Anzeige

„Tagesschau“-Chef lädt zur Kritik, ignoriert aber Patzer zum Schweizer Online-Pranger

„Schweiz stellt Steuersünder an den Pranger“, titelt die Schweizer Sonntagszeitung am Wochenende und die „Tagesschau“ übernahm diese Meldung ungeprüft als Neuigkeit. Doch wie das Bildblog berichtet, ist die Veröffentlichung der Namen potenzieller Steuerbetrüger keinesfalls eine News. Eine Fehleinschätzung, der auch die „Tagesschau“ aufsaß. Passend dazu beschäftigte sich ARD-aktuell-Chef Kai Gniffke via Blog mit der Kritik an der aktuellen Folgen. Zum Patzer in Sachen Online-Pranger sagte er: nichts.

Anzeige

Die Namen von potenziellen Steuerbetrügern würden ab sofort im Bundesblatt, das im Internet für jeden zugänglich ist, veröffentlicht werden, heißt es in der Schweizer Sonntagszeitung. „Die Eidgenössische Steuerverwaltung wird mit Amtshilfegesuchen überhäuft. Frankreich, Deutschland, Russland, Indien und ein halbes Dutzend anderer Länder möchten wissen, welcher vermeintliche Steuersünder wie viel Geld in der Schweiz versteckt hat“, nennt Artur Rutishausen, Chefredakteur der Sonntagszeitung, als Grund.

Zahlreiche deutsche Leitmedien griffen das Thema des Online-Prangers auf. Unter anderem berichtete auch die „Tagesschau“ am Montag von der Steuerbetrüger-Liste im Netz und bezog sich dabei auf die Schweizer Sonntagszeitung. Die Kritik der deutschen Minister am Vorgehen der Schwarz war am Dienstag Aufmacher der 20-Uhr-Nachrichten.

Doch wie das Bildblog am Dienstag Abend berichtete, ist dies keinesfalls ein neues Vorgehen. Vielmehr würde die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) solche Namen bereits seit fünf Jahren veröffentlichen – für jedermann zugänglich im Internet. „Aus unserer Sicht ist da gar nichts neu“, teilte ein ESTV-Sprecher dem Bildblog mit. Auch an der Praxis habe sich nichts geändert. Der Schweizer Chefredakteur habe die Namensveröffentlichung als Neuigkeit verkauft – und die deutschen Medien die Story – ungeprüft – übernommen.

Am selben Abend, als der Bildblog über den fünf Jahre alten Online-Pranger berichtete, veröffentlichte der „ARD aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke im Blog der „Tagesschau“ eine Stellungnahme zur Kritik an der Dienstag-Sendung. Immer mal wieder lädt die Chefredaktion externe Kritiker ein, die Sendung unmittelbar nach der Ausstrahlung zu besprechen. Dieses Mal kam Annette Großbongardt zu Wort, die stellvertretende Ressortleiterin beim Spiegel.

Zwar wurde die Berichterstattung über das Vorgehen in der Schweiz kritisiert – doch hierbei ging es nicht um Aktualität der Nachricht, sondern um die Platzierung an Position 1 der „Tagesschau“ am Dienstagabend: „Als Aufmacher hätte sie sich lieber die Diskussion über die Homo-Ehe (dieser Begriff wäre eine eigene Diskussion wert) gewünscht, statt der Schweizer Offensive gegen potenzielle Steuersünder“, erklärt Kai Gniffke in seinem Statement. Außerdem habe Annette Großbongardt gefordert: „Erklärt besser worum es geht, bevor ihr Politiker zu Wort kommen lasst!“ Bei dem Beitrag zum Schweizer Steuerpranger sei zu wenig erklärt worden, was die Schweizer Steuerbehörden genau tun und welche Menschen betroffen sind. Zugunsten einer intensiveren Erklärung hätte man auf einen Landesminister verzichten können. Eine „intensivere Erklärung“ hätte dann vielleicht auch verdeutlicht, dass das Vorgehen in der Schweiz keinesfalls neu ist.

Mit seiner offenen Stellungnahme hat Kai Gniffke zwar automatisch auch alle Zuschauer zur Kritik aufgefordert – auf den Bericht des Bildblogs hat er bislang aber noch nicht reagiert.

Anzeige