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Störfaktor Leser, Störfaktor Volk: Medien und Politik im selbstgewählten Teufelskreis

Die Ereignisse rund um die Griechenlandkrise lassen Wahlvolk und Publikum weitgehend ratlos zurück. Die Vertrauenskrise der Politik, die wir hier erleben, weist frappierende Ähnlichkeit mit der Vertrauenskrise der Medien auf. Politische und mediale Klasse haben sich in einen Teufelskreis hineinmanövriert.

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Dem staunenden Beobachter erschließen sich die Feinheiten der Griechenland-Krise schon lange nicht mehr. Griechenland soll noch mehr sparen, damit Hilfszahlungen bewilligt werden können. Mit dem Geld sollen dann aber erst einmal alte Kredite zurückgezahlt werden (IWF! EZB!) und der Rest der neuen “Hilfszahlungen” geht dann womöglich als Eigenkapital für ein versprochenes Investitionsprogramm drauf, das bis 2020 laufen soll. Am Ende wären wieder ein paar Milliarden hin und her geschoben worden, die Griechen hätten mehr Schulden auf dem Konto, aber die Lage wäre weitgehend die gleiche wie vorher. Zeit für den nächsten Krisengipfel und das nächste “Hilfspaket”. Es ist ein Teufelskreis.

Versteht diese Logik des Geldes noch jemand außerhalb des europäischen Apparates? Was ist mit den Journalisten, deren Job es wäre, Zusammenhänge zu erklären und kritisch zu begleiten? Nehmen wir einen Mann wie Rolf Dieter Krause von der ARD. Er saß von 1990 bis 1995 in Brüssel. Seit 2001 sitzt er wieder dort, als Leiter des ARD-Studios. Der Mann mit Schnäuz und Halstuch ist wegen der Dauer-Krise in Griechenland derzeit in der ARD im Dauereinsatz. Wenn Krause in einer Talkshow auftritt, hat man als Zuschauer das Gefühl, dass da der Pressesprecher der EU-Technokratie zugeschaltet wurde. Die griechische Regierungspartei Syriza solle man “zum Teufel jagen”, schimpfte Krause neulich bei “Hart aber fair”. Ein Journalist als politischer Hardliner, vollumfänglich auf Regierungslinie.

Nach vielen, vielen Jahren in Brüssel ist es vielleicht sogar verständlich, dass man das, was da beschlossen und beredet, wird für normal und zwingend logisch hält. Eigentlich sollte es das aber nicht sein.

Die Zeit analysierte neulich in einer großen Titelstory den Vertrauensverlust der Medien in der Bevölkerung. Laut einer Umfrage hat die Mehrheit der Bevölkerung in wichtigen Themen unserer Zeit kein Vertrauen mehr in die Berichterstattung der Medien. Folgt man der Zeit, sind daran weniger die Krauses dieser Welt schuld, sondern das Publikum und Satire-Shows im Fernsehen.

Im Interview mit MEEDIA sagte der Schweizer Journalist Ronnie Grob diese Woche:

Das aktuell große Metathema ist der Vertrauensverlust der Medien. Dieses Problem wird immer noch unterschätzt, dabei ist es sonnenklar: Journalisten, deren Arbeit kein Vertrauen mehr erweckt, sind obsolet. Nehmen wir die Titelgeschichte der “Zeit” kürzlich zur “Lügenpresse”: Ich hatte nach der Lektüre den Eindruck, das größte Problem der Journalisten seien Leser, die sich nicht angemessen verhalten. Und nicht etwa Journalisten, denen die Leser nicht mehr vertrauen.

In der genannten Zeit-Geschichte wurde die Leserschaft, die sich vor allem über die Sozialen Medien des Internets Gehör verschafft, als “fünfte Gewalt” bezeichnet. Diese “fünfte Gewalt”, so die Zeit, sei aber leider unzuverlässig. Sie liefere “auch keine verlässliche Einordnung des Weltgeschehens”. Genau da haben wir das Problem: Das tut die “vierte Gewalt” auch nicht mehr! Bei der Aufgabe, komplizierte, wichtige Dinge zu erklären, scheitern die Medien in Serie. Die Liste an Fehlern und Desinformationen bei der Berichterstattung zur Ukraine- und Griechenland-Krise sind endlos. Es ist nicht die “fünfte Gewalt”, die hier zu allererst versagt, sondern es sind wir, die Medien.

Die Zeit schreibt auch:

Weil eine Prüfung der Fakten im Netz nicht stattfindet, in der kurzen Zeit der Vervielfältigung auch gar nicht stattfinden kann, verbreiten sich seriöse Recherchen und Verschwörungstheorien im selben Tempo, mit demselben Anspruch auf Wahrheit.

Leider ist oft das Gegenteil der Fall. Medien verbreiten Halbgares bis Unwahres, “Echtzeit-Journalismus” allerorten und im Netz findet nachträglich oft ein Faktencheck statt, die die Berichterstattung der Medien Lügen straft. Ob die Medien dabei aus Schlamperei, Unwissen oder böser Absicht fehler- und lückenhaft berichten, ist für den Effekt am Ende egal. Unterm Strich steht immer: Lügenpresse. Das ist auf Dauer schädlich und gefährlich.

Ein aktuelles Beispiel ist der Live-Bericht des ZDF-Athen-Korrespondenten Alexander von Sobeck. In dem Bericht wurde eine Demonstration von Anhängern der Regierungspartei Syriza als Demonstration von Syriza-Gegnern ausgegeben (Stefan Niggemeier hat dies in seinem Blog ausführlich dargestellt).

Das ZDF hat die Falschberichterstattung in der Korrektur-Rubrik, die auf der heute-Website ein Mauerblümchen-Dasein führt, unverständlich “korrigiert”.

Hier haben wir eine wesentliche Gemeinsamkeit von Politik und Medien: Angehörige beider Kasten glauben offenbar, sie können es sich nicht leisten, Fehler wirklich zuzugeben. Kein Politiker würde öffentlich erklären, sich in einer wichtigen Frage geirrt zu haben. Bei Medien ist es ähnlich. Transparenz und Fehlerkorrektur wird in den allermeisten Fällen nur in homöopathischer Dosierung oder gleich komplett als Placebo verabreicht.

Dabei ist es ein Allgemeinplatz, dass Fehler und Fehleinschätzungen gerade bei komplizierten Themen unausweichlich sind. Die Redaktion von ARD Aktuell erklärt dann im “Tagesschau”-Blog gerne mal, warum ein dummer, kleiner Fehler passiert ist, man im großen und ganzen aber doch eigentlich alles wieder superrichtig gemacht hat. Beim ZDF “korrigieren” sie ihre Fehler nun in einer Mini-Rubrik ganzen unten auf der heute.de-Startseite.

Regelmäßige Korrektur-Spalten oder -Rubriken finden sich bei kaum einem großen Medium. Die Zeit versucht es nun mal wieder mit einem speziellen Blog, in dem Leserkritik aufgenommen wird und auch Fehler thematisiert werden sollen – man darf gespannt sein. Bisher war die Zeit jedenfalls auch nicht direkt durch einen überbordenden Hang zur Selbstkritik auffällig geworden.

Noch etwas, in dem Politik und Medien erkennbar schlecht sind: erklären. Bei all den Artikeln und unzähligen Talkshows zum Thema Griechenland, kreisen wir seit Monaten um die immergleichen Fragen und Behauptungen. Wurden mit den ganzen Hilfs-Milliarden (fast) nur die Banken gestützt und ist bei der griechischen Bevölkerung wirklich nichts angekommen? Oder war die Bankenrettung in Wahrheit auch eine Maßnahme für die “kleinen Leute”? Stimmt es, dass Portugal und Rumänien so viel mehr gespart haben und nun selbst für die Griechen-Rettung zahlen müssen? Hat die Tsipras-Regierung seit Amtsantritt wirklich gar nichts gemacht? Wer hat wen “erpresst”? Ist der IWF nun für oder gegen einen Schuldenschnitt?

Fragen wie diese tauchen immer und immer wieder auf. Wäre es nicht eine gute Idee der Bundesregierung gewesen, zum Beispiel eine Info-Seite mit Fakten zur Griechenland-Krise ins Internet zu stellen, auf der Haltung und Maßnahmen der deutschen Politik erklärt werden. Am besten auch noch auf Englisch und Griechisch? Und warum kommt nur die kleine, links-alternative taz auf die gute Idee, aktuelle Texte zu Griechenland auch auf Englisch und auf der internationalen Plattform Medium.com zu veröffentlichen?

Die politische Klasse hat in Sachen Kommunikation und Legitimation ganz ähnliche Probleme wie die Medien. Dass der griechische Staatschef Alexis Tsipras auf die Idee kam, das Volk zu befragen, versetzte den EU-Apparat kurzzeitig in eine Art Schockstarre. Wie kann der nur!? Dem Volk wird in EU-Kreisen eher wenig Urteilskraft zugetraut, so scheint es. Man hat Angst vor Populismus und vor Entscheidungen, die nicht in die politische Agenda passen (hätte man in den Euro-Ländern jeweils das Volk gefragt, hätten wir womöglich gar keinen Euro).

Volksbefragungen sind unbequem. Mindestens ebenso unbequem wie Leser oder Zuschauer, die sich erdreisten, das Geschriebene oder Gesendete plötzlich zu hinterfragen und öffentlich zu kritisieren. Natürlich gibt es auch die unsachliche Pöbelei und den ganzen Hass im Web. Diese negativen Vibrations können doch aber keine Entschuldigung dafür sein, sich mit dem Volkswillen und berechtigter Kritik nicht auseinanderzusetzen.

Die Politik fürchtet den Populismus, der hinter einer Volksbefragung lauert. Die Medien schrecken vor zu viel Transparenz und einer echten Fehlerkultur zurück – vermutlich auch, weil sie fürchten weniger glaubwürdig zu werden, wenn sie ihre Fehler in vollem Umfang zugeben. Beide Handlungsweisen haben aber interessanterweise den gegenteiligen Effekt: Indem die Politik das Volk aussperrt, schürt sie gerade den Populismus und die Wähler-Verdrossenheit, die sie gerne vermeiden würde. Indem Medien versuchen, ihre Fehler zu vertuschen, machen sie sich unglaubwürdiger. Es ist ein Teufelskreis.

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