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Größte Herausforderung für stern Crime? „Nicht zu blutrünstig und boulevardesk zu werden“

Story-Spürnase: stern-Vize Giuseppe di Grazia ist der Mastermind hinter dem neuen Crime-Heft

Vom Feeling her hat er ein gutes Gefühl: Am Samstag bringt der stern die erste Ausgabe seines neuen zweimonatlichen Crime-Ablegers an die Kioske. Bereits im Vorfeld beobachtete der verantwortliche Macher, stern-Vize Giuseppe di Grazia, „eine Begeisterung“, wie er sie „selten bei uns im Haus erlebt hat“. Im Interview mit MEEDIA erklärt er, warum gerade Frauen so gerne über Verbrechen lesen und das es hierzulande noch nie ein ähnliches Heftkonzept gab.

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Erster Eindruck: Das Cover erinnert von der Stimmung her an „Twin Peaks“
Sie sind nicht der Erste, der das sagt. Wenn man ein neues Magazin macht, dann fragt man sich während der Entwicklungs- und Produktions-Phase immer: Was packen wir aufs Cover? Hier war es genau anders herum. Herausgeber Christian Krug und ich, sowie das ganze Team waren gleich von dem Bild und der Geschichte so fasziniert, dass wir wussten: Das muss auf den Titel. Vor allem die Frauen, die das Bild gesehen haben, waren sofort begeistert.

Stern_CrimeCover

Frauen sind gleich das richtige Stichwort. In der ersten Kommunikation war immer die Rede von einer weiblichen Zielgruppe. Zumindest auf den ersten Blick sieht stern Crime jetzt aber nicht wie ein Frauen-Heft aus?
Da stellt sich natürlich die Frage: Was ist ein Frauen-Heft?

Gute Frage. Erstaunlich war nur, dass der weibliche Aspekt in der Kommunikation so in den Vordergrund gestellt wurde.
Aus Leserbefragungen wissen wir seit vielen Jahren, dass die Geschichten über Verbrechen, die Artikel sind, die die weiblichen Leser beim stern am meisten lesen und in Erinnerung behalten. Generell wollen Leser und Leserinnen Krimifälle, aber keine allzu blutige Bebilderung. Das war die gestalterische Herausforderung, vor der wir standen.

Dabei gibt es von Verbrechen selten gute Bilder?
Das stimmt. Man ist als Reporter ja nie live dabei. Wir haben es entweder mit Fotos von leblosen Tatorten zu tun oder mit Bildmaterial, das die Familien uns zur Verfügung stellen. Ein Krimifall ist für jeden Art-Direktor eine der größten Herausforderungen. Die Kunst besteht darin, die Tatorte oder deren Umgebung so zu fotografieren, dass sie die Stimmung einfangen. Wir spritzen optisch also nicht mit Blut, sondern versuchen die Leser, eher mit einer Suspense-Atmosphäre in die Geschichte zu ziehen. Und der Art Director für Crime, Felix Bringmann, hat dafür eine sehr zurückhaltende, aber nicht weniger eindringliche Layoutsprache gefunden. Eines ist aber noch wichtig.

Ja?
Stern Crime ist selbstverständlich für alle an realen Kriminalgeschichten interessierten Menschen gemacht. Unsere Zielgruppe sind nicht nur Frauen.

Neben der optischen Herausforderung. Was machen Sie gegen die drohende Langeweile-Falle. Auf Dauer könnte es doch etwas öde werden immer nur Verbrechen nachzuerzählen?
Deshalb setzen wir vom ersten Heft an auf den richtigen Mix. So haben wir ein hochinteressantes Interview mit einem Verhör-Spezialisten, der erzählt, wie er in Vernehmungen versucht, die Wahrheit heraus zu bekommen. Wir berichten aber auch aus der Perspektive der Ermittler. So haben wir ein langes Porträt über einen Polizisten, der seit 17 Jahren versucht, den Fall Tristan zu lösen. Ich glaube auch, dass es nicht funktionieren würde, einfach nur Verbrechen nachzuerzählen.

Die Storys kommen aus der stern-Redaktion. Recyceln sie einfach altes Material?
Nein. Bis auf einen Artikel, den wir aktualisiert aus dem stern übernommen haben, bringen wir nur neues Material. Eine Geschichte haben wir aus Amerika zugekauft. Im vergangenen Jahr war diese vermutlich die beste Kriminalgeschichte in den USA. Es geht um eine Mutter mit einem gewalttätigen autistischen Kind, die irgendwann so verzweifelt ist, dass sie plant, sich und ihr Kind zu töten. Am Ende hat es Gott sei dank nicht funktioniert.

Becker Medien

In diesem Artikel gibt es gute Fotos der Familien und einen sehr direkten Zugang zu der Frau. Lassen sich solche Storys nur in den USA machen?
Meistens ja. Hierzulande sind die Restriktionen doch wesentlich höher, mit wem man als Journalist sprechen kann bzw. wen man zeigen darf.
Tatsächlich ist es bei diesem Thema eine große Herausforderung, presserechtlich immer auf der sicheren Seite zu bleiben und grundsätzlich nicht zu blutrünstig und boulevardesk zu werden.

Würden Sie auch investigative Geschichten in stern Crime bringen?
Nein. Wenn es eine große und aktuelle Geschichte gibt, würden wir die immer im stern machen.

Geht es in dem neuen Heft nur um Mord und Totschlag?
Wir beschäftigen uns mit allen Facetten von Verbrechen. So haben wir auch eine charmante Story über einen spanischen Hochstapler, der wirklich alle narrte.

Becker Medien

Sind sie selbst fasziniert von Verbrechen?
Teils, teils. Ich bin – und das gilt wohl für die gesamte Redaktion – vor allem an den Geschichten und den Menschen interessiert.

Beim Blättern zeigt sich schnell: Anzeigen sind noch Mangelware.
Aber es gibt schon welche. Viele Kunden wollen sich erstmal die erste Ausgabe ansehen, bevor sie buchen. Das ist bei diesem Thema auch verständlich.

Becker Medien

Was muss passieren, dass sie in einem Jahr sagen: stern Crime ist ein Erfolg?
Ich habe bei uns im Haus selten eine solche Begeisterung für ein neues Heft erlebt. Wenn sich diese Begeisterung auf das Heft und die Leser übertragen würde, wäre ein erstes Ziel schon erreicht. Das zweite wäre dann eine gute Auflage.

Die läge wo?
Wir gehen mit 150.000 Heften an den Start. Natürlich wollen wir möglichst viele Leser für unser Heft begeistern. Aber eine Schätzung ist auch deshalb schwierig, da es in Deutschland kein vergleichbares Magazin gibt.

Sie hätten also auch dann vieles richtig gemacht, wenn einer oder mehrere Verlage das Konzept nachmachen?
Das wäre in der Tat dann der dritte Punkt. Also erst gut angekommen, dann gut verkaufen und wenn wir auch noch kopiert werden, hätten wir wirklich vieles richtig gemacht. Wir würden uns der Konkurrenz stellen ­– und es wäre für uns ein Zeichen der Anerkennung.

stern Crime (140 Seiten) gibt es ab Samstag für 4,80 Euro. Die Druckauflage liegt bei 150.000. Das Magazin erscheint alle zwei Monate.

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