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„Hauptsache, es gibt ein paar auf die Fresse“: Oliver Pocher im Gespräch mit Heidenauern

Oliver Pocher spricht mit drei jungen Männern aus Heidenau

Oliver Pocher ist nach Heidenau gefahren, um sich „ein eigenes Bild“ von den Menschen dort zu machen. Diese sprechen tatsächlich mit ihm – offen und vor der Kamera. Dabei fallen zum Teil erschreckend ehrliche Sätze, doch Oliver Pocher kann sich nicht recht entscheiden, was er eigentlich will: Klamauk oder einen ernsten Dialog.

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Joko & Klaas haben es getan, Jan Böhmermann auch und Til Schweiger sowieso – immer mehr Prominente positionieren sich deutlich gegen Fremdenfeindlichkeit und für Toleranz. Auch Oliver Pocher bezieht nun Stellung: „Für mich ist es nach den unsäglichen Ereignissen in unserem Land selbstverständlich, vom Sofa aufzustehen und klarzustellen, dass gerade in Deutschland alle Menschen in Not willkommen sind“, verkündete er. Er ist er nach Heidenau gefahren und hat mit den Bewohnern der Stadt gesprochen, in der Nazis vor einem Asylbewerberheim randalierten.

Will Oliver Pocher lustig sein oder in einen ernsthaften Dialog treten?

Sein Ansatz ist zunächst durchaus sinnvoll. Er will nicht nur „schlaue Sprüche bringen“, sondern sich selber vor Ort eine Meinung bilden. Dafür nimmt er seinen Freund Nana mit nach Heidenau, der aus Afrika stammt, aber in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, und gibt ihn als Flüchtling aus. Er befragt die Heidenauer nach ihren Meinungen zu den Asylbewerbern und veröffentlichte die Ergebnisse in zwei Videos auf seinem YouTube-Channel.

Schnell stellt sich die Frage: Was will Oliver Pocher erreichen? Will er lustig sein? Oder in einen ernsthaften und kritischen Dialog treten? So recht kann er sich nicht entscheiden – und ist auf beiden Ebenen nur leidlich erfolgreich. So ist er ist derjenige, der sich selbst offensichtlich am lustigsten findet und kichert – ganz der Klassenclown, den er seit Jahren verkörpert – ins Mikro, wenn er eine Postbotin fragt, wo denn die „Pack-Station“ sei. Wirklich witzig ist das nicht.

Pochers Vorteile gegenüber der „Lügenpresse“

Doch es gibt durchaus auch überraschend gute Momente. Denn Pocher hat einen großen Vorteil gegenüber der Journalisten: Die Menschen, die er befragt, fühlen sich von ihm nicht bedroht, weil sie ihn nicht der „Lügenpresse“ zuordnen. So zum Beispiel drei Jungmänner, die sich die Demos vor der Flüchtlingsunterkunft „einfach mal anschauen“ wollen. Die drei fühlen sich im Gespräch mit dem Comedian sichtbar wohl, grinsen, scherzen und sprechen offen und ungehemmt. „Wir sind ja nicht dagegen. Wir sind neutral“, erklären sie auf die Frage, ob sie ebenfalls randalieren würden. Pocher bohrt weiter: „Das funktioniert aber nicht. Wenn du guckst und dann aber nichts sagst, ist das wie Mitmachen.“ Einer der jungen Männer erklärt sich: „Aber in Heidenau, weißte, da ist ja nie was los. Und durch die Demos ist eher was los, weißte? Und dann geht man trotzdem hin, auch wenn man neutral ist.“ Sein Freund ergänzt: „Ja, ich hab auf Beef gehofft. Mich stören die Asylanten null, gar nicht.“ Pocher unterbricht: „Aber Hauptsache, es gibt n paar auf die Fresse?“ Die drei nicken: „Ja, genau.“

Solche Sätze hätten viele Journalisten nur schwer oder gar nicht aus den Männern herausholen können, doch leider geht Pocher danach wieder dazu über, sich über die drei lustig zu machen und sie bloßzustellen, ohne dass sie es merken. Das ist keine große Leistung, schließlich haben sie ihm mehr als eine Steilvorlage geboten, und stellt einen zu harten Bruch zu den erschreckend ehrlichen Antworten dar.

Politische Fakten und Argumente fehlen

Der zweite Teil der „Mission Pocher“ ist (noch) problematischer als der erste: Das Video besteht zu 90 Prozent aus plumpen Witzen – und zwar nicht nur über die Leute vor seiner Kamera und deren Äußerungen, sondern über die Stadt Heidenau und die Sachsen selbst.

Auch scheitert Pocher an einer Diskussion zur aktuellen politischen Lage: Ein Mann erklärt ihm, dass die Flüchtlinge zurück sollen, da sie ja von seinen Steuergeldern leben würden: „Die zocken uns ab.“ Die Fakten und Argumente fehlen, hier hätte Oliver Pocher die Chance gehabt, Aufklärungsarbeit zu leisten – und verpasst sie. Stattdessen bittet er den Heidenauer, seinem dunkelhäutigen Freund einen deutschen Satz beizubringen. Es wird: „Arbeiten gehen.“ Wenn Oliver Pocher nicht weiter weiß, muss es lustig werden.

Pocher gerät in den Gesprächen offensichtlich an seine Grenze und verschenkt damit an viele Stellen die Möglichkeit zum echten Dialog. Denn immerhin reden die Menschen mit ihm. Dass er im Gespräch mit einem älteren Mann betont, die Flüchtlinge seien doch alle Menschen und die DDR-Bewohner ja schließlich selber geflohen, ist natürlich richtig und wichtig, doch es geht angesichts der offensichtlichen Unkenntnis vieler Menschen nicht weit genug.

Oliver Pocher eigenes Fazit: „Ich fand’s einfach wirklich interessant.“ Er appelliert an seine Zuschauer: „Dialog immer wieder gerne, doch Gewalt ist definitiv keine Lösung.“ Für mehr Dialoge und konstruktive Gespräche müsste er sich jedoch vom Klamauk verabschieden. Und die Frage ist, wie viel dann übrig bleibt.

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