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Von Wutbürgern und Gutmenschen – warum Politik und Medien mit der Hass-Kultur ganz gut leben können

Der “Tagesthemen”-Kommentar von Anja Reschke und die Äußerungen von Til Schweiger bei Facebook haben im Netz eine Flut an Kommentaren nach sich gezogen. Dabei gibt es einerseits viel Beifall für die “klaren Worte” der öffentlichen Personen, die sich für die Belange von Flüchtlingen einsetzten. Andererseits bricht der Hass auf das Fremde hervor. Zwischentöne finden kaum noch Gehör. Das ist ein Problem – für die Politik, die Gesellschaft und die Medien.

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Man kann in Redaktionen die Uhr danach stellen: Wird irgendetwas zu den Themen “Flüchtlinge” oder wahlweise “Islam”, “Genderfragen” oder “Ukraine” veröffentlicht, ist den Artikeln und Beiträgen eine große Aufmerksamkeit und eine Flut an Kommentaren sicher. Bis tief in die Nacht hinein liefern sich Foristen teils wirre Wort-Duelle in den Kommentarspalten und bei Facebook. Der Volkszorn kocht online augenscheinlich gerade besonders leicht über.

Dabei gibt es zwei Fraktionen, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Nennen wir sie – gnadenlos vereinfachend und unfair polemisch – die Wutbürger und die Gutmenschen.

Die Wutbürger sind tendenziell der Auffassung, dass das berühmte Boot voll ist, Deutschland hat schon mehr als genug getan, die Griechen sollen raus aus dem Euro und es gibt eine Verschwörung der USA, der Bundesregierung und der Mainsstreammedien, um die Menschheit im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen allesamt schwul/lesbisch zu machen und Wladimir Putin als dumm-aggressiven August dastehen zu lassen.

Die Gutmenschen auf der anderen Seite möchten, dass Deutschland eine Willkommenskultur lebt. Auch Wirtschaftsflüchtlinge sollen hierzulande mit offenen Armen empfangen werden, es handelt sich schließlich auch um Menschen, denen es nachweislich schlecht geht in ihrem Herkunftsland. Sonst würden sie ja nicht nach Deutschland kommen, logisch. Die Gutmenschen argumentieren gerne, dass der Wirtschaftsriese Deutschland noch viel mehr tun könne und dass es gerade Deutschland mit seiner besonderen historischen Last (Hitler!) gut zu Gesicht stünde, sich hier als Vorbild zu zeigen.

Wie so oft bei recht einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnungen beschleicht einen der Verdacht, dass die Wahrheit grau daherkommt. Will heißen: Beide Meinungslager haben teilweise Gründe für ihre Auffassungen. Die sich selbst permanent verstärkende Flut an Schwarz-Weiß-, Gut-Böse-Äußerungen im Web macht es aber zusehends schwierig bis unmöglich, dass Argumente der jeweils anderen Seite durchdringen. Zwischentöne werden überhört. Anja Reschkes Kommentar in den “Tagesthemen” war mit der gewollt provokanten Eingangs-Hypothese (“Was wäre wenn ich hier jetzt öffentlich sage, Deutschland soll auch Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen …”) gewiss gut gemeint. Aber “gut gemeint” ist in vielen Fällen halt immer nah dran an “schlecht gemacht”. Sie hat eben gerade nicht gesagt, dass Deutschland Wirtschaftsflüchtlinge aufnehmen soll, sondern es bei einem hypothetischen Gedankenspiel belassen. Sie hat auch nicht nicht näher ausgeführt, wie denn eine Eingliederung von Wirtschaftsflüchtlingen geregelt werden sollte. Nimmt man den Vorschlag von der Einwanderung von Wirtschaftsflüchtlingen ernst, muss man auch bereit sein, über Quoten und Grenzen zu sprechen. Das wiederum ist im linken Lager nicht sehr beliebt, weil es dem landläufigen Bild der “Willkommenskultur”, in der eben jeder willkommen ist, zuwiderläuft.

Andererseits müssten konservative Kreise in einem solchen Fall endlich einmal ernsthaft über ein Einwanderungsgesetz sprechen, das eben solche Quoten, Grenzen und Verfahrenfür eine Zuwanderung auch für Wirtschaftsflüchtlinge regelt. Das Wort “Einwanderungsgesetz” scheut die CDU/CSU aber fast ebenso sehr wie das Wort “Homo-Ehe”. Man ist im konservativen Lager offenbar der Meinung, schon weit genug nach links gerückt zu sein – die SPD hat zwischen der Merkel-CDU und der Linken ohnehin schon Dauer-Schnappatmung.

So lassen beide Lager ihre Klientel lieber im Glauben, dass sie sich nicht aus ihren schwarzen-, bzw. weißen Ecken wegbewegen müssen. Die Gutmenschen träumen weiter von der grenzenlosen Willkommenskultur. Die Wutbürger finden im Fremden den Sündenbock für alles Mögliche und pflegen ihre Ressentiments.

Durch soziale Medien wie Facebook wird der Hang zum Extremen, zu Schwarz oder Weiß gefördert und verstärkt. Dies ist das Prinzip der Vernetzung. Politik und Medien gelingt es offenbar nicht, diesen Teufelskreis aufzubrechen. Schlimmer noch: Es wird größtenteils gar nicht erst versucht und es ist offenbar auch nicht gewollt. Die Parteien fürchtet um ihre Stammwähler. Ein zu differenziertes Agieren spielt neuen politischen Kräften an den Rändern Wähler zu (AfD, Linke) – so denken mutmaßlich die Policy-Strategen in den Parteien. Die Medien wiederum merken, dass sich mit Schwarz-Weiß mehr Klicks/Auflage/Quote machen lässt als mit langweiligem Grau. Zumindest im Moment fahren die Beteiligten aus Medien und Politik nach dieser kurzsichtiger Denke also besser mit dem hässlichen Status quo. Es muss vermutlich alles erst noch schlimmer werden, bevor es besser werden kann. So ist die Natur des Menschen.

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