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Er hat “Neger” gesagt – Herrmanns Patzer bei “Hart aber fair” und die vergiftete Debatte

Wer hat hier"Neger" gesagt?

Frank Plasbergs Rückkehr aus der Sommerpause mit “Hart aber fair” erhält ungewöhnlich viel mediale Aufmerksamkeit. Allerdings nicht wegen der in weiten Teilen konstruktiven Diskussion zum allgegenwärtigen Thema Flüchtlinge, sondern wegen eines dummen Patzers des bayerischen Innenministers Joachim Herrmann, der das Un-Wort “Neger” in den Mund genommen hat.

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“Neger!”, er hat “NEGER!” gesagt, kreischt es seither im so genannten Social Web und in traditionellen Medien unisono. Der digitale wie analoge Shitstorm auf Herrmanns zugegebenermaßen bestenfalls extrem ungeschickte Äußerung übertönte sofort alles, was sonst noch in dieser Sendung gesagt wurde. Der Eklat, nach dem alle ständig gieren war mal wieder da.

Worum ging es eigentlich? Moderator Frank Plasberg konfrontierte die Talkrunde mit einem Einspielerfilm, in dem drei fremdenfeindlich-dümmliche Aussagen von Leuten dokumentiert wurden. Ein Konfliktforscher ordnete diese Aussagen anschließend im Film ein. Eine Aussage kam von einem lederbehosten Bayer, der sagte wörtlich:

“Die Neger, ich sage die Neger, auf bayrisch, die Neger?”

Reporter: “Das ist bayrisch? Okay?”

“Bayrisch, bayrisch ausgedrückt. Die können nicht hierbleiben. Die passen nicht zu uns. Ganz einfach. Es ist so.”

Herrmann bezeichnete die Aussagen des Bayern daraufhin als “Unfug”. Die Diskussion ging ein wenig weiter. Focus-Chefredakteur Ulrich Reitz warf dann ein, er hätte eine passende Replik auf “den Bayern” gehabt und begann über positive Integrationsgeschichten in Deutschland zu sprechen. Da fiel im Herrmann ins Wort und sagte den verhängnisvollen Satz:

Roberto Blanco war immer ein wunderbarer Neger, der den meisten Deutschen wunderbar gefallen hat.

Im ZDF-”Morgenmagazin” wurde er auf den folgenden Shitstorm angesprochen. Herrmann erklärte die Äußerung damit, sie sei eine direkte Reaktion auf den vorangegangenen Einspieler gewesen. Das war – naja – so halb richtig. Wenn man es gut mit Herrmann meint, kann man ihm unterstellen, dass er sich tatsächlich auf den Einspielfilm bezogen hat – immerhin sprach Reitz in dieser Szene auch von dem Einspieler. Allerdings war die Diskussion zu diesem Zeitpunkt schon wieder weitergelaufen.

Wenn man es böse mit Herrmann meint, kann man ihm unterstellen, dass der unbedachte Gebrauch des Tabu-Wortes “Neger” einen tiefsitzenden Rassismus bayerischer Prägung offenlegt. Will man ihm gar nichts unterstellen und glaubt, dass das Wort Neger tatsächlich noch von dem Einspieler in seinem Kopf war und von dort den Weg über den Mund nach draußen gefunden hat, dann ist Herrmann ganz banal ein Landespolitiker, der in einer TV-Talkshow ungeschickt agiert hat. So etwas soll es geben.

Damit hat er den Skandal-Eklat-Trigger ausgelöst, auf den bei solchen TV-Talks mittlerweile gewartet wird, um die Quoten/Klick/Auflagenmaschine ordentlich zu schmieren. Genauso wie neulich, als Til Schweiger bei “Menschen bei Maischberger” zum CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer blökte, dieser gehe ihm “auf den Sack”. Das mit dem “Neger” ist für die Meute natürlich noch feineres Futter, weil es das Klischees vom tumben, bayerischen Provinz-CSU’ler so trefflich bedient. Ranga Yogeshwar, der von den meisten vermutlich als positive und des Rassismus gänzlich unverdächtige Identifikationsfigur wahrgenommen wird, leistete sich noch vor Herrmann übrigens auch einen sprachlichen Patzer in der Sendung als er Flüchtlingslager als „Konzentrationslager“ bezeichnete. Ist Yogeshwar darum ein Nazi? Sicher nicht. Kann in einer Live-Sendung eine ungeschickte Formulierung fallen? Aber ja! Hätte es einen Shitstorm gegeben, wenn statt Yogeshwar ein CSU-Politiker versehentlich „Konezntartionslager“ gesagt hätte? Wer weiß.

In der Runde fiel das N-Wort Herrmanns jedenfalls sofort auf. Reitz grinste, Plasberg sagte “Holla”, Ranga Yogeshwar warf ein, dass sogar er mal als “Neger” bezeichnet worden ist. Da griff Plasberg ein und lenkte die Diskussion schnell wieder weg vom bösen N-Wort. Aber alle Ablenkung war vergeblich. Der Rest der Talksendung war ab diesem Zeitpunkt nur noch die Staffage für den Neger-Zwischenfall. Die Sozialdezernentin aus Königswinter, die vor Ort unter chaotischen Bedingungen hervorragende Arbeit leistet. Die allgemeine Zustimmung, was die bedingungslose Aufnahme von Kriegsflüchtlingen betrifft. Die in weiten Teilen konstruktive Diskussion, wie mit den so genannten “Wirtschaftsflüchtlingen” aus Balkan-Staaten umgegangen werden könnte. All dies wurde überlagert von dem Wort “Neger”.

Wie schon die Maischberger-Sendung neulich so kann auch diese “Hart aber fair”-Ausgabe als Beispiel dafür herhalten, warum eine sinnvolle öffentliche Debatte so schwierig geworden ist. Fehler, Ausbrüche, jede Abweichung von der Norm wird in Medien – sozialen wie sonstigen – sofort gnadenlos aufgegriffen, verstärkt und durch den Wolf gedreht. Was folgt ist sind Hohn und Häme in den in immer kürzeren Abständen auftretenden Shitstorms auf der einen und eine Un-Kultur der wabbeligen Political-Correctness-Sprache auf der anderen Seite. Erfolgreich auf der öffentlichen Bühne ist, wer am wenigsten Angriffsfläche bietet. Vermutlich ist die Kanzlerin darum so beliebt.

Wobei. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel durfte unlängst eine Art Shitstorm am eigenen Leib erfahren, und zwar wegen ihrer unbeholfenen Art, ein Mädchen mit Migrationshintergrund zu trösten. Es scheint mittlerweile fast egal, ob man “Neger” sagt oder sich in einer emotional schwierigen Situation nicht sofort perfekt verhält – die öffentliche Meute sucht unablässig nach Fehlern, nach emotionalen Schwachstellen. Ist der potenzielle Shitstorm gewittert, wird sofort getwittert. Diese Art und Weise der Auseinandersetzung vergiftet zunehmend die öffentliche Debatte.

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