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Ethik-Debatte: Warum es richtig ist, das Foto des toten Flüchtlingsjungen am Strand zu zeigen

Digital-Chefredakteure von Blumencron (FAZ), Jessen (Stern), Reichelt (Bild), Plöchinger (SZ) und Harms (Spiegel): unterschiedlicher Umgang mit Schock-Fotos beim Flüchtlingsdrama

Zeigen oder nicht? Die erschütternden Fotos von toten Flüchtlingen stellen Medienmacher vor eine Gewissensfrage, die diese – für sich und andere – höchst unterschiedlich beantworten. Die Veröffentlichung der Bilder ist schon Fall für den Presserat. Versuch einer Annäherung an ein heikles Thema.

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Das traurigste Foto der Welt: #Kiyiya wird zum Symbolbild der Flüchtlingskrise hatte MEEDIA am Donnerstagmorgen getitelt und das im Wortsinn furchtbar ergreifende Foto gezeigt. Es war dabei redaktioneller Konsens, dass dieses Bild in erschütternder Weise die tragische Seite des Flüchtlingsdramas versinnbildlicht. Niemand, der es gesehen hat, ist davon unberührt geblieben. Es trifft uns, die wir das Foto ansehen, und mehr als wir es uns gewünscht hätten. Seine emotionale Wucht entspringt nicht in erster Linie der Vorstellung, dass dort ein schutzloser Junge liegt, der es nicht geschafft hat und dessen Leben zu Ende ist, bevor es richtig begonnen hat. Das ist zweifellos wahr und deprimierend genug. Aber viel mehr packt es uns, weil uns die Katastrophen, die sich seit Monaten und Jahren im Mittelmeer ereignen, plötzlich ganz nahe sind. Für eine schreckliche Sekunde ist es unser Kind.

So sehr dieses eine Foto den Betrachter emotionalisiert, so sehr polarisiert es Medienmacher. Darf man dieses oder ähnliche Bilder zeigen, lautet die Frage, und die Antworten fallen unterschiedlich aus. Es zeichnen sich diametral entgegengesetzte Positionen ab, Verfechter der Veröffentlichung und solche, die es strikt ablehnen, derartige Schock-Fotos zu publizieren, stehen sich unversöhnlich gegenüber. Im News-Journalismus droht eine Lagerbildung, bei der sich jeder auf die besondere Verantwortung des Redakteursjobs beruft. Die dpa hatte das Bild am Mittwoch im Gegensatz zu praktisch allen anderen Nachrichtenagenturen überhaupt nicht verbreitet und holte dies einen Tag später nach, nicht ohne zuvor das Foto sinnlos zu verpixeln. Ein grotesker Akt der Absicherung, um bloß nichts falsch zu machen, nachdem man seine Bedenken tragende Entscheidung schon revidieren musste, weil Zeitungskunden das Foto einforderten.

Bereits vor einer Woche hatte die Veröffentlichung eines Fotos, das zusammengepferchte Leichen von Flüchtlingen in einem bei Wien gefundenen Kühllaster zeigt, für Diskussionen in der Branche gesorgt. MEEDIA hatte die Publikation durch das österreichische Boulevardblatt Kronen Zeitung als „pervers“ bezeichnet – und damit falsch gelegen. Die Vokabel war impulsiv gewählt und dem Thema nicht angemessen. Es wäre unsere Aufgabe gewesen, die damit zusammenhängende Problematik zu thematisieren und nicht vorschnell Partei zu ergreifen. Als verantwortlicher Redakteur entschuldige ich mich dafür, dass wir in diesem Fall unseren Job schlecht gemacht haben. Bild veröffentlichte das Foto einen Tag später, auch Spiegel TV zeigte es bei seiner Magazin-Sendung zur Flüchtlingskrise.

MEEDIA hat an den darauf folgenden Tagen Führungskräfte von Zeitungen und News-Portalen sowie Medienethiker befragt. Das Ergebnis zeigt, wie heterogen die Standpunkte sind. Es gibt keine einfache Antwort auf die Frage, wie Redaktionen in solchen Fällen mit Bildmaterial umgehen sollen, und es hängt auch davon ab, für welche Zielgruppe man berichtet. Andreas Rüttenauer, Chefredakteur der taz, hatte das Foto der Leichen aus dem Lkw nicht gezeigt. Aber er sagte auch: „Die Entscheidung, durch das Zeigen der Toten an die Gefühle der LeserInnen zu appellieren, ist durchaus nachvollziebar. Ein grundsätzliches moralisches Urteil darüber abzugeben, ist äußerst schwierig. Auch wir haben bereits Bilder von toten Flüchtlingen gezeigt, die in Plastiksäcke verpackt in einer Kühlkammer aufeinandergestapelt worden waren. Natürlich haben wir über die Würde der Toten diskutiert. Die war ihnen indes längst genommen – und genau das wollte wir abbilden.” Ähnlich äußerte sich Lorenz Maroldt vom Tagesspiegel.

In Österreich, wo die Debatte nach der Publikation der Exklusiv-Fotos durch die Kronen Zeitung geradezu erbittert geführt wurde, äußerten Kritiker in der Folge Zweifel an ihrer frühen Festlegung. Michael Fleischhacker, Chefredakteur von NZZ.at, hat seine in einem lesenswerten Beitrag zusammengefasst. Der Statthalter des Qualitätsmediums Neue Zürcher Zeitung hatte die Berichterstattung des Boulevardblatts zunächst als „Skandal“ gegeißelt. Seine Reflektion betitelte er mit einer Suggestivfrage an sich selbst: „Und wenn die ‚Krone‘ recht hätte?“ Fleischhacker schreibt: „Im Gespräch über den Bilderstreit sagte mir ein befreundeter Künstler (…), dass er die gängige Praxis der medialen Bild-Vermeidung, wenn es um die Grausamkeit von Krieg, Vertreibung und Unterdrückung geht, für eine Katastrophe hält. Ich glaube, er hat recht.“ Und er berichtet von einer paradoxen Beobachtung: „Wenn ich sehe, dass in den sozialen Medien – verteilt auch von Twitteranten, die die Empörung über die Krone teilen – Bilder von toten Kindern kursieren, die vor der libyschen Küste im flachen Wasser treiben, denke ich: Ich kann den Anblick schwer ertragen, aber es ist gut, dass die Konsequenzen unserer politischen Entscheidungen sichtbar werden.“ Fleischhacker kommt zu dem Schluss, „dass den brutalen Bildern der brutalen Realität eine wichtige Funktion zukommt, die durch die fragwürdigen Motive einzelner Veröffentlicher nicht geschmälert wird.“ Und weiter: „Es ist nicht unsere Aufgabe als Medium, die Politik bei ihrem Versuch zu unterstützen, die Folgen ihrer Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen schönzureden und wegzudrücken.“

Bei dem Foto des toten Jungen, der am türkischen Strand liegt, läuft erneut die Diskussion zur Frage „Zeigen oder nicht?“ unter den gleichen Vorzeichen. Es ist keine Debatte der verschiedenen Mediengattungen, eher im Gegenteil: Der Riss geht quer durch die Republik. Das Handelsblatt zeigt das Foto auf seiner Website, die Süddeutsche nicht. Stern.de tut es, Spiegel Online nicht. SZ-Digitalchefredakteur Stefan Plöchinger begründet seine Ablehnung so: „Ist es tatsächlich so, dass Menschen dem Tod erst ins Auge sehen müssen, um das tödliche Potenzial politischer Entscheidungen zu verstehen? Reichen nicht Worte wie zu Beginn dieses Artikels, um begreifbar zu machen, was vor jenem Strand passiert ist, was an vielen Orten gerade vielen Menschen passiert?“ Stern.de-Macher Philipp Jessen verfügte dagegen gar, dass das Foto des toten Kindes den ganzen Tag lang Aufmacher auf der Homepage sein müsse. Seine Begründung: „Der Junge ist tot. Die Welt dreht sich weiter. Nicht bei uns. Jedenfalls nicht heute. Der Junge am Strand wird den ganzen Tag bei uns zu sehen sein. Ganz oben. 24 Stunden. Passiere, was wolle. Denn sein Recht auf ein Leben wurde ihm genommen. Dann hat er zumindest das Recht, noch einmal gesehen zu werden.“

Gemeinsam ist den kontroversen Haltungen die Entschiedenheit, mit der sie vorgetragen werden. Aber längst nicht alle Journalisten sind sicher, wie sie sich in der Frage verhalten sollen. Selbst das sonst so klar positionierte Bildblog signalisiert Ratlosigkeit: „Wir bekommen seit gestern viele Mails dazu, viele Leser sind ‚zutiefst schockiert‘ darüber, dass Bild und andere Medien das Foto zeigen“, heißt es in einem namentlich nicht gekennzeichneten Beitrag, „doch ähnlich wie bei dem vor Kurzem veröffentlichten Foto der Flüchtlinge, die in einem Lkw in Österreich erstickt sind, sind wir uns nicht sicher, was wir davon halten sollen. Ist es in Ordnung, das Foto zu veröffentlichen? Oder sollte man es lieber verpixeln? Oder ganz darauf verzichten?“ Fazit: „Wir wissen es nicht. Fühlen uns aber deutlich wohler dabei, wenn wir es hier bei uns unkenntlich machen.“ Und wie: Was vom Foto des toten Jungen übrigbleibt, erinnert an ein TV-Testbild nach Sendeschluss.

Auch wenn es schwer fällt, sollten wir aufhören, die Debatte mit Vorwürfen aufzuladen und zugleich akzeptieren, dass es hier nicht nur schwarz oder weiß gibt. Nicht jeder, der schockierende Bilder veröffentlicht, tut dies automatisch aus niedrigen Beweggründen oder zur Steigerung seiner Auflage oder Klickzahlen. Nicht jeder, der darauf verzichtet, hat automatisch seinen Job nicht kapiert. Aber Letztere sollten sich fragen, ob sie auch darauf verzichtet hätten, Robert Capas Foto vom sterbenden Soldaten im Zweiten Weltkrieg zu zeigen oder die Bilder der vor dem Napalm der US-Amerikaner fliehenden Kinder in Vietnam. Oder die Bilder von traumatisierten Menschen nach dem Einsturz des World Trade Centers. Oder die Leichenberge in den KZs. Vom Bild des toten Uwe Barschel in der Hotelbadewanne ganz zu schweigen. Anders gesagt: Dokumente, die aus der Zeitgeschichte kaum wegzudenken sind. Wir alle erinnern uns an solche Bilder, sie haben sich eingebrannt in unser Gedächtnis.

In funktionierenden Redaktionen war es immer schon so, dass in jedem Einzelfall diskutiert wird, ob und welche Fotos gezeigt werden. Es ist ein Abwägungsprozess, bei dem Für und Wider gegeneinander gestellt werden, mit oft knappem Ausgang für eine der Alternativen. Es ist durchaus denkbar, dass ein Medium das Foto von den Leichen im Lkw-Laderaum eben nicht veröffentlicht, das des toten Jungen am Strand dagegen schon – so lange die Entscheidungen gewissenhaft getroffen und dem Leser gegebenenfalls auch vermittelt werden. Würde ich heute vor der Wahl stehen, würde ich so verfahren und die Leichen im Lkw nicht zeigen, das Bild des toten Jungen aber groß und an prominenter Stelle. Warum? Weil ich die ineinander verkeilten Leichen auf engstem Raum instinktiv als ein Bild einstufe, das ich selbst nicht sehen wollte, wenn ich nicht müsste, ähnlich wie früher die Fotos aus den Tatort-Spurenmappen der Gerichtsmediziner. Bei dem kleinen Jungen ist es anders: Das Kind, das aussieht, als ob es schläft, hat eine ungeheure Symbolkraft, der ich mich nicht entziehen kann und die mich zum Nachdenken zwingt. Aber ich verstehe, dass mancher das anders sieht. Blattmache und Portalausrichtung sind in solchen Momenten etwas sehr Individuelles.

Bei den meisten Portalen war die Tragödie um den ertrunkenen Flüchtlingsjungen der meist gelesene Artikel, so auch bei Spiegel Online, wo die Headline lautete: „Ein Bild, eine Botschaft“. Da ist es allerdings ziemlich merkwürdig, dass genau das Bild, um das es geht, von der Redaktion ausgespart und statt dessen die Szene mit Worten beschrieben wird. Zugleich räumt die Redaktion ein, dass die Bilder des toten Flüchtlingsjungen „um die Welt gehen“. Ist das für einen verantwortungsvollen Nachrichtenjournalismus alternativlos, wie Chefredakteur Florian Harms offenbar glaubt? Oder eher doch ein großer Fehler, weil die suggestive Kraft des Bildes und damit eine elementare Chance, den Leser im Innersten zu erreichen, unterschlagen wird? Wie wird der gedruckte Spiegel mit dem Foto umgehen? Er wird es aller Erfahrung nach zeigen, im Heft oder – nicht einmal ausgeschlossen – auf dem Titel. Es gäbe dafür gute Gründe.

Spiegel Online verweigert sich in dieser Sache. Fragen bleiben: Ist der mit Absicht schönfärbende „constructive journalism“, von dem der SpON-Chefredakteur beseelt zu sein scheint, im Kern nicht eine unangebrachte Bevormundung der Leser und eine Zensur der Wirklichkeit? Soll dies Rolle und Selbstverständnis des modernen Journalismus sein? Handelt es sich nicht viel mehr um einen unverantwortlichen Weichspülgang im Nachrichten-Apparat? Steht uns Redakteuren ein derartiger Eingriff in die Darstellung des realen Geschehens überhaupt zu?

Die Wahrheit ist: Im aufrichtigen Journalismus gibt es keine Moden. Die Aufgabe besteht darin, ein unverstelltes Bild der Welt zu vermitteln, aufzuklären und auch aufzurütteln. Das wichtigste Korrektiv sind die Leser und darüber hinaus auch die Gesetze. Bei manchen Medien hat man den Eindruck, dass sie strenger urteilen, als es Leser oder Richter tun würden. Und was macht das anders oder besser? Das Bild des toten Jungen am Strand ist in der Welt, und das ist gut so, gerade weil die Geschichte hinter dem Foto so grauenhaft und ein Massenschicksal ist. Das Internet hat die Medienwelt auch hier verändert: Journalistische Gatekeeper wirken wie Don Quijotes, die gegen etwas ankämpfen, was doch im Handumdrehen Allgemeingut wird. Am Ende hat die Moral-Debatte vielleicht dennoch etwas Gutes, indem sie uns Journalisten dazu bringt, die Grenzen unseres Handelns zu erkennen. Gut gemeint ist nicht gleich zu setzen mit gut gemacht, und gut gemacht macht die Welt da draußen viel zu oft leider auch nicht besser.

Update, 04.09., 19.50 Uhr: Der Spiegel berichtet im aktuellen Heft 37/2015 unter der Headline „Erbarmungslos. Das tödliche Geschäft der Schlepper-Mafia“ über das Flüchtlingsdrama. Auf Seite 20 der Titelgeschichte zeigt die Redaktion – im Gegensatz zu Spiegel Online – das Bild der Leiche des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Aylan als Seitenoptik und unverpixelt. In der Hausmitteilung der Chefredaktion heißt es dazu: „Ob man das Foto des toten Jungen abbilden darf, wurde in der Redaktion lange diskutiert. Der Spiegel hat sich entschieden, das Bild zu zeigen. Mitunter, beim Foto des nackten, fliehenden Mädchens aus Vietnam etwa oder bei dem des Paares, das sich in den Trümmern einer Textilfabrik im Tode umarmt hält, hat nur die Wahrheit die Macht, unerträgliche Verhältnisse zu verändern.“

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