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Das Knut-Embargo: die skurrile Presserats-Beschwerde gegen Berliner Kurier und Berliner Zeitung

Eisbär Knut wurde weltweit zur Berühmtheit und starb 2011.

Regelmäßig versuchen Kommunikationsabteilungen den Zeitpunkt einer Nachrichtenveröffentlichung durch so genannte „Sperrfristen“ zu kontrollieren. Sie liefern den Journalisten Informationen, schreiben aber fest, wann diese veröffentlicht werden dürfen. Berliner Kurier und Berliner Zeitung haben sich vergangene Woche über eine Sperrfrist in Sachen Eisbär Knut hinweggesetzt – und sind nun ein skurriler Fall für den Presserat.

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Der Forschungsverbund Berlin e.V. hat den Tod des legendären Eisbären Knut im Berliner Zoo untersucht und will einen Forschungsbericht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publizieren. Weil das Thema durchaus von internationalem Interesse ist, entschied man sich zudem für eine Pressekonferenz, zu der auch der Berliner Zoo eingeladen hatte. Bereits in der Einladung versorgte man die Medien mit den Forschungsergebnissen und legte ihnen eine Sperrfrist auf, an die sich Berliner Kurier und Berliner Zeitung nicht gehalten haben.

Der Forschungsverbund, dem die Forschungseinrichtungen Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin und Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen angehören, wirft den Medien des Berliner Verlags vor, ihre „journalistische Sorgfaltspflicht“ verletzt zu haben. Die Pressemitteilung (vom 24. August), die nicht nur an Fach–, sondern auch an Publikumsmedien herausgegeben wurden, sei nämlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt gewesen. Zumindest nicht zur sofortigen. Die Wissenschaftler hatten nämlich eine Sperrfrist bis nach der Pressekonferenz zur „Glanzleistung kooperativer Forschung“ gesetzt (27. August). Angehängt an die Einladung waren allerdings bereits die Ergebnisse der Forscher, die die Todesursache des 2011 gestorbenen Eisbären enthielten. Durch die Vorabveröffentlichung sei „die jahrelange Forschung unserer international renommierten Arbeitsgruppen entwertet worden.“

Pressekodex schmiss Sperrfrist-Richtlinie 2005 raus

Die Berliner Zeitung sowie das Boulevard-Blatt Berliner Kurier missachteten die Sperrfrist und veröffentlichten noch 24. August die Infos online sowie tags darauf in ihren Print-Ausgaben. Mit diesem „national und international außergewöhnlichen Vorgang“ habe man „international gültige Regeln in der Wissenschaftskommunikation und damit publizistische Grundregeln gebrochen“, weshalb der Forschungsverbund nun eine Beschwerde beim Presserat eingelegt hat. Auf Nachfrage von MEEDIA erklärte ein Sprecher, dass man sich dabei auf die Richtlinie 2.3 beziehe, die den Umgang mit Vorberichten regelt. Darin heißt es:

Die Presse trägt für von ihr herausgegebene Vorausberichte, die in gedrängter Fassung den Inhalt einer angekündigten Veröffentlichung wiedergeben, die publizistische Verantwortung. Wer Vorausberichte von Presseorganen unter Angabe der Quelle weiterverbreitet, darf sich grundsätzlich auf ihren Wahrheitsgehalt verlassen. Kürzungen oder Zusätze dürfen nicht dazu führen, dass wesentliche Teile der Veröffentlichung eine andere Tendenz erhalten oder unrichtige Rückschlüsse zulassen, durch die berechtigte Interessen Dritter verletzt werden.

Einen Umgang mit Sperrfristen oder einem „Embargo“, wie es der Forschungsverbund nennt, regeln weder Richtlinie 2.3 noch der Rest des Kodex. Eine Empfehlung des Presserates bezüglich Sperrfristen ist nach der Reform 2005 gestrichen worden. Eine Sprecherin des Presserats erklärt dazu: „Auf die Richtlinie zu Sperrfristen wurde bei der Kodexreform 2006 verzichtet, um den Gestaltungsspielraum der Redaktion im Umgang mit solchen Klauseln zu vergrößern. Es handelt sich um eine freie Absprache zwischen Informationsanbieter und Redaktion.“ Damals lautete die Richtlinie:

Sperrfristen, bis zu deren Ablauf die Veröffentlichung bestimmter Nachrichten aufgeschoben werden soll, sind nur dann vertretbar, wenn sie einer sachgemäßen und sorgfältigen Berichterstattung dienen. Sie unterliegen grundsätzlich der freien Vereinbarung zwischen Informanten und Medien. Sperrfristen sind nur dann einzuhalten, wenn es dafür einen sachlich gerechtfertigten Grund gibt, wie zum Beispiel beim Text einer noch nicht gehaltenen Rede, beim vorzeitig ausgegebenen Geschäftsbericht einer Firma oder bei Informationen über ein noch nicht eingetretenes Ereignis (Versammlungen, Beschlüsse, Ehrungen u.a.). Werbezwecke sind kein sachlicher Grund für Sperrfristen.

Gegenüber MEEDIA erklärte die Sprecherin weiter, dass man die Beschwerde ins Prüfverfahren leiten werde.

DuMont: „Beschwerde beim Presserat ist überzogen“

Wie bereits dem Forschungsverbund selbst, teilt die Mediengruppe M. DuMont Schauberg, die am Berliner Verlag mehrheitsbeteiligt ist, auch gegenüber MEEDIA ihr „Bedauern“ mit. Gleichzeitig stellt DuMont klar: „Beide Redaktionen wollen die wissenschaftliche Arbeit der Wissenschaftler nicht gefährden. In diesem konkreten Fall handelt es sich nicht um eine konkrete Gefahr für die wissenschaftliche Arbeit, sondern um die Veröffentlichung von Ergebnissen in einer speziellen Publikation.“ Darüber hinaus verteidigt DuMont weiter, dass Lokaljournalisten nicht „mit den gängigen Regeln des Wissenschaftsjournalismus vertraut“ seien. „Der Einladung zu dieser Pressekonferenz, die erst drei Tage später terminiert war, hing eine Vielzahl an Dokumenten an, die nahezu alle Informationen enthielten.“

Nach der Veröffentlichung in den DuMont-Titeln zogen die Veranstalter der Pressekonferenz Konsequenzen, die seitens DuMont kritisiert werden: „Die Mediengruppe Berliner Verlag betrachtet das Hausverbot gegenüber zweier ihrer Journalisten, die von der Pressekonferenz ausgeschlossen worden sind, für unakzeptabel und hält dieses Vorgehen für nicht mit den Grundsätzen der Pressefreiheit vereinbar.“

Klar ist: Auch wenn Lokal-Reporter nicht mit den Sitten im Wissenschaftsjournalismus vertraut sein sollten. Eine Sperrfrist – die weder aus ethisch noch rechtlicher Sicht eingehalten werden muss – kennen auch die Journalisten im Berliner Verlag. Sie haben sozusagen ein Gentlemen’s Agreement gebrochen. Dennoch lässt sich einem weiteren Statement aus dem Hause DuMont nichts hinzufügen: „Auch die Beschwerde beim Deutschen Presserat wird als überzogen gesehen“.

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