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Auf Distanz zum Printmagazin: Spiegel Online will kein Leidmedium sein

Online-Chefredakteur Florian Harms (l.), Blattmacher Klaus Brinkbäumer

Eine Eilmeldung und ihre Geschichte: Der Absturz des Germanwings-Airbus in den Alpen hat auch Journalisten im Innersten berührt – doch um den Umgang mit Fakten und Indizien ist ein Streit entbrannt. Beim Spiegel hat die Debatte auch in der Berichterstattung unübersehbare Spuren hinterlassen.

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Wie wohl alle Nachrichtenredakteure waren auch wir bei MEEDIA geschockt vom Absturz der Germanwings-Maschine. Journalisten reisen viel, und jeder konnte sich ausmalen, dass man durch einen dummen Zufall selbst in der #4U9525 von Barcelona nach Düsseldorf gesessen hätte, einem Katzensprung-Flug von weniger als zwei Stunden, so kurz, dass diese Verbindung für die Lufthansa nicht mehr attraktiv genug war und diese die Tochtergesellschaft Germanwings mit der Ausführung beauftragt. Es war nach Jahrzehnten, in denen der europäische Luftverkehr der deutschen Airlines quasi ohne wirklich schweren Zwischenfall geblieben war, ein ganz und gar unerwartetes Ereignis. Und dann kam der Hammer: Nicht die Technik hatte, wie so oft, versagt, sondern der Mensch. Ein Co-Pilot als Massenkiller – wie geht man damit um?

Wer über Jahrzehnte als Redakteur gearbeitet hat, erinnert sich an viele Flugzeugabstürze mit fast immer grauenvollen Folgen. Wenigen Happyends wie der glimpflich verlaufenen Notwasserung eines US-Jets im Hudson River vor Manhattan, stehen etliche Totalverluste entgegen. Und immer berichteten und spekulierten die Medien in aller Welt über die Dramen und die Ursachen. Spekulationen waren dabei an der Tagesordnung, weil auch die Ermittler sich nicht sicher waren und zumeist sehr lange brauchten, um einigermaßen Klarheit in das Puzzle der mühselig gewonnenen Erkenntnisse zu bringen. In aller Regel dauerte es Monate, manchmal Jahre, bis sich die Absturzursache herauskristallisierte. In nicht wenigen Fällen blieb diese ungewiss.

Letzte Woche kam es anders. Eine einzige Pressekonferenz genügte, um alles zu erschüttern. Der ermittelnde Staatsanwalt in Marseille redete Klartext, er nannte Namen und bekräftigte seine Überzeugung, dass der junge Mann auf dem rechten Sitz im Cockpit die Wurzel allen Übels gewesen sei. Darauf war niemand vorbereitet, auch nicht die Nachrichtenprofis in den Redaktionen. Sie mussten gegen alle Erfahrung davon ausgehen, dass die Unglücksursache klar und eine langes Stochern im Nebel der Eventualitäten überflüssig sein könnte. Von jetzt auf gleich gab es nur noch ein Interesse: Was trieb den Co-Piloten? Und die Medien mussten liefern, die Nachfrage der Leser, Zuschauer oder der Web-Nutzer war gigantisch.

Der Spiegel hatte Glück, aber nur ein bisschen. Am Dienstag kurz vor Mittag passierte die Katastrophe, am Donnerstag morgen kam die entscheidende Wendung, am selben Abend war Redaktionsschluss. Genug Zeit, um das Thema mit einer Cover-Story ins Heft zu drücken, zu wenig Zeit, um Spiegel-typisch eine aufwändig recherchierte Geschichte zu erzählen. Und keine Chance, der Story als intellektueller Platzhirsch unter den Nachrichtenmedien zu entgehen. Der seit Jahresbeginn amtierende Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hat sich in dieser Frage klar positioniert und damit seinen Online-Kollegen Florian Harms vor ein Problem gestellt: Brinkbäumer verzichtete auf Wischiwaschi bei der Berichterstattung und konterkarierte den Kurs seines Digital-Statthalters. Der hatte auf Namensnennung und Fotos des Attentäters verzichtet – mit der nebulösen Begründung, dass der Sachverhalt (nach zwei Tagen!) noch nicht „abschließend geklärt“ sei.

Im gedruckten Spiegel ist von dieser Form der Bedenkenträgerei nichts zu spüren. Das Magazin schreibt: „Lubitz nutzte die Mittel der Attentäter des 11. September 2001, aber anders als sie hatte er offenbar keine Botschaft. Er ähnelt noch mehr dem norwegischen Irren Anders Breivik (…). Er tötete, per Knopfdruck, vielleicht nur, weil er es in seiner Position und in diesen Minuten (…) im Luftraum über Frankreich einfach konnte; ein größenwahnsinniger Nihilist und Narzisst.“ Über die – ungeklärten – Geschehnisse im Inneren des Airbus erfährt der Spiegel-Leser: „Drinnen im Cockpit ist es nicht still, jedenfalls nicht völlig. Auf den Mitschnitten ist ruhiges Atmen zu hören, das Ein- und Ausatmen von Andreas Lubitz, der sich zum Herrn über Leben und Tod macht.“

Über den mutmaßlichen Täter heißt es im Print-Spiegel: „Andreas Lubitz (…), der Mann im Cockpit, der 149 Menschen mit in seinen Selbstmord nimmt.“ Und weiter: „Er atmet normal. Ansonsten tut er nichts. Er spricht kein Wort. Vielleicht hat er zum Fenster hinausgeschaut, wie die Alpen näher kommen, näher und näher…“ Selbst die Familie des Co-Piloten wurde von den Spiegel-Rechercheuren heimgesucht. Im Artikel heißt es:  „Lubitz kommt aus einem biederen Einfamilienhaus am Stadtrand von Montabaur. Als am Donnerstagmorgen die Berichte über den Streit an der Cockpit-Tür bekannt werden, schließt ein mittelgroßer Mann mit schütterem Haupthaar noch schnell die Tür der Gartenhütte ab, bevor er ins Haus flüchtet. Gleich darauf sagt er über die Sprechanlage des Hauses nur zwei kurze Sätze: „Wir sind unendlich betroffen“ und: Er bitte um Verständnis darum, dass er ansonsten keinen Kommentar abgeben könne.“

Die Reporter des Spiegel haben alles versucht und natürlich wie in einem solchen Fall immer auch vor Ort bei den Angehörigen, aber ihre Ressourcen waren in diesem Fall äußerst limitiert. Zum Erscheinungstag am Samstag wollte man eine Deutung für die anspruchsvolle Leserschaft haben. Die klingt so: „Nichts beantwortet die Frage nach dem Warum. Kein Fundstück könnte befriedigend erklären, warum sich ein junger Pilot zu solcher Untat aufmacht. Möglicherweise werden sich auf keinem Bild Spuren finden lassen, die in die Gedankenwelt des Täters führen, weil er sich vielleicht gar keine Gedanken machte. Noch nicht einmal dann, als die Berge und Täler (…) vor den Cockpit-Fenstern rasend groß wurden.“

Dabei geht es hier nicht in erster Linie darum, ob die Praktiken der Spiegel-Redaktion in diesem Fall angemessen oder verwerflich sind, sondern darum, dass die Reporter des Heftes sich so verhalten haben, wie sie es sonst in ähnlichen Fällen auch getan haben, ohne damit einen Shitstorm unter Lesern wie Kritikern auszulösen, und es wundert schon, dass die derzeit in den sozialen Netzwerken grassierende Wut am gedruckten Spiegel vorbeigeht, obwohl dieser im Kern bei seiner Berichterstattung nach ähnlichen Kriterien zu verfahren scheint wie der Boulevard und viele andere Medien.

Die Onliner im eigenen Haus, die zur gleichen Zeit bergeweise Bedenken bezüglich einer identifizierbaren Berichterstattung zu Lubitz vor sich hertrugen und weder Namen noch Foto publizierten, jedenfalls muss das Print-Produkt wie eine Keule getroffen haben. Denn nicht nur den Co-Piloten, sondern auch die von ihm augenscheinlich mit in den Tod gerissenen Menschen nannten die Magazin-Kollegen ohne jeden Skrupel im aktuellen Heft mit vollen Namen. Auszug: „Es sterben im Gebirge die aus Düsseldorf stammende Altistin Maria Radner, 33, und der in Kasachstan geborene Bassbariton Oleg Bryak, 54. Es stirbt Manfred Jockheck aus Dortmund, Ehemann, Vater, Lokalpolitiker, Künstler, Hochschuldozent mit zig Ehrenämtern; mit ihm seine Frau Sabine. Es stirbt Ramón de Santiago, …“ Und so weiter und so weiter. Allein zwanzig Opfer werden vom Spiegel namentlich und teils in ihren Lebensumgebungen identifzierbar benannt. Als Grund für deren Tod notiert der Print-Spiegel lapidar: „Weil Andreas Lubitz es so wollte.“

Für Florian Harms und sein hehres Aufbegehren gegen die allgegenwärtige Praxis der Täteridentifizierung war das wohl hochnotpeinlich. Er musste seine Doktrin der Anonymisierung aufgeben, gezwungenermaßen, weil Spiegel Online sich schlecht im Widerspruch zum Print-Magazin profilieren konnte, ohne der Marke insgesamt Schaden zuzufügen. Harms beugte sich, aber nur halbherzig, nach Art von Zöllnern im Bummelstreik. Der SpOn-Chefredakteur wies seine Mannschaft an, den vollen Namen des Todespiloten in die Artikel einzufügen. Aber bis zum Sonntagabend waren keine Fotos von Lubitz auf dem wahrscheinlich (noch) renommiertesten Newsportal der Republik zu finden, obwohl diese längst von allen Fotoagenturen verbreitet wurden. Die Berichte zur Person waren bei SpOn statt dessen mit startenden Flugzeugen, Helikoptern in der Unglücksregion oder sonstigen Symbolfotos garniert.

Damit nicht genug: Die lapidare Information eines französischen Ermittlers in einer dpa-Meldung, dass (vier Tage nach der Katastrophe) selbstverständlich weiter in alle Richtungen ermittelt werde, titelte Spiegel Online am Samstag reißerisch: „Ermittler schließen technischen Defekt nicht aus.“ Zudem finden sich seit dem Erscheinungstag des Germanwing-Spiegels auffällig viele medienkritische Headlines auf der Online-Plattform. Es wirkt wie eine pädagogische Maßnahme gegen den Medien-Mainstream. Und obwohl die Nachfrage nach neuen Erkenntnissen zum Germanwings-Absturz im Web ungebremst war, widmete sich Spiegel Online bei den Aufmachern plötzlich gefühlt deutlich intensiver als an den Tagen zuvor außenpolitischen Themen.

Fremdelt die Online-Führung bei Spiegel mit der selbstverständlichen Art, in der sich die Heft-Kollegen (ebenso wie die Redaktion von Spiegel TV) an die Aufklärung der Flugzeug-Katastrophe gemacht haben und in welcher Weise diese personenbezogene Daten öffentlich gemacht haben? Das wäre verwunderlich, denn traditionell gilt eher Spiegel Online als das „schnell schießende“ News-Medium, das die Klasse des gedruckten Magazins nicht erreicht. Und als der langjährige SpOn-Chefredakteur Mathias Müller von Blumencron (heute Digitalchef von FAZ.net) vor etlichen Jahren sein Panorama-Ressort mit einer Bild-Redakteurin besetzte, gab es einen ordentlichen Shitstorm und den Vorwurf, Spiegel Online käme daher, wie man sich bei Springer den Web-Auftritt der Bildzeitung wünsche.

Davon ist aktuell beim Spiegel wenig zu spüren. Wenn man das Print-Magazin und auch die TV-Sendung „Spiegel TV Magazin“ mit der Berichterstattung der Onliner vergleicht, so gewinnt man den Eindruck, dass diese sich weigern, beim Absturz Leidmedium zu sein. Trauernde Freunde befragen, bei Angehörigen an der Tür zu klingeln, Fotos und Dokumente beschaffen – so läuft das bei SpOn offenbar nicht (mehr). Der neu ernannte Online-Chefredakteur Florian Harms demonstriert durch sein Agieren in der Germanwings-Berichterstattung Selbstbewusstsein gegenüber dem Magazin-Chef Klaus Brinkbäumer, der zugleich sein Herausgeber ist. Er muss sich aber fragen, ob er sich in einem Fall von historischer Dimension damit nicht verrannt und seinem Portal geschadet hat – und ob seine Haltung noch mit der der redaktionelle Linie der Marke in Deckung zu bringen ist.

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