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Ist das noch privat? Die sozialmediale Netzjagd auf eine Welt-Autorin

Welt-Autorin Ronja von Rönne und der Artikel des Anstoßes

Ein Feminismus-kritischer Text einer Welt-Autorin wurde von einer Mitarbeiterin der “Tagesschau” zum Anlass genommen, eine sozialmediale Netzjagd anzuzetteln. Doch ist es überhaupt wichtig, dass die Urheberin der aktuellen Hass-Welle für die Online-Ausgabe der “Tagesschau” arbeitet? Aber ja!

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Darum geht es: Welt-Autorin Ronja von Rönne schrieb einen zugespitzten Meinungsbeitrag, warum sie mit der modernen Ausprägung des Feminismus, auch Netzfeminismus genannt, nichts anfangen kann. Der Text war Teil einer Pro- und Contra-Debatte in der Welt. Der Beitrag wurde von einigen rechtsradikalen Organisationen in sozialen Netzwerken empfohlen, Abteilung: Applaus von unerwünschter Seite. Die “Tagesschau.de”-Mitarbeiterin Anna-Mareike Krause nahm die Nominierung der Welt-Autorin für den Ingeborg-Bachmann Literaturpreis zum Anlass, sie auf Twitter dafür verantwortlich zu machen, dass sie von rechter Seite Applaus bekommt.

Was folgte, war eine Hass-Welle bis hin zu einem Tweet, den man als Mord-Aufruf interpretieren kann, und diverse Artikel, die für Frau von Rönne oder Frau Krause Partei ergreifen. Wer möchte kann das u.a. hier, hier und hier nachlesen. Dabei ist die Sache eigentlich einfach: Natürlich ist Ronja von Rönne nicht dafür verantwortlich, dass Rechtsradikale ihren Text empfehlen. Und natürlich ist das, was Anna-Mareike Krause auf Twitter mit Schützenhilfe des Grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck angezettelt hat (der hat fleißig retweetet), eine unappetitliche Form der virtuellen Menschenjagd.

Darüber hinaus interessant ist, dass in Texten zum Thema (so auch hier) immer wieder aufgegriffen wird, dass Frau Krause bei der “Tagesschau” arbeitet. Ist das ein wichtiger Aspekt der Geschichte oder versucht man hier, rein private Äußerungen mit konstruierter Fallhöhe zu versehen? Ist es nicht Privatsache, was Frau Krause unter ihrem Namen bei Twitter schreibt? Wird durch die Erwähnung ihres Arbeitgebers gar versucht, eine Form von Druck aufzubauen? Nach dem Motto: Wir wissen, wo Du schaffst? (Wobei das bei der “Tagesschau” nicht funktionieren dürfte, die Redaktion ließ bereits ausrichten, dass sie die Äußerungen von Frau Krause “privat” seien und man sich weiter dazu nicht äußern möchte).

Diese Fragen wecken Erinnerungen an den berühmten Justine-Sacco-Tweet. Die Mitarbeiterin der Internet-Agentur IAC twitterte rein privat sarkastische Witze von einer Afrika-Reise. Ein Tweet, der als rassistisch interpretiert und von dem Onlinemagazin-Valleywag zur Story gemacht wurde, sorgte für einen Mega-Shitstorm. Am Ende war Frau Sacco ihren Job los, traumatisiert und isoliert. Dabei hatte sie ihren Tweet nicht als offizielle Repräsentantin von IAC abgesetzt, sondern als Privatperson. Der Chefredakteur von Valleywag, der der Justine-Sacco-Story den Drive verpasste, rechtfertigte die Veröffentlichung allerdings mit ihrer Position als PR-Chefin bei IAC: “The fact that she was a P.R. chief made it delicious. It’s satisfying to be able to say, ‘O.K., let’s make a racist tweet by a senior IAC employee count this time.’ And it did. I’d do it again.”

Gegen den Justine-Sacco-Shitstorm war der Zwischenfall mit dem scheinbar frauenfeindlichen Instagram-Beitrag des Videobloggers Tilo Jung ein laues Lüftchen. Trotzdem sind beide Fälle verwandt. Jung veröffentlichte am Weltfrauentag eine Fotoserie, auf der vermeintlich zu sehen ist, wie einer Frau am Strand in den Rücken getreten wird. Dass dies eine Persiflage auf eine einigermaßen bekannte Fotoserie bei Instagram war, interessierte die empörungsbereite Netzgemeinde nicht weiter. Jungs Arbeitgeber Krautreporter distanzierte sich von dem Beitrag und ließ seine Mitarbeit pausieren. Dass Jungs Veröffentlichung rein privater Natur war, war offensichtlich egal.

Das Private und das Offizielle sind in den Sozialen Medien eben nicht scharf zu trennen. Im aktuellen Fall tut Anna-Mareike Krause in der Beschreibung ihres Twitter-Accounts sogar kund, dass sie für Tagesschau.de und ARD Aktuell arbeitet, schreibt aber auch: “Meine Meinung ist meine”. Wenn der Account rein privater Natur ist, warum dann dieser Hinweis auf den Arbeitgeber? Oder nehmen wir als prominentes Beispiel Bild-Chefredakteur und Viel-Twitterer Kai Diekmann. Der hat die Stellenbeschreibung Editor-in-Chief @BILD auch in seinem Twitterprofil stehen und trotzdem posiert er im Foto mit Arminia Bielfeld Mütze und überträgt ein Live-Video von den heimischen Viechern. Ist dieser Twitter-Account von Kai Diekmann nun privat oder äußert er sich dort offiziell in seiner Rolle als Bild-Chef oder beides? Die Natur solcher Twitter-Accounts legt Letzteres nahe. Das bedeutet aber auch für Frau Krause, dass sie sich nicht “nur” privat äußert, wenn Sie einen Twitter-Account betreibt, in dem sie mit ihren Arbeitgebern hausieren geht.

Das Hervorkehren der namhaften Medien, für die man tätig ist, mag den eigenen Äußerungen ein gewisses Gepräge verleihen. Das gilt aber im Guten wie im Schlechten. Wenn man Gehör für seine Äußerungen haben will, ist es einem manchmal vielleicht ganz recht, wenn man als “Tagesschau” oder “ARD” wahrgenommen wird. Wenn man aber einen digitalen Bock schießt, dann hat man es gerne, wenn die Äußerungen – bitteschön – rein privater Natur sind. Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.

Gerade bei Medienvertretern, bei denen es zum Selbstverständnis des Jobs gehört, dass sie sich öffentlich äußern, ist diese Ausrede mit “privat” doch ziemlicher Quatsch. “Privat” lässt sich im Web nicht nach Belieben ein- und ausknipsen. Jemand wie Anna-Mareike Krause sollte das wissen. Und vermutlich weiß sie es auch.

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