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Mein Kind im Netz – Selbstdarstellung vs. elterliche Fürsorge

Mimi ist zwei Jahre alt und "Deutschlands jüngste Bloggerin". Experten warnen Eltern davor, im Netz zu freizügig mit Bildern und Informationen über die eigenen Kinder umzugehen.

Als Mimi geboren wurde, wog sie 2660 Gramm und war 48 Centimeter groß. Das war am 15. Oktober 2012 um 15.10 Uhr. Das kleine Mädchen tätigt an diesem Tag nicht nur den ersten Atemzug, sie startet auch ihr eigenes Blog: „Mein erstes Wort: Wääääää“ steht da. Mimis Online-Tagebuch hat die Diskussion über den Schutz von Kindern im Netz erneut befeuert. Eltern unterschätzen die Folgen, sagen Experten.

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Betreiber des #Mimi Blogs sind die Eltern des Mädchen. Es soll ein virtuelles Tagebuch sein, das sie sich von überall aus anschauen können. In Bildern dokumentieren sie, wie ihre Tochter aufwächst: Manchmal sind darauf Spielzeuge oder Bücher zu sehen, die Mimi gerne mag, manchmal ist sie selbst auf den Fotos, spielt mit Knete oder sitzt mit ihrem Vater auf einer Schaukel.

Schutz der Privatsphäre wird stark unterschätzt

Mittlerweile ist Mimi fast schon berühmt. Eine Vielzahl von Medien hat bereits über die „jüngste Bloggerin Deutschlands“ berichtet und natürlich ruft das kleine Mädchen aus Delmenhorst damit auch Kinderschützer und Medienexperten auf den Plan.

Denn spätestens seit der massenhaften Nutzung von sozialen Medien muss sich nicht nur jeder selbst fragen, welche Informationen er von sich preisgeben möchte. Auch der Umgang mit Informationen und Bildern der eigenen Kinder im Netz führt zunehmend zu Diskussionen. „Der Schutz der Privatsphäre von Kindern wird im Internet stark unterschätzt. Eine Foto in einem Brief an die Oma ist etwas ganz anderes als ein Foto auf Facebook“, mahnte beispielsweise die Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes Schleswig-Holstein, Irene Johns. 

Die Probleme, die damit einhergehen, sind vielfältig. Der Rechtsanwalt Tobias Schäfer fasste sie in einem öffentlichkeitswirksamen Facebook-Post bereits 2013 zusammen und traf damit einen Nerv: Nicht nur, dass jedes Foto und jede Information zum Angriffspunkt für Schulkameraden und Cybermobbing wird, einmal im Netz veröffentlicht, ist es nur sehr schwer, Informationen wieder zu entfernen. Denn mit dem einfachen Löschen ist es meist nicht getan. „Dritte, die die Fotos betrachten können, haben regelmäßig auch die Möglichkeit, sich diese Fotos auf ihren Rechnern zu speichern“, schreibt Schäfer und spricht damit auch eine Angst vor Pädophilen Netzwerken aus, die nicht erst seit der Edathy-Affäre an Aktualität gewonnen hat. Schäfer appelliert dabei in sokratischem Stil an die Vernunft und Moral der Eltern, indem er fragt: „Wie wollt ihr euren Kindern den immer wichtigeren sorgsamen Umgang mit persönlichen Daten im Internet beibringen, wenn das Leben des Kindes schon vorher lückenlos online steht?“

„Wir sind eine Nation der Selbstdarsteller“

Kinder, die sich im Nachhinein in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlen, können zwar rechtlich dagegen vorgehen. Das Recht am eigenen Bild gilt für sie genau wie für jeden anderen. „Technisch aber ist das kaum durchsetzbar“, sagt Medienrechtler Tobias Röttger. Der Jugendmedienschutzbeauftragte des Deutschen Kinderschutzbundes, Ekkehard Mutschler, verweist in diesem Zusammenhang vor allem auf den Datenschutz des Kindes: „Das wichtigste ist, dass man keine Rückschlüsse auf persönliche Daten ziehen kann, wie zum Beispiel den Wohnort.“

Grundsätzlich verstoßen Eltern aber gegen kein geltendes Recht, wenn sie Bilder ihrer Kinder ins Netz stellen – solange diese nicht selbst rechtswidrig sind. Als einzige Beschränkung könnte man noch die Ausübung der elterlichen Fürsorge heranziehen, die sich stets nach dem Wohl des Kindes richten soll. Das sei zwar nicht eindeutig definiert. „Ein Blog über das Leben meines Kindes dient jedoch nicht dessen Wohl sondern meiner eigenen Selbstdarstellung“, sagt Röttger.

Der Anwalt beobachtet hier einen Trend, der sich in seinen Augen in den nächsten Jahren noch verschärfen wird: „Wir sind eine Nation der Selbstdarsteller geworden. Nehmen Sie Programme wie YouNow oder Merkaat, aber auch die Nutzung von Handykamers im öffentlichen Raum, Live-Streaming. Die Leute begehen damit oft eine Persönlichkeitsverletzung nach der anderen. Das Problem ist: Die Angebote an sich sind ja nicht rechtswidrig.“

Eltern verwechseln die eignen Interessen mit denen ihrer Kinder

Wie sensibel viele bei diesem Thema mittlerweile sind, konnte man vor ein paar Wochen beobachten. Die Versicherungsgesellschaft Provinzial Rheinland hatte dazu aufgerufen, bei Twitter, Instagram, Facebook oder Google+ Fotos von Dingen zu posten, die „die Welt ein wenig bunter machen“ und den Nutzern ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Über dem Hashtag #weilsmirwichtigist war ein Baby mit großen Augen und nackten Schultern zu sehen, dazu die Aufforderung: „Dein #Nachwuchs ist dir das Liebste auf der Welt? Zeig es uns und unterstütze einen guten Zweck.“

Die Aktion löste eine Empörungswelle im Netz aus. Unter den lautesten Kritikern war auch Stefan Freise. Der Internet-Experte aus Paderborn ist Gründer der Initiative „Keine Kinderfotos im Social Web“ und folgt dem Credo: „Zeigt den Kindern die Welt, nicht die Kinder der Welt.“ Mit der Initiative und seinem Blog will er vor allem die Eltern an ihre Verantwortung erinnern: „Die Initiative habe ich nicht ins Leben gerufen, weil Fotos von Kindern im Internet von dritten missbraucht werden könnten, sondern weil Eltern, die Kinderfotos ins Web stellen, in meinen Augen meistens selbst die Täter sind, die Ihre Kinder benutzen“, schreibt Freise auf der Website. Für ihn ist die Situation ganz klar: „Macht Ihr diese Fotos von anderen “Großen” und stellt die dann ungefragt online? Nein, denn das gehört sich nicht. Es könnte ja die Privatsphäre des anderen verletzen. Genauso, wie es sich gehört, an die Türen Eurer Kinder zu klopfen, bevor Ihr dort reinstürmt, genauso gehört es sich, Eure Kinder zu fragen, ob Sie im Internet auf die Bühne möchten.“

Auch Mimis Eltern haben schon einiges an Kritik zu hören bekommen. Darauf reagieren sie aber gelassen: Allzu persönliche Dinge hätten keinen Platz im Mimi-Blog. „Wir wollen nicht ihr ganzes Leben veröffentlichen, sondern nur Bruchstücke“, zitiert NZW-Online den Vater des Mädchens. Außerdem könne das Kind den Blog später wieder löschen. Mimis Mutter scheint da skeptischer zu sein. Sie weiß: „Das Internet vergisst nie.“

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