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Medien-Ethiker kritisieren Schock-Foto aus Flüchtlings-Lkw: „Dreister Verstoß gegen Grundsätze des Journalismus“

71 Tote wurden in einem LKW an der Autobahn in Österreich gefunden. Einige Medien veröffentlichten ein Foto, das die Leichen zeigt Verpixelung von MEEDIA

Mit der Veröffentlichung eines Fotos, das tote Flüchtlinge zusammengepfercht im Laderaum eines Kühllasters zeigt, hat die österreichische Kronen Zeitung eine Mediendiskussion entfacht. Auch Bild hat die Aufnahme als „Foto der Schande“ und „Dokument der Zeitgeschichte“ am Sonnabend publiziert, Spiegel TV zeigte das unverpixelte Bild am Sonntag im Rahmen seiner Magazin-Sendung auf RTL. Der Presserat wird sich aufgrund bereits eingegangener Beschwerden mit der Angelegenheit befassen. Ist die Veröffentlichung legitim oder nicht? MEEDIA hat Medienethik-Experten dazu befragt.

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Jessica Heesen

Dr. Jessica Heesen, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW), Erste Sprecherin Kommunikations- und Medienethik bei der DG Puk:

„Natürlich ist das Veröffentlichen der Fotos der verstorbenen Flüchtlinge medienethisch nicht in Ordnung. Sie widersprechen dem Gebot, der Würde der Opfer entsprechend zu berichten und dementsprechend eine angemessene, nicht-sensationelle (Bild-)Berichterstattung zu praktizieren. Dazu äußert sich auch der Pressekodex, dem die Veröffentlichung der Fotos widerspricht.

Hier rechtfertigend von einem „Dokument der Zeitgeschichte“ zu sprechen, erscheint scheinheilig. Was sind die Kriterien für solch ein Dokument? Der nächste Schritt von Bild und Kronen-Zeitung wird vermutlich sein, auf die Bilder der Toten aus den Konzentrationslagern zu verweisen, um eine Parallele herzustellen. Hier geht es im Gegensatz zum Holocaust jedoch nicht darum zu dokumentieren, dass ein Verbrechen stattgefunden hat – das ist im Falle der Flüchtlinge unbestritten und wohl jeder kann sich die Qualen der betroffenen Personen auch ohne Bild vorstellen – sondern gerade im Kontext der sonstigen Redaktionslinien ist deutlich, dass es hier vor allem um eine Auflagensteigerung geht.“

Marlis Prinzing

Dr. Marlis Prinzing, Professorin für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Köln, stellt das LKW-Foto gegenüber den Bildern aus dem Südvietnam 1968, die „Dokumente eines Kriegsverbrechens während des Vietnamkriegs“ darstellen.

„Pflichtethisch betrachtet hätte man solche Bilder dem Publikum nicht zumuten dürfen, weil es nicht zu einem allgemeinen Gesetz erhoben werden sollte, Leichenbilder anschauen zu müssen. Folgenethisch ließ sich hingegen die Zumutung rechtfertigen. Denn nur so konnte man die amerikanische Öffentlichkeit aufrütteln. (…) Bilder wie diese konnten einen Schock auslösen, durch den die Zustimmung zu diesem Krieg rapide abnahm und mittelbar die Regierung dazu gedrängt werden konnte, den Krieg und damit auch solche Gräuel zu beenden.

Beim fotografischen Blick auf die Leichen von Flüchtlingen in dem Lkw ist die Grauzone breiter: Denn hinter uns liegen zahllose Berichte über Flüchtlingstragödien im Mittelmeer – das Thema ist bekannt, da muss nicht mehr aufgerüttelt werden, ich erhalte keine zusätzliche Information durch den Blick in den Transporter und auch nicht wirklich einen Beleg. (…)

Es lässt sich zwar argumentieren, dass nun jeder sehen kann, dass sich diese Tragödie nicht „irgendwo im Mittelmeerraum“ abspielt, sondern mitten unter uns.

Ich persönlich hätte das Bild aber nicht veröffentlicht; aus meiner Sicht lässt es sich nicht durch die Überschrift „Bild der Schande“ (Bild-Zeitung) rechtfertigen, unter die recht undifferenziert ganz Verschiedenes gepackt wird: Elend, Politik, Schlepper. (…) Der Blick in den Lkw gibt den Blick frei auf Opfer eines Kapitalverbrechens; deshalb hätte ich reagiert wie bei anderen Kapitalverbrechen, und würde nicht Opferbilder zeigen, sondern beispielsweise Einsatzkräfte.“

Alexander_filipovic

Dr. Alexander Filipovic ist Professor am Lehrstuhl für Medienethik an der Hochschule für Philosophie in München:

„Die Veröffentlichung des Fotos ist ein moralischer Verstoß. Ein Grund dafür liegt in der Würde der Toten: Auch wenn man ihre Gesicht nicht sieht, wird eine Ablichtung in derartiger Situation der Würde der Personen nicht gerecht. Schaden nimmt die Würde der abgelichteten Personen, Schaden nimmt damit auch die Würde des Menschen, unsere Würde, die in allem zu schützen ist.  Der wichtigste Grund, warum die Publikation des Bildes einen ethischen Verstoß darstellt, liegt meines Erachtens aber vor allem darin, dass Menschen, die solch grauenhafte Dinge nicht sehen wollen, damit ungeschützt konfrontiert werden. Besonders Kinder und Jugendliche, die an vielen Stellen Zugriff auf die Boulevardblätter haben, sehen sich das an, schauen beim Umblättern doch hin. Wie viele Erwachsene haben Kinder und Jugendliche begrenzte oder zu wenige Möglichkeiten, das zu verarbeiten und können Schaden nehmen.

Das Argument, dass es sich bei dem Foto um ein Dokument der Zeitgeschichte handelt und die Realität des Flüchtlingsleids schonungslos darstellt und insofern wichtig ist, ist aber nicht von der Hand zu weisen. Die vielen Todesfälle der derzeitigen Flüchtlings-Katastrophe finden fern von uns und mit wenigen Dokumenten statt; das Bild dokumentiert schonungslos, wie es einigen Flüchtlingen ergeht, mit welchen Verbrechern wir es in der Schleuserszene zu tun haben und was diesen Leuten ein Menschenleben wert ist. Dennoch: Das Bild anzusehen, übersteigt unsere Fähigkeiten, mit dem Unmenschlichen umzugehen. Es motiviert nicht zum Handeln, nicht zum Einsatz für die Flüchtlinge. Das Bild bewegt zum Wegschauen, es lähmt durch das Grauen. Daher gehört es nicht in die Zeitung, nicht ins Fernsehen. Sehr wohl aber gehört es in die Unterlagen der Politiker, die versuchen müssen, das tägliche Drama zu verhindern. Wir sollten solche Fotos nicht brauchen, um selber tätig zu werden, Leid zu mildern und Druck auf Politiker auszuüben, noch mehr in die Beseitigung der Lage zu investieren.“

Tobias Eberwein

Dr. Tobias Eberwein, Professor am Institut für Journalistik TU Dortmund, Dozent an der Hamburg Media School und an der Österreichische Akademie der Wissenschaften tätig:

„Die Verwendung dieses Fotos ist ein dreister Verstoß gegen die berufsethischen Grundsätze des Journalismus. Die Wahrung der Menschenwürde wird im Pressekodex als eines der obersten Gebote des Journalismus hervorgehoben. Das gilt natürlich auch und ganz besonders bei der Berichterstattung über Opfer von Straftaten, weil diese sich häufig nicht mehr gegen die Berichterstattung wehren können. Kronen-Zeitung und Bild argumentieren, das Foto sei ein Dokument der Zeitgeschichte — und ohnehin seien die Opfer nicht identifzierbar.

Der Verdacht liegt jedoch nahe, dass mit der Veröffentlichung in erster Linie Sensationsinteressen bedient werden, die sich ethisch in keinster Weise rechtfertigen lassen. Es ist kaum verwunderlich, dass sich innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl von Lesern bei den Presseräten in Deutschland und Österreich über die Berichterstattung beschwert hat. Auch von Seiten der Selbstkontrolleure sind kritische Urteile zu erwarten. Besonders bedenklich ist der Umstand, dass bislang offenbar unklar ist, wie die Fotos überhaupt entstehen konnten — und wie sie dann den Weg in die Boulevardpresse gefunden haben. Auch dazu sind weitere Nachforschungen notwendig, die bei der Beurteilung durch die Presseräte zu berücksichtigen wären.“

Lesen Sie hier, welche Gründe Bild-Online-Chef Julian Reichelt für den Abdruck des Leichenfotos anführt und wieso sich andere Chefredakteure gegen eine Veröffentlichung entschieden haben.

(ms)

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