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ESC-Vorentscheid und der Kümmert-Eklat: die bislang beste Werbesendung für Live-TV des Jahres

Was eine Minute alles ändern kann: Fast zwei Stunden lang versuchte Das Erste bereits irgendwie Eurovision-Stimmung und vor allem -Spannung aufkommen zu lassen. Als eigentlich alles schon entscheiden war, kam der Hammer: Der völlig überraschende Verzicht von Andreas Kümmert änderte alles. Diese eine Fernseh-Minute zeigte, welche Kraft Live-TV manchmal und viel zu selten entwickeln kann und dass Netflix & Co. das nicht bieten können.

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Bis fast zum Schluss servierte Das Erste solide Vorentscheid-Kost ab: überwiegend langweilige Künstler lieferten Musik von der Stange. Einzige Ausnahme: Andreas Kümmert mit seiner Stimme, die tatsächlich das Zeug dazu hätte, ganz Europa in seinen Bann zu ziehen.

Bis auf den Gewinner von „The Voice“ bewiesen die anderen Kandidaten vor allem eines: In Wien werden sie keine Chance gegen die europäische Konkurrenz haben.

Sonstige Höhepunkte der Show: Barbara Schöneberger zeigte einmal mehr, dass sie jeden Event mit Charme und Witz wegmoderieren kann. Und Pausenfüller Mark Forster legte einen Auftritt hin, den selbst Schöneberger mit der ehrlichen Erkenntnis kommentierte, dass er mit diesem Song und dieser Performance sicher gewonnen hätte. Selbst in Wien wäre wohl ein Top-Ten-Platz drin gewesen.

Zudem gelang es den öffentlich-rechtlichen Machern mal wieder, ein maximal verwirrendes Prozedere mit Halbfinale und Finale sowie verschiedenen Songs, die die einzelnen Teilnehmer singen mussten, zu entwickeln. Zum wiederholten Male wünscht sich der geneigte Zuschauer da, dass Stefan Raab wieder die Kapitänsrolle im ESC-Team übernimmt. Um so schlimmer deshalb, dass der ProSieben-Star sogar im Vorspann zur Sendung zu sehen war.

Doch das war letztendlich unwichtig. Als alles eigentlich schon vorbei war und der moderne Zuschauer gerade überlegte, ob er jetzt wieder zu Netflix oder Amazon Prime Video wechseln soll, passierte die Überraschung: Der klare Gewinner, Andreas Kümmert, ließ Schöneberger erst seinen Triumph verkünden, um dann live noch einen Rückzieher zu machen.

„Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen“

Während das Publikum im Saal buhte und Schöneberger erstaunlich cool blieb, erklärte Kümmert, dass er nicht in der Lage wäre den ESC-Stress durchzustehen („Ich bin nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen“). Statt lange zu betteln schickte Schöneberger den Kneifer einfach von der Bühne. Besser kann man nicht reagieren.

Bereits während Kümmert seinen Verzicht erklärte, war wohl allen Zuschauern klar: Darüber diskutiert am Freitagmorgen ganz Deutschland und das ist etwas, was nur Live-TV kann. Natürlich werden die Streaming-Portale noch die ganze Fernsehlandschaft zerpflügen, doch solche Momente, die sich wirklich ins kollektive Gedächtnis der Mediengesellschaft brennen, schafft nur die gute alte Flimmerkiste, in die zeitgleich möglichst viele Menschen starren und emotional mitgehen. Nichts hat soviel Kraft wie millionenfach ausgelebte Überraschung, Wut oder Freude.

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