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Revanche für Protestaufruf? Presserat missbilligt Bild öffentlich, andere Medien aber nicht

Gerügt und auch noch öffentlich missbilligt: Kai Diekmanns Bild bekommt vom Presserat Saures

Nach einer beispiellosen Flut von Beschwerden hat der Deutsche Presserat am Donnerstag seine Entscheidungen verkündet. Bei der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz, so die Kurzfassung, durften Namen und Fotos des Co-Piloten veröffentlicht werden. Gerügt wurde die identifizierende Berichterstattung von Opfern und deren Angehörigen. Das war so auch erwartet worden. Erstaunlich dagegen: Bei Bild und Bild.de machte das Gremium nicht nur die Rügen publik, sondern entgegen den Regeln des Presserats auch die Missbilligungen.

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Anders als in früheren Fällen hat der Presserat in seiner Pressemitteilung ausführlich mit den Argumenten auseinandergesetzt, die zu den Entscheidungen geführt haben. Begründet wurde dies mit der extrem hohen Zahl der Beschwerden, die sich auf die Berichterstattung nach dem Absturz des Airbus 4U9525 am 24. März bezogen. 359 qualifizierte Beschwerden sollen beim Presserat eingegangen sein, darunter allein 144, die sich auf Nennung des Namens des für die Katastrophe verantwortlichen Co-Piloten Andreas Lubitz sowie die Veröffentlichung oder Verlinkung von Fotos des 27-Jährigen bezogen. Letzteres, so stellte der Presserat jetzt klar, war gerechtfertigt und verhältnismäßig.

Eine Rüge sprach das Kontrollgremium nach intensiver Beratung gegen Bild und Bild.de, weil dort Opfer bzw. Angehörige durch die Berichterstattung identifizierbar gewesen seien. Namentlich gerügt wurde auch die Rheinische Post wegen eines Artikels über die Freundin des Co-Piloten, durch den diese zumindest für einen erweiterten Bekanntenkreis erkennbar geworden sei. Diese Rügen, das schärfste Schwert des Selbstkontrollgremiums werden stets öffentlich ausgesprochen und via Pressemitteilung verbreitet. Die betroffenen Verlage sind dabei gehalten, die Rügen auch in den beanstandeten Medien zu veröffentlichen und so ihren Lesern zugänglich zu machen.

Anders verhält es sich bei Missbilligungen. Diese werden regelmäßig in den Pressemitteilungen anonymisiert und zunächst den jeweiligen Medien zugestellt. Diese sind dann zwar aufgefordert, die Missbilligungen selbst zu veröffentlichen – eine Verpflichtung hierzu gibt es aber nicht. Im aktuellen Fall wich der Presserat von der gängigen Praxis jedoch ab und missbilligte Bild Online gleich zwei Mal öffentlich. Alle anderen Medien, die in diesem Fall ebenfalls Missbilligungen kassierten (insgesamt vier), wurden nicht konkret benannt, sondern etwa als „eine regionale Tageszeitung“ ummäntelt. Ebenfalls merkwürdig: Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner schaffte es sogar mit einem „Freispruch“ in die Verlautbarung des Presserats. O-Ton: „Keinen Verstoß gegen den Pressekodex sah der Beschwerdeausschuss 2 in der Bild-Kolumne ‚Post von Wagner: Liebe Absturzopfer‘, gegen die 31 Beschwerden vorlagen. Ausschlaggebend war, dass in darin keine Äußerungen enthalten waren, welche gegen den Pressekodex verstoßen.“ Kommentierender Schlusssatz: „Zu Entscheidungen über guten oder schlechten Geschmack ist der Presserat jedoch nicht berufen.“

Solche beinahe emotionalen Einfärbungen kennt man von Begründungen des Presserats als objektive Ethik-Instanz sonst nicht. Verwundert bis verärgert fallen die Reaktionen im Hause Axel Springer aus. Wie zu hören ist, will man dort gegen die alleinige Nennung der Marke Bild im Zusammenhang mit den Missbilligungen vorgehen und sieht darin einen Verstoß gegen das Gebot der Unparteilichkeit des Presserats sowie eine Retourkutsche für die Aktion, zu der das Blatt Anfang der Woche aufgerufen hatte: Bezüglich einer im März ergangenen Rüge wegen der Veröffentlichung des unverpixelten Fotos eines 16-jährigen Mörders sollten Leser dem Presserat ihre Meinung mitteilen. E-Mail-Adresse und Telefonnummer der Berliner Geschäftsstelle lieferte Bild als Service gleich mit. Die Aktion startete am Dienstag, dem ersten von zwei Sitzungstagen des Beschwerdeausschusses.

Der Presserat bekam so die Macht von Bild zu spüren. Wie ein Sprecher auf Anfrage von MEEDIA sagte, seien „Hunderte von Mails und unzählige Anrufe“ eingegangen, bis heute stünden die Telefone nicht still. Neben Protesten bis hin zu „wüstesten Beschimpfungen“ habe es aber auch positive Reaktionen auf die Entscheidung des Presserats gegeben. Dass Bild Tage später so prominent in der Pressemitteilung zum Thema Germanwings auftauche, begründete er mit der „Größe des Mediums“ und der Vielzahl der gegen das Blatt eingereichten Beschwerden. Zwar seien Missbilligungen in der Regel nicht öffentlich, man habe davon aber auch in der Vergangenheit „in Einzelfällen“ abgesehen. Mit Blick auf die aktuelle Pressemitteilung erklärte der Sprecher: „Wir haben so formuliert, wie wir es für angebracht hielten und werden davon nicht abweichen.“

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