foto nicht sehen, um zu verstehen, was sich ändern muss“. Weiter schreibt der Chefredakteur von Sueddeutsche.de: „Muss man Ihnen als Leserin oder Leser das Bild eines toten Kindes zum Frühstück zumuten, damit unmenschliche Aspekte der Asylpolitik in Ihren persönlichen Diskurs rücken?“. Er meint nein. Wer wolle, könne die Bilder überall sehen.

Für das Netzwerk Medienethik beschäftigt sich Alexander Filipovic mit den Darstellungen: „Ich würde das Foto nicht bringen und halte das Vorgehen von, zum Beispiel, Kölner Stadtanzeiger und Sueddeutsche.de für beispielhaft. Hier wird deutlich, dass reflektiert und abgewogen wurde und diese Überlegungen wurden publiziert. Und es werden Möglichkeiten angedeutet oder gezeigt, wie das Foto angeschaut werden kann, so dass jeder in Kenntnis von dem, was abgebildet wird, selber entscheiden kann, ob er oder sie es sich anschaut.“

Die Bilder sind längst zu einer Anklage geworden. Das sagen auch die beiden Hashtags unter denen sie überwiegend in den sozialen Netzwerken geteilt werden: #KiyiyaVuranInsanlik („Die fortgespülte Menschlichkeit“) und dann mit dem englischen #HumanityWashedAshore („An Land gespülte Menschlichkeit“).

Auch Die Welt befasst sich mit dem Thema. Der Türkei-Korrespondent Deniz Yüzel, der gerade erste von der taz zur Springer-Zeitung wechselte, erzählt die ganze Geschichte der toten Kinder vom Strand vom Bodrum. Passend zum ungeschminkten Inhalt ist die Aufmacheroptik auch nicht gepixelt.

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